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"Milch ist Macht": Der Streik der Bauern

Die Milchbauern streiken - und was passiert? Wird der Joghurt knapp oder der Käse? Ist das Frühstücksmüsli gefährdet? Nichts dergleichen, behaupten die Einzelhändler. Deren Lässigkeit heizt die Wut der Landwirte nur noch weiter an. Sie schütten ihre Milch in die Gülle. stern.de hat einen streikenden Bauern besucht.

Von Tonio Postel, Schwitschen

Im Kuhstall von Milchbauer Jörg Hüner ist von Aufregung nichts zu spüren. Die schwarz-weiß gescheckten Kühe kauen, den Kopf durchs Gitter gestreckt, langsam und genüsslich auf ihrem Heu herum, das in großen Mengen vor ihnen liegt. Das Geschirr der Kühe klackert metallisch am Gitter, der herbe Duft von Kuhfladen und Urin zieht in die Nase. Schwalben schweben im Tiefflug durch die Scheune, und zwei hüfthohe Doggen beschnuppern ausgiebig jeden Fremden.

Auch wer Jörg Hüner an diesem Morgen auf dem Hof seines Familienbetriebs auf dem platten Land zwischen Fallingbostel und Rotenburg an der Wümme in Niedersachsen antrifft, mag nicht so recht glauben, dass sich hinter seinen freundlichem Gemüt eine Mordswut verbirgt, dass er findet, dass es so auf keinen Fall weitergehen darf. Die Milchpreise sind einfach zu niedrig, meint Hüner. Und damit auch alle begreifen, dass sie steigen müssen, streikt er jetzt: Seit Dienstag liefert der blonde 41-jährige Bauer keine Milch mehr aus.

Edeka juckt der Boykott nicht

Hüner ist nicht allein. 88 Prozent seiner im Bundesverband Deutscher Milchbauern (BDM) organisierten Kollegen beteiligen sich nach Angaben des Verbandes an dem Streik, in der ganzen Republik, vor allem in Süddeutschland, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. "Jetzt geht's los", lautet das Motto. Die genaue Zahl der streikenden Milchbauern kennt noch niemand.

Der Einzelhandel, allen voran der Lebensmittelriese Edeka, sagt, noch würde ihn der Boykott nicht jucken. Hamsterkäufe von Milch und Joghurt seien überflüssig. Ähnlich äußert sich auch der Einzelhandelsverband: "Wenn einige Bauern nicht liefern, werden andere einspringen", argumentiert HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. "Es gibt ja zu viel Milch, und deshalb kann dieser Streik auch nichts bewirken. Er verpufft, er ist geradezu absurd - notfalls kommt die Milch eben aus dem Ausland."

Die Bauern finden dagegen schlicht, dass der Milchpreis zu niedrig ist. 33 Cent pro Liter, die die Molkerei ihm momentan zahlen will, seien zu wenig; manche seiner norddeutschen Kollegen erhalten nur 28 Cent pro Liter, sagt Milchbauer Hüner. Die Milchbauern fordern 43 Cent, um kostendeckend arbeiten zu können. Schließlich hätten sich die Futterkosten seit einem Jahr beinahe verdoppelt und auch die Preise für den Kraftstoff seiner beiden Traktoren und den Strom sind gestiegen, argumentieren sie.

Der Protest erfordert harte Maßnahmen. Und deshalb schüttet Hüner knapp die Hälfte der 2300 Liter Milch, die seine 85 Kühe täglich produzieren, heute erstmals in die Gülle. Den Rest gießt er gerade in die Kälbertränke oder gibt sie seinen 350 Schweinen. "Das ist eine absolute Notsituation, mancher Landwirt wird dabei sicher heulen", sagt Hüner. Ein Streik im eigentlichen Sinne sei dies jedoch nicht, denn "wir arbeiten ja weiter, melken zwei mal täglich die Kühe, füttern und pflegen sie - es fehlen nur die Einnahmen".

Gegen den Liefervertrag mit seinem Abnehmer verstößt er mit seinem Verhalten nicht: "Ich darf die Milch nicht an eine andere Molkerei verkaufen, aber innerbetriebliche Verwertung ist erlaubt", sagt Hüner. Für den Landwirt ist diese Entwicklung "typisch für unsere heutige Gesellschaft". Er sitzt am Tisch seines roten Backsteinhauses und wirft die Stirn in Falten. Alle wollten nur den niedrigsten Preis für Lebensmittel zahlen. "Jeder ist in dieser Ellenbogengesellschaft nur auf seinen Vorteil aus." Das habe es früher nicht gegeben: "Vor 20 Jahren haben die Molkereien ja auch faire Preis gezahlt."

Bauern wollen das Preisdiktat der Molkereien sprengen

Mit dem Lieferstopp wollen Hüner und seine Kollegen das Preisdiktat von Molkereien und Discountern sprengen. "Wir Landwirte wollen einen Systemwechsel und an der Preisbildung teilhaben." Auch deshalb haben sich Hüner und Co. vor vier Jahren dem BDM angeschlossen. Insgesamt haben sich dort inzwischen 33.000 Milchviehhalter in Deutschland organisiert, 50 Prozent der deutschen Milchproduzenten wird von dem Verband vertreten. Doch die Genossenschaftsverbände der Molkereien zeigten bislang "so gut wie keine Gesprächsbereitschaft", sagt Hüner. Es gebe einfach zu viel Milch, und der freie Milchmarkt müsse den Preis bilden, argumentierten die Molkereien. Die Forderungen der Bauern seien nicht umsetzbar.

Hüner würde sich wünschen, dass die Molkereien mehr für die Bauern täten: "Die könnten eine Marktmacht für uns aufbauen und den Discountern sagen: "Wir verkaufen den Liter nicht unter 40 Cent.'" Aber die Discounter seien stark, und die Molkereien schafften es nicht, sich gegen sie durchzusetzen. Hüner sieht sich inzwischen nur noch als "Restgeldempfänger", denn die Milchbauern seien vom "Wohlwollen der Molkereien und Discounter abhängig". In der Praxis sieht das dann so aus: "Ich melke 45 Tage lang, und danach erfahre ich erst, wie viel Geld die Molkerei zahlt", erzählt der Landwirt.

"Die staatliche Milchquote hat versagt"

Eine zentrale Forderung des BDM lautet, künftig, je nach Marktlage, die Höhe der Milchquote, also die Menge der bislang staatlich festgelegten und zum Verkauf freigegebenen Milch, anzupassen. Nur so bliebe der Preis für die Milch konstant, betont Hüner. "So machen es die Ölmultis schon seit Jahren, da funktioniert es doch auch."

Für das Ehepaar Hüner, die Schwiegereltern helfen ebenfalls unentgeltlich auf dem 100-Hektar-Hof aus, ist klar: "Die staatliche Milchquote hat versagt." Das verdeutliche die momentane Situation. "Wir haben steigende Milchmengen auf dem Markt und fallende Preise", sagt Hüners Frau Petra, die inzwischen mit am Tisch sitzt.

Während des Streiks wollen einige Milchbauern vor die Auslieferungslager der Discounter und Einzelhändler fahren, um dort zu protestieren. Wie lange der Lieferstopp dauern soll, ist unklar. "Unbegrenzt", sagt Hüner, andere sprechen von einer Woche, je nachdem ob sich die Molkereien bewegen.