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Wirtschaftsprofessorin Studie über toxische Chefs: "Schlechte Führung kostet Geld"

Chef
Toxisches Führungsverhalten schadet Unternehmen massiv, sagt eine neue Studie.
© Getty Images
Wie verbreitet ist schädliches Führungsverhalten und was sind die Folgen? Das hat BWL-Professorin Christina Hoon untersucht. Im Interview berichtet sie von toxischen Effekten, die Unternehmen massiv schaden.

Frau Hoon, Sie haben rund 40.000 Einträge auf der Arbeitgeberbewertungsplattform Kununu untersucht, um herauszufinden, wie verbreitet toxische Führung ist. Wie sehr leiden Arbeitnehmer unter dem Gift ihrer Chefs?

Generell haben wir in den Daten vor allem viel gutes Führungsverhalten gefunden. Nur jeder fünfte Beschäftigte bewertet das Führungsverhalten seiner Chefs negativ. Allerdings sind trotzdem sehr viele Unternehmen betroffen: Wir haben Bewertungen für 148 Arbeitgeber untersucht, bei 85 Prozent von ihnen gab es negatives Führungsverhalten.

Was ist denn in diesem Zusammenhang überhaupt schlechtes Führungsverhalten?

Von negativem Führungsverhalten sprechen wir, wenn jemand seinen Vorgesetzten als destruktiv, missbrauchend oder übergriffig bezeichnet. Das hat meist mit Anschreien oder anderen Arten von Druck zu tun. Der wissenschaftliche Begriff lautet "abusive supervision", auf Deutsch sagen wir oft einfach schlechtes oder destruktives Führungsverhalten.

Christina Hoon
Christina Hoon, 48, ist Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bielefeld. Sie ist Inhaberin des Stiftungslehrstuhls für BWL, insbesondere Führung von Familienunternehmen.
© Stefan Sättele

Was sind die Folgen destruktiven Führungsverhaltens?

Wir können sehr klar aufzeigen, dass schlechtes Führungsverhalten negative Effekte hat. Selbst wenn nur einzelne schlechte Führungskräfte in einer Organisation sind, ist dort das Zufriedenheitslevel mit einer statistisch signifikanten Wahrscheinlichkeit niedriger. Unsere Daten zeigen außerdem, dass die Unternehmen, in denen das Zufriedenheitsklima sinkt, auch weniger leistungsfähig sind als Unternehmen mit guter Führung. Daraus kann man ableiten: Schlechte Führung kostet Geld.

Was haben Sie noch beobachtet?

Dass schlechte Führung toxisch ist. Wenn Beschäftigte die Führungsleistung im Top-Management schlecht bewerten, dann schätzen sie auch mit hoher Wahrscheinlichkeit das Führungsverhalten ihrer direkten Vorgesetzten als schlechter ein. Der negative Effekt, den schlechte Führung an der Spitze eines Unternehmens hat, ist damit sehr viel stärker ist, als man bislang geglaubt hat. Weil eben nicht nur die direkten Mitarbeiter des Unternehmenschefs betroffen sind, sondern dieser toxische Effekt bis nach unten zu den einfachen Mitarbeitern durchsickert.

Der Fisch stinkt vom Kopf.

Genau. So könnte man es auch bezeichnen.

Schlechte Führung führt also häufig zu schlechter Unternehmens-Performance. Allerdings trifft das nicht immer zu. Sie sind auch auf spektakuläre Ausnahmen gestoßen.

Das ist total spannend. Denn wir haben gesehen: Wenn die Führung zu weich ist, tut das den Unternehmen auch nicht gut. Ein Kuschelkurs kann ebenfalls zu niedriger Zufriedenheit und schlechter Performance führen.

Und dann gibt es noch das andere Extrem, das Sie "Hell's Kitchen" nennen. Was hat es damit auf sich?

Das waren etwa 16 Prozent der Unternehmen. Dort herrschte ein toxisches Führungsklima – und trotzdem waren die Mitarbeiter zufrieden und sorgten für eine gute Performance der Firma. Das zeigt: Es gibt durchaus Unternehmen, denen ein rauerer Führungsstil gut tun kann.

Was sind das für Unternehmen, ist das typisch für bestimmte Branchen?

Ob das typisch für bestimmten Branchen ist, zeigt unsere Studie leider nicht. Aber man kann sich da vielleicht eine Sterneküche vorstellen, wo der Ton gerne mal etwas rauer ist und die Ergebnisse trotzdem sehr gut sind. Daher haben wir diesen Typ Unternehmen auch "Hell's Kitchen" genannt. Auch aus dem Krankenhauskontext weiß man aus anderen Forschungen, dass dort häufig ein rauerer Umgang gepflegt wird und Teams trotzdem sehr erfolgreich zusammen arbeiten.

Sie haben sich auch angeschaut, ob Familienunternehmen eine bessere Führungskultur haben als andere Unternehmen. Was kam dabei heraus?

Über Familienunternehmen sagt man ja häufig, dass es dort einen speziellen Kümmerfaktor gibt. Unsere Studie zeigt nun, dass das Ausmaß an "abusive supervision" dort ähnlich ausgeprägt ist. In Familienunternehmen herrscht also nicht per se ein besseres Führungsklima. Aber: Interessanterweise richtet schlechtes Führungsverhalten in diesen Unternehmen weniger Schaden an. Die Mitarbeiterzufriedenheit sinkt trotz mieser Chefs nicht so stark ab.

Warum ist das so?

Da können wir nur spekulieren. Vielleicht sind es die langfristigen, familiären Arbeitsbeziehungen, ein höheres Verantwortungsbewusstsein für die Beschäftigen oder Wertevorstellungen der Unternehmerfamilie. Auf jeden Fall scheint es einen gewissen Puffer-Effekt zu geben, der dafür sorgt, dass schlechte Führung in Familienunternehmen weniger stark auf Mitarbeiterzufriedenheit und Unternehmensleistung durchschlägt.

Was sollten Unternehmen aus Ihrer Studie mitnehmen?

Dass schlechte Führung Geld kostet und sie deshalb etwas dagegen tun müssen. Häufig höre ich aus Unternehmen Dinge wie "Ja, der ist halt so" oder "Das halten wir schon aus". Aber ignorieren oder ertragen ist falsch. Unternehmen sollten auch auf einzelne Fälle toxischer Führung reagieren, sonst stecken diese die ganze Hütte in Brand.


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