Kopfwelten Ein Suizid hinterlässt nur Fragen


Nach der bewegenden Trauerfeier für Robert Enke versuchen viele Menschen auch weiter, im Sterben des deutschen Fußballnationaltorwarts einen Sinn zu finden. Doch es gibt keinen.
Von Frank Ochmann

Es sind anrührende Gedenkfeiern wie die vom Sonntag in Hannover für Robert Enke, bei denen sich zumindest alle Anwesenden einig sind: Es muss sich schnell etwas ändern. Die Menschen müssen sich ändern. "Die Welt ist aus dem Lot", sagt bewegt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Aber wann war sie je "im Lot"?

"Helden vergisst man nicht" hat jemand neben den Namen des Toten in den Vereinsfarben von Hannover 96, in Schwarz und Grün, auf eine lange weiße Stoffbahn gemalt, die während der Feierstunde von der Tribüne des Stadions herunterhängt. Keine Frage, dass das voller Sympathie für einen geschrieben wurde, der die Fans begeistern konnte. Doch Helden haben selbst am wenigsten davon, dass sie als Helden gesehen werden. Dominik Brunner zum Beispiel, der "Held von Solln", wie die "Süddeutsche Zeitung" titelte, der nicht mehr erleben konnte, wie ihm Ehrungen und Orden zugesprochen wurden, weil er in einer S-Bahn Kinder vor Räubern geschützt hatte.

Enke war kein Held - er war krank

Keiner wird zum Helden, weil er sich von einem Zug überfahren lässt. Wäre es so, müsste auch Adolf Merckle, der Ratiopharm-Gründer, ein "Held" gewesen sein. An einem Abend im vergangenen Januar ging auch er auf ein Gleis und setzte seinem Leben ein Ende. Und auch Robert Enke war kein Held. Er war krank. So krank, dass er am Ende unter der Last, die auf seiner Seele lag, zusammenbrach. Was in ihm vorging, was ihn bewegte, umtrieb und ihm Schritt für Schritt den Lebenswillen nahm, wer will das beurteilen? Dass Tod und Leben von Robert Enke viele offene Fragen hinterlassen, auf die es nie eine letzte Antwort geben wird, muss ganz klar sein. Nicht aus einem Verdacht heraus etwa, sondern aus Respekt und aus der Sorge, der Vielschichtigkeit und Komplexität eines Menschen - jedes Menschen - anderenfalls nicht gerecht werden zu können.

Vor allem - und das ist Stand der Wissenschaft, nicht philosophische Betrachtung - gibt es nicht den einen entscheidenden Grund dafür, dass einer sich das Leben nimmt. Die Versuchung ist groß, all den schmerzenden Fragen auszuweichen oder sie wenigstens zu vergolden, damit die Welt wieder "im Lot" ist und alles einen vernünftigen, nachvollziehbaren Grund hat. Doch nicht alles ist vernünftig. Und manche Fragen - die wichtigsten vermutlich - müssen ertragen, nicht beantwortet werden.

Suizid ist nie eine Lösung

Es ist wichtig, das festzuhalten, bevor die Schwärze, die Enke offenbar seit Jahren umgab und schließlich verschlang, hinter dem blendenden Glanz der Verklärung kaum mehr wahrzunehmen ist. Suizid ist nie eine Lösung, nie eine Antwort. Wer sich selbst das Leben nimmt, hinterlässt immer nur Fragen. Das festzuhalten, darf nicht aus Pietät verschoben werden. Schon gar nicht aus Rücksicht auf Teresa Enke, die so beeindruckende Witwe und Weggefährtin. Wer könnte das verstehen, wenn nicht sie?

Schon deshalb darf das nicht ausgelassen werden, weil Robert Enkes Tod kein Einzelfall ist. Etwa eine Million Menschen jedes Jahr weltweit können ihr Leben nicht mehr ertragen. Und mancher von ihnen hat aus der Selbsttötung eines anderen den letzten Antrieb gewonnen, seinem eigenen Leben ein Ende zu machen. Der Zusammenhang zwischen solchen Berichterstattungen und darauf folgenden Suiziden ist inzwischen unter Fachleuten unbestritten. Mehr als 50 entsprechende Untersuchungen, so eine Analyse der Weltgesundheitsorganisation vom vergangenen Jahr, belegen ihn. Weniger klar ist hingegen die genaue Wirkungsweise von Medienberichten über Selbsttötungen auf potenzielle Nachfolger oder Nachahmer. Immerhin scheint es so zu sein, dass empfängliche, verwundete und gefährdete Menschen aus ihnen so etwas wie einen Sinn oder eine Botschaft für sich selbst herauslesen können.

Vom Sinn war auch am Sonntag die Rede. Der Präsident des Deutschen Fußballbundes, Theo Zwanziger, hat es in seiner Ansprache so ausgedrückt: "Ein wenig mehr, nach diesen schlimmen Tagen, an die Würde des Menschen zu denken - in seiner Vielfalt, nicht nur in seiner Stärke, sondern auch in seiner Schwäche -, empfinde ich als Auftrag dieses an sich sinnlosen Sterbens."

Was wird sich verändern?

Das war ein sehr wichtiger, wenn auch schmerzender Satz: Es gibt keinen Sinn hinter einem Tod wie dem von Robert Enke. Er ist auch nicht - und das hat Zwanziger sehr genau formuliert - als so etwas wie ein politischer Appell aus dem Grab zu verstehen, im Fußball und in der Gesellschaft insgesamt respektvoller miteinander umzugehen. Ein Anlass, darüber nachzudenken, kann er trotzdem sein.

Was also wird sich verändern, wenn die Fahnen von Hannover 96 nicht mehr auf Halbmast wehen? Werden Depressive oder sonst wie vom Schicksal Gebeutelte künftig liebevoll aufgefangen in einer Umgebung leben können, in der bislang noch immer Testosteron und Testarossa den Status bestimmen? Natürlich nicht nur in der Fußballwelt. Schon Kinder, so zeigen psychologische Studien, suchen eher die Nähe der "Glücklichen" und meiden nach Möglichkeit die anderen, als wäre eine mühevollere Existenz ansteckend.

Es sind anrührende Gedenkfeiern wie die vom Sonntag in Hannover, nach denen das Leben für fast alle genauso verläuft wie zuvor, wenn die Tränen erst einmal getrocknet sind.

Literatur:

Cheng, A. T. A. et al. 2007: The influence of media reporting of a celebrity suicide on suicidal behavior in patients with a history of depressive disorder. Journal of Affective Disorders 103, 69- 75
Hawton, A. & Van Heeringen, K. 2009: Suicide. Lancet 373, 1372-1381
Mesoudi, A. 2009: The Cultural Dynamics of Copycat Suicide. PloS ONE 4, e7252
Olson, K. R. et al. 2006: Children's Biased Evaluations of Lucky Versus Unlucky People and Their Social Groups. Psychological Science 17, 845-846
Pirkis, J. E. et al. 2006: The relationship between media reporting of suicide and actual suicide in Australia. Social Science & Medicine 62, 2874-2886
Tousignant, M. et al. 2005: The impact of media coverage of the suicide of a well-known Quebec reporter: the case of Gaëtan Girouard. Social Science & Medicine 60, 1919-1926
World Health Organization, Department of Mental Health and Substance Abuse & International Association for Suicide Prevention 2008: Preventing Suicide: A Resource for Media Professionals. Genf: WHO Document Production Services


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