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Selbsterfahrung: Topmanager spielen Tarzan & Jane

Hochseilgärten werben mit sportlicher Herausforderung, Stärkung der Teamfähigkeit und Überwindung der Angst. Immer mehr Unternehmen schicken ihre Topmanager auf schwebende Holzstämme und wackelige Seilbrücken.

In fünf Metern Höhe balanciert sie mit verbundenen Augen über schwebende Holzstämme und wackelige Seilbrücken. Darunter ein reißender Fluss. Zum Festhalten gibt es wie bei Tarzan & Jane nur Lianen. Und dann der freie Fall nach unten: Die Sicherheitsseile bremsen rechtzeitig, der Nervenkitzel ist beendet. Der gefährliche Dschungel verwandelt sich in einen höchst sicheren, fränkischen Hochseilgarten. Christina Gerstmeier hat wieder Boden unter den Füßen. Jetzt erst einmal ausatmen.

Bundesweit sind Hochseilgärten wie dieser im fränkischen Pappenheim in den vergangenen Jahren förmlich aus dem Boden geschossen. Über 100 Anlagen in Deutschland werben mit sportlicher Herausforderung, Stärkung der Teamfähigkeit und Überwindung der Angst. Nicht nur bei abenteuerlustigen Jugendlichen sei der Hochseilgarten beliebt wie nie zuvor, sondern auch bei Vereinen und Topmanagern, sagt Volker Bauer, Trainer im Hubert-Schwarz- Hochseilgarten in Kammerstein-Poppenreuth (Landkreis Roth). Die Nachfrage sei auffallend gewachsen, allein im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent.

"Ich habe mehr riskiert als ich selber wollte"

Die auf den ersten Blick durchweg positiv erscheinende Freizeitbeschäftigung ist nicht ganz unumstritten. "Die Betreiber verkaufen etwas für teures Geld, was sie nicht bieten können", kritisiert Cornelia Schödelbauer. Die ausgebildete Hochseilpark-Trainerin hat zum Thema Erlebnispädagogik promoviert und ist Lehrbeauftragte an der Uni Erlangen-Nürnberg. "Da oben auf dem Seil ist man der einsamste Mensch der Welt. Mit Teamarbeit und Kommunikation hat das nichts zu tun."

"Erst wollte ich nicht nach oben klettern. Allein schon auf der Leiter hatte ich Höhenangst", erzählt Christina Gerstmeier. Die 15-Jährige besuchte zusammen mit ihrer Jugendgruppe den ökologischen Hochseilgarten in Pappenheim (Landkreis Weißenburg). "Ich war nur froh, wieder auf sicherem Boden zu sein. Ich habe mich von der Gruppe verleiten lassen und mehr riskiert als ich selber wollte. Jetzt bin ich aber trotzdem stolz auf mich." Diesen Gruppendruck kritisiert Cornelia Schödelbauer. Bei Vereinen oder Betriebsausflügen herrsche immer ein derart großer Gruppenzwang, dass es zu Grenzverletzungen komme und nicht immer, wie bei Christina, positiv ausgehe.

Erfahrungen im Beruf umsetzen

"Das Spiel mit den Kräften - sowohl den mentalen als auch den körperlichen - und das Ausloten der eigenen Grenzen mitten in der Natur fasziniert unser Publikum", erzählt Volker Bauer. Der Trend komme aus Amerika von der US Army, die ähnliche Konstruktionen zur Ausbildung der militärischen Truppen nutze. Die gewonnenen Eigenschaften und Fähigkeiten sollten die Teilnehmer dann mit in den Alltag nehmen. Wer durch Mut, Kooperation und Kommunikation im Hochseilgarten schwierige Elemente bestehe, könne die Erfahrungen im Beruf umsetzen. "Bei vielen Stationen können die Teilnehmer Angst vor unmöglich erscheinenden Aufgaben abbauen und auch mal über den eigenen Schatten springen", sagt der Trainer.

Schödelbauer ist der Meinung, dass nur diejenigen aus dem Hochseilgarten gestärkt hinausgehen, die vorher auch schon stark waren. Alle anderen, die vielleicht das eine oder andere Element nicht erfolgreich bestanden haben, seien noch schwächer und ängstlicher geworden. Sie kritisiert vor allem, dass es bei Hochseilgärten kaum psychologisch geschultes Personal gebe und häufig keine Einsteiger-Elemente vorhanden wären. "Sinnvoll ist Hochseilklettern nur für die eigene Selbsterfahrung, aber immer auf freiwilliger Basis."

Nervenkitzel, Spannung, Angst und Erfahrung inklusive

Angst hatte Christina Gerstmeier vor allem vor dem Herunterfallen. Doch die oft gefährlich aussehenden Stationen sind mit höchster Sicherheitstechnik versehen und werden regelmäßig vom TÜV kontrolliert. "Die Teilnehmer sichern sich gegenseitig. Wenn einer gerade klettert, wird er von den anderen mehrfach durch Sicherheitsseile festgehalten", betont Paul Schmidt vom ökologischen Hochseilgarten in Pappenheim.

Viele Hochseilgärten bieten auch eigens auf die Gruppen zugeschnittene Programme an, die meist mit einem Aufwärmtraining und Spielen zum Kennenlernen beginnen und einer abschließenden Erlebnisreflexion abschließen. Je nach Angebot kosten solche Erlebnistage 45 bis 90 Euro - Nervenkitzel, Spannung, Angst und Erfahrung inklusive.

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