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Ackermann und Banken am Pranger: Alle auf den Falschen

Weil er sich vom Staat nicht vorschreiben lassen will, dass er Geld braucht, muss Josef Ackermann mal wieder für die ganze Banken-Branche hinhalten. Dabei ist die Debatte absurd.

Eine Parteinahme von Dirk Benninghoff

Exklusiv hatte Josef Ackermann die Erkenntnis eigentlich nicht. "Nicht die Kapitalausstattung der Banken ist das Problem, sondern die Tatsache, dass Staatsanleihen ihren Status als risikofreie Aktiva verloren haben", sprach der Chef der Deutschen Bank und meinte: Staaten, Regierungen, Politiker haben Europa ins aktuelle Desaster geführt - und nicht die Geldhäuser. Staatliche Zwangshilfe für die Branche? Für Ackermann kein Thema. Er wird gewusst haben, was er damit auslöst - der Schweizer kennt es von der letzten Finanzkrise: Empörung allerorten. Und der leidensfähige "Watschnbaum der Republik" (Facebook-Kommentar) hielt wieder geduldig hin, während Kollegen Derartiges straffrei und quasi unbeachtet behaupten durften. Grünen-Chef Cem Özdemir fragt sich gar, "ob Herr Ackermann überhaupt an einer dauerhaften Lösung der Krise interessiert ist". Die bösen Bankbuben machen ja schließlich immer Kohle - sogar mit dem Untergang.

Der neutrale Betrachter fragt sich allerdings, ob Herr Özdemir überhaupt an einer sinnvollen Aufarbeitung der Krise interessiert ist. Zur Erinnerung: Banken gehören eher zu den Leidtragenden der Krise als zu ihren Auslösern - das gilt besonders für die Deutsche Bank, deren Griechenland-Engagement vergleichsweise lächerlich ausfällt.

Es sind Regierungen, die Europas Karren in den Dreck gefahren haben.

Regierungen, die ihren Wählern teure Versprechen gemacht haben und diese tatsächlich einhalten wollten. Die ihren Staatsapparat aufblähten. Die sich daraufhin hoch verschuldeten. Die dachten, dass die Kapitalmärkte nie versiegen, Schulden unbegenzt aufnehmbar seien. Die sich irgendwann wunderten, dass ihnen die bösen Märkte keinen Kredit mehr einräumen wollten. Die empört feststellten, dass ihnen die ebenso verkommenen Ratingagenturen die guten Noten enziehen. Die ratlos den Kursverfall ihrer Anleihen mitansehen mussten, die bei den Anlegern ob der aus dem Ruder laufenden Staatsfinanzen zurecht nicht mehr hoch im Kurs standen. Die aber zu zaghaft sind, hart zu sparen, weil ihre Klientel beim nächsten Mal jemand anderen wählen könnte.

Der Fluch der guten Zahlen

Genau diese Regierungen haben die Rolle des Sündenbocks jetzt geschickt weitergeschoben. Seit Monaten, ja Jahren basteln Europas verzagte Lenker zaudernd an Rettungspaketen, ohne die Krise in den Griff zu bekommen. Immer wieder hat das Volk aufbegehrt, aber nicht wegen milliardenschwerer Euro-Rettung, sondern angeblich unzumutbaren Sparprogrammen. Und jetzt kommt die "Occupy"-Bewegung genau zur rechten Zeit, um den Blitz umzuleiten. Mit ihrem jugendlich-naiven Banken-Börsen-Bashing, hinter dem ein generelles Unbehangen über den Kapitalismus steckt, trifft sie einen Nerv beim Volk und seinen Vertretern.

Die sehen die Verquickung von Investment- und Geschäftsbanken offenbar als drängendstes Problem und fordern Zerschlagung. Auch in Deutschland. SPD-Chef Sigmar Gabriel mag man es als verzweifelten Profilierungsversuch durchgehen lassen, dem Finanzministerium wünscht man mehr Verstand. Wo die Verantwortung des Universalbanken-Prinzips für die Eurokrise liegt, muss Wolfgang Schäuble erst einmal erklären.

Es ist wohl ihr Erfolg, der für viele Banken zum Problem wird. Ackermann peilte für 2011 bis vor Kurzem noch einen Rekordgewinn an. An sich gibt es daran nichts zu mäkeln, ein Banker sollte schließlich in erster Linie sein Geld vermehren - dafür ist er da. Bei der Deutschen Bank wird ein Rekordgewinn in Zeiten wie diesen aber skeptisch beobachtet. Während Südeuropas Völker leiden und die Währung wackelt, machen sich Spitzenzahlen nicht so gut. Man könnte argwöhnen, sie seien auf dem Rücken der Schwachen erbeutet. Siehe Özdemir. Was das öffentlich Image angeht, müsste Ackermann seine kürzlich herausgegebene Gewinnwarnung ganz gelegen kommen.

Ackermanns Pflicht

Banken mussten schon bluten, weil vermeintlich "risikofreie Aktiva" zu riskantem Schrott verkamen. Die meisten schifften sich dennoch gut durch die Eurokise. So wie die Deutsche Bank. Nicht jedes Geldhaus ist gut gewappnet gegen eine Pleite Griechenlands und eine heftigere Schieflage Italiens oder Spaniens. Französische Großbanken wirken angeschlagen und könnten frisches Kapital gebrauchen, die belgische Dexia sowieso. Aber jedem überzeugten Marktwirtschafter müssen aufgezwungene Staatshilfen übel aufstoßen.

Es ist also Ackermanns Pflicht, gegen einen staatlich verordneten Eingriff in seine Kapitalstruktur zu opponieren - schon, weil er es seinen Aktionären schuldig ist. Wenn der Schweizer Prügelknabe noch nicht einmal Bedenken äußern darf (möglicherweise lässt er sich in Verhandlungen ohnehin überzeugen), ohne dafür gemaßregelt zu werden, läuft etwas falsch in der Republik. Die Debatte läuft an den eigentlichen Schuldigen seit ein paar Tagen vorbei: kurzsichtige Regierungen, fehlgeleitete Bürger.