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Streik am Theater: "Stinkt nur nicht so wie bei den Kollegen vom Müll"

Der öffentliche Dienst streikt. In München aber sind nicht nur Müllmänner und Klinikangestellte im Ausstand, sondern auch die Theaterleute - Szenen eines weitgehend unbemerkten Streiks.

Von Marie-Sophie Löhlein

München, Donnerstag, 16. Februar 2006. Am Hintereingang des Bayrischen Staatsschauspiels am Marstallplatz steht eine Gruppe von etwa 15 Leuten im Nieselregen. Passanten kommen hier wenige vorbei. Die Leute gruppieren sich um einen Bau-Container mit der Aufschrift Verdi. In ihm stehen ein paar Bierbänke, Kaffee wird ausgeschenkt, überall liegen Flugblätter herum. Die Leute stehen dort schon seit vier Tagen, beinahe ununterbrochen. Sie streiken, sie frieren und sie freuen sich, wenn sie mal angesprochen werden.

Warum der ganze Aufstand wegen 48 Minuten - in Bayern sind es nicht nur 18 Minuten - Mehrarbeit pro Woche? "Seid doch froh, dass ihr überhaupt eine Arbeit habt", ist ein Satz, den sie schon oft zu hören bekommen haben. "Ja aber darum geht’s ja gerade", sagt einer aus der Reihe der Streikenden die ihre Namen nicht nennen wollen.

Vorwand um neun Prozent der Stellen zu abzubauen

Die Erhöhung der Arbeitszeit von 38,5 auf 42 Stunden pro Woche in Bayern sei doch nur ein Vorwand der Regierung, um die Stellen um neun Prozent zu reduzieren, das wäre dann auf lange Sicht eine Vernichtung von rund 9000 Arbeitsplätzen allein im Freistaat. Um das zu verhindern, steht der 42-jährige nun schon seit Montag an derselben Stelle, zuerst dem Schnee, jetzt dem Regen trotzend.

Doch lange, so sagt der Schnürmeister, könne er das nicht mehr durchhalten: "Das Geld rinnt mir durch die Finger". Beinahe der gesamte Streiksold, der nur rund die Hälfte seines Normalverdienstes ausmacht, rund 1250 Euro netto, geht alleine schon für die täglichen Fahrtkosten von seinem Wohnort Landshut nach München drauf. "Im Moment habe ich rechnerisch ungefähr 2,50 Euro pro Tag zum Leben", sagt er.

Da trifft es sich gut, dass zumindest die warmen Getränke im Container gratis sind, Die spendiert Verdi ihren an der Front ausharrenden Mitgliedern. Er stehe hier, sagt der Schnürmeister noch, auch im Namen seiner Frau, die schon die 42-Stunden-Woche hinnehmen musste, jedoch auf Grund ihres Beamtenstatus` nicht streiken kann.

Nicht nur um die Arbeitszeitverlängerung und die Arbeitsplatzverluste geht es den in der Kälte Ausharrenden. Man ist verbittert über eine ganze Reihe von Einkommenseinbußen in den letzten Jahren: Seit zwei Jahren keine Lohnerhöhung mehr, Umzugstage werden nicht mehr bezahlt, die Essenszulage ist weg, auch die zwei freien Tage nach Schichtarbeit gibt es nicht mehr, die Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld ist angekündigt, was einer achtprozentigen Einkommenskürzung entspricht.

"Knapp über dem Sozialhilfeniveau" sei ihr Grundgehalt dann, sagt ein Kollege, Galerist von Beruf. Wenn man nun nicht gegenhalte, und einen Dammbruch auf breiter Front zulasse, "befinden wir uns bald auf dem Stand der Arbeitsbedingungen von vor 45 Jahren."

Vorstellungen werden nur konzertant gegeben

Als doch ein paar Passanten vorbeikommen und fragen ob die Theatervorstellungen, für die sie Karten haben, stattfinden, wird ihnen freundlich der Stand der Dinge erklärt: Vorführung ja, aber konzertant, also ohne Bühnenbild. Dabei hängen alle an ihrem Theater: "Wir lieben unsere Arbeit, aber nicht um jeden Preis, die Freude daran muss erhalten werden", sagt der dienstälteste Kollege, der seit 32 Jahren am Residenztheater in München Kulissen schiebt. Bei allem Frust sind die Hoffnungen hochgesteckt: Durch die Bestreikung der Deutschen Theatertage, wollen die 15 nun auch "international auf sich aufmerksam machen".

Die Solidarität der Schauspieler mit den Angestellten scheint hoch. Auf die Frage ob sie die Streikenden unterstütze, antwortet die Münchner Schaustellerin Barbara Meltzel: "Natürlich verstehe ich ihre Beweggründe, es geht hier schließlich um Existenzen". Jennifer Minetti unterbrach den Applaus nach einer Vorstellung, um die Vorarbeit der nicht anwesenden Streiker hervorzuheben, "ohne die diese Aufführung gar nicht hätte stattfinden können".

Die Schauspieler sind von den verlängerten Arbeitszeiten nicht betroffen, denn sie haben, wie das ganze künstlerische Personal einen befristeten Vertrag, werden also von den jeweiligen Intendanten für eine bestimmte Zeit ans Theater berufen, dieser und nicht der Staat ist ihr Arbeitgeber. Die unterschiedlichen Verträge, der einzelnen Theatermitarbeiter ermöglichen es also, dass trotz allem immer noch Vorstellungen stattfinden können.

Bei "Herrn Stoiber" fährt wieder Leben in die nassen Gestalten

Der Regen wird stärker, die Träger der dünnen, weißen Plastikumhänge mit dem roten Verdi-Emblem wirken nach sechs Stunden in der Kälte müde und traurig. Nur wenn das Gespräch auf "Herrn Stoiber" kommt, den bayerischen Ministerpräsidenten, fährt wieder Leben in die nassen Gestalten.

Vor allem die Aussage der Landesregierungen, es müssten eben Einsparungen gemacht werden, um das Haushaltsloch zu stopfen, macht sie wütend: "Wenn die da oben sich einbilden, wir bräuchten in Bayern unbedingt einen Transrapid, müssen wir den Kopf dafür hinhalten", empört sich ein Kostümschneider aus dem Bayrischen Staatstheater am Gärtnerplatz. Er ist ein türkischer Moslem, ihm liegt viel daran, dem von Stoiber geforderten "Ideal eines europäischen Bürgers" zu entsprechen. Von seinem Lohn finanziert er sich in seiner Freizeit Sprachkurse, geht zu Vorlesungen. Er will sich integrieren, will die deutsche Kultur kennen lernen. "Nur bei einer 42-Stunden-Woche, ohne Lohnerhöhung, habe ich weder die Zeit noch die Mittel dazu".

Das bisher offensichtlich geringe Interesse der Öffentlichkeit am Ausstand der Theaterleute überrascht hier allerdings keinen: "Wenn das Theater streikt, stinkt´s halt nicht wie bei den Kollegen vom Müll", siniert ein 20-jähriger Bühnenarbeiter.

Dennoch sind die wackeren Streiker vom Marstallplatz wild entschlossen "endlich mal dem Herrn Stoiber die Stirn zu bieten". Wenn´s ums Durchhalten geht, pumpen sie sich richtig auf unter ihren Plastikumhängen: "Aufgegeben wird nicht, auch wenn wir hier noch monatelang stehen müssen". Wenigstens scheint mittlerweile auch in München die Sonne.