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Adolf Merckle: Pharma-Boss verzockt fast eine Milliarde

Die Kapriolen des VW-Papiers werfen lange Schatten: So gerät der Familienunternehmer Adolf Merckle in die Bredouille - er hatte auf einen Kursverlust der Aktie gewettet und so einen dreistelligen Millionenbetrag verzockt. Nun verhandelt der Investor mit Banken über neue Kreditvereinbarungen.

Von Daniel Schäfer

Der sprunghafte Anstieg der VW-Aktie vor drei Wochen hat nicht nur Hedge-Fonds, sondern auch das Firmenimperium von Adolf Merckle in Schwierigkeiten gebracht. Deshalb arbeitet der milliardenschwere Unternehmer derzeit nach Informationen aus Finanzkreisen mit einem Bankenkonsortium unter Hochdruck an einer neuen Kreditvereinbarung für seine Investmentfirma VEM Vermögensverwaltung. Die Holding hatte mit Wetten auf die VW-Aktie viel Geld verloren.

Verlust im dreistelligen Millionenbereich

Verschiedene Banker sagten der Financial Times, Merckle habe nach Leerverkäufen der VW-Aktie einen Verlust im hohen dreistelligen Millionenbereich erlitten. Weder Merckle noch eine der von VEM kontrollierten Firmen waren für eine Stellungnahme zu erreichen. Der Milliardär wird vom Magazin "Forbes" mit 9,2 Mrd. $ Vermögen als fünftreichster Deutscher geführt. Die Probleme Merckles liefern ein anschauliches Beispiel dafür, wie die einst für ihren antizyklischen und langfristig ausgelegten Geschäftsansatz berühmten deutschen Familienunternehmen kurzfristige Strategien verfolgen: Inzwischen setzen auch sie Finanzinstrumente ein, die früher nur mit Hedge-Fonds in Verbindung gebracht wurden.

Porsche hat durch Optionsgeschäfte auf die VW-Aktie Milliarden eingefahren. Als der Sportwagenbauer Ende Oktober ankündigte, seine Beteiligung an VW auf 75 Prozent anzuheben, kam es unter Leerverkäufern zu einem Wettbieten auf den schwindenden Streubesitz an VW-Aktien. Der Preis des VW-Papiers vervierfachte sich innerhalb von nur zwei Tagen. Viele Hedge-Fonds und andere Investoren, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, mussten hohe Verluste hinnehmen.

Die Bankenaufsicht BaFin untersucht derzeit den außergewöhnlich hohen Kursgewinn. Auf politischer Ebene blieb die bemerkenswerte Kursrally bislang folgenlos. Investmentbanker sagten, der Druck auf die BaFin könnte nun steigen, wenn bekannt wird, dass nicht nur ausländische Hedge-Fonds hohe Verluste erlitten haben, sondern auch eine deutsche Industriellen-Familie.

Verhandlungen über Überbrückungskredit

Eine Gruppe von fast 40 Banken verhandele derzeit mit Merckle über einen Überbrückungskredit, der seiner Holding VEM zukommen soll, sagten Banker. "Für die Banken wäre es besser, wenn sie der Gesellschaft aus der Klemme helfen, als sie auf Grund laufen zu lassen", sagte Stefan Müller von der Frankfurter Vermögensverwaltung Proprietary Partners. "Aber für Banken ist es schwierig, im gegenwärtigen Umfeld finanzielle Vereinbarungen zu treffen. Viele haben Geld am Aktienmarkt verloren, auch mit VW."

Außerdem verhandelt Merckle nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit dem baden- württembergischen Wirtschaftsministerium über die Möglichkeit für eine Staatsbürgschaft. Ein erstes Gespräch zwischen politischen Vertretern und Banken habe bereits stattgefunden, hieß es. "Wir können grundsätzlich über Bürgschaften keine Aussage geben", sagte ein Ministeriumssprecher am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

Ernste folgen für Familienimperium

Scheitern die Gespräche, kann das ernste Folgen für Merckles Familienimperium haben. Dieses erstreckt sich vom Arzneimittelhersteller Ratiopharm bis zu einer Mehrheitsbeteiligung an Heidelberg Cement, Deutschlands größtem Zementkonzern. Das Konglomerat kommt auf jährlich rund 30 Mrd. Euro Umsatz.

Die VEM könnte nach Einschätzung der Banker sogar gezwungen sein, Vermögenswerte zu verkaufen, beispielsweise Ratiopharm. Bisher hat jedoch noch keine Investmentbank den Auftrag erhalten, ein derartiges Geschäft vorzubereiten. Zudem dürfte sich die Käufersuche angesichts der Kreditkrise schwierig gestalten.

FTD
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