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Abzocke durch Inkassofirmen: Kampf gegen unseriöse Schuldeneintreiber

Mit unberechtigten Forderungen und Fantasiegebühren schröpfen einige Inkassobüros viele Bürger. Verbraucherschützer machen Front gegen die zwielichtigen Schuldeneintreiber und fordern schärfere Gesetze.

Von Peter Neitzsch

Immer mehr Deutsche bekommen Post von zwielichtigen Inkasso-Unternehmen - und zahlen, um sich Ärger zu ersparen. Dabei sind die Forderungen häufig unberechtigt. Dies belegt eine Auswertung der Verbraucherzentralen von rund 4000 Beschwerden. Demnach sind 99 Prozent der Klagen über Abzocke durch Inkassobüros begründet. "Unseriöses Inkasso ist eine bedrohliche Plage. Abzocke und Einschüchterung müssen endlich gestoppt werden", fordert Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv).

Die nicht repräsentative Untersuchung der Verbraucherschützer zeigt: In 84 Prozent der Fälle war bereits die Hauptforderung unberechtigt, in 15 Prozent der Fälle blieb auch auf Nachfrage unklar, ob es sich um eine berechtigte Forderung handelt. Lediglich ein Prozent der erfassten Inkassoforderungen waren eindeutig berechtigt.

In Deutschland gibt es rund 750 zugelassene Inkassounternehmen. Zwei Drittel davon sind im Dachverband BDIU organisiert. Sie bewegen nach Auskunft des Verbandes jährlich ein Forderungsvolumen von über 24 Milliarden Euro.

"Seriöses Inkasso ist legitim und sinnvoll", betont Billen. "Aber auch hier kann es nicht ohne Regeln weitergehen." Auch bei berechtigen Forderungen würden Fantasiegebühren die Rechnung mitunter in schwindelerregende Höhen treiben. Solche nicht nachvollziehbaren Gebühren, Auslagen oder Zinsen würden in jedem zweiten ausgewerteten Fall verlangt. Die Summe der Forderungen sei dadurch im Durchschnitt um mehr als 50 Prozent gestiegen. In einem besonders krassen Fall belief sich die Hauptforderung auf 20,84 Euro, am Ende wurde die Zahlung von 1200 Euro verlangt.

Geldeintreiben mit Bedrohung und Einschüchterung

Insgesamt machten die Verbraucherschützer 116 schwarze Schafe aus. Drei Viertel aller Beschwerden betrafen lediglich zehn besonders windige Schuldeneintreiber. "Unseriöses Inkasso geht Hand in Hand mit Kostenfallen im Internet, unlauterer Telefonwerbung oder vermeintlichen Gewinnspielen", sagt Verbraucherzentralenchef Billen. Häufig werde dabei in den Inkassoschreiben sofort mit Hausbesuchen, einem Eintrag bei der Schufa oder Lohn- und Kontopfändungen gedroht.

Mit 40 Prozent bezogen sich die mit Abstand meisten Verbraucherbeschwerden auf die Deutsche Zentral Inkasso GmbH, die ihren Zahlungsaufforderungen in vielen Fällen gleich den "Entwurf einer Klageschrift" beifügt. Die systematischen Einschüchterungen sind hoch profitabel: Derzeit treibt die Deutsche Zentral Inkasso 800.000 mehrheitlich unberechtigte Forderungen ein, die aus Abofallen im Internet resultieren.

"In der Regel stecken die Inkassobüros mit den Machern der Abzock-Sites unter einer Decke", sagt Rechtsanwalt Benedikt Klas zu stern.de. Die Geldeintreiber machen einen Großteil der Abwicklung aus und beeindrucken durch das vermeintliche amtliche Gütesiegel. "Seriöse Inkassobüros würden solche unlauteren Rechnungen nicht eintreiben."

Verbraucherzentralen fordern härtere Gesetze

Eine effektive Kontrolle der Inkasso-Unternehmen geht derzeit im Wirrwarr der Behörden unter: Bundesweit sind rund 80 Aufsichtsbehörden für das Inkassogewerbe zuständig. "Ein Mangel an effektiven Kontrollen und Sanktionen ist geradezu eine Einladung für Betrüger", sagt Gerd Billen. Der Verbraucherschützer fordert daher das Justizministerium dazu auf, "unlautere Inkassopraktiken in die Schranken zu weisen". Konkret seien dafür die folgenden Punkte nötig:

  • Eine gesetzlich vorgeschriebene Informationspflicht für Inkassobüros
  • Die Deckelung der Gebührensätze für Inkassodienstleistungen - ähnlich wie bei Vergütungssätzen für Rechtsanwälte
  • Klare Kostenvorgaben, um Fantasiegebühren zu verhindern
  • Für Inkassobüros zuständige Aufsichtsbehörden auf Länderebene
  • Sanktionen für die schwarzen Schafe: von Geldbußen bis zum Entzug der Zulassung

Inkasso-Bundesverband begrüßt die Initiative

Auch die Selbstregulierung der Branche funktioniert nach Ansicht der Verbraucherzentralen nicht. So würden die "berufsrechtlichen Richtlinien" des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) weder eine Gebührenordnung noch konkrete Informationspflichten vorgeben. Ein Sprecher des BDIU weist gegenüber stern.de diese Forderung zurück: "Der Verband ist nicht dafür zuständig, eine Gebührenordnung zu erlassen." Dies sei Aufgabe des Gesetzgebers.

Dem Sprecher zufolge begrüßt der BDIU die Initiative der Verbraucherzentralen: "Unseriöse Inkasso-Unternehmen, die unberechtigte Forderungen eintreiben, sind auch für uns ein großes Ärgernis." Allerdings wären die schwarzen Schafe nicht im Bundesverband der Inkasso-Unternehmen organisiert. Der Forderung nach einer besseren öffentlichen Aufsicht schließt sich der BDIU an: "Offenbar sehen die Behörden nicht mehr so genau hin, sobald die Registrierung als Inkassounternehmen einmal erfolgt ist. Das ist bedauerlich."

Zehn Tipps, wie Sie sich gegen die Inkasso-Abzocke wehren können, finden Sie hier.