Adolf Merckle Ein Selbstmord als Symbol


"Warum?" Immer wieder dieselbe Frage - auf den verschneiten Straßen Blaubeurens, in den Häusern, wo noch Weihnachtsbäume leuchten, in den Gaststätten und Kneipen, wo die Gäste verstummen, wenn die Schock-Nachricht erneut im Fernseher läuft. Der Selbstmord des Firmenpatriarchen Adolf Merckle lähmt das Albstädtchen.
Von Rainer Nübel, Blaubeuren

Bevor Adolf Merckle am Montagabend seinem Leben ein Ende setzte, war er einen vertrauten Weg gegangen. Wer an Symbole glaubt, könnte auch sagen: Er hatte noch einmal ein Stück seiner eigenen Unternehmergeschichte abgeschritten. Der Forstweg, der auf der Höhe des Blaubeurener Ortsteils Weiler entlang des Bahngleises führt, liegt nur wenige hundert Meter vom Stammwerk des Merckle-Firmenimperiums in der Dr.-Georg-Spohn-Straße entfernt. Und auch nur ein paar Schritte weg von dem neueren Ratiopharm-Komplex, der abends in oranges Licht getaucht ist.

In dieser Gegend haben die Blaubeurener in den vergangenen Jahrzehnten "den Merckle" oft gesehen, wenn er zum Schaffen unterwegs war, zu Fuß oder meist auf seinem alten Fahrrad. Nach einer Unterführung steigt der Forstweg an, die mit Büschen bewachsene Böschung fällt zum Bahndamm ab. Als sich Adolf Merckle an dieser Stelle vor den Zug warf, lag Neuschnee.

"Warum lässt er Frau und Kinder allein?"

Anwohner, die nach 20 Uhr auf der Straße parallel zur Bahnstrecke Blaubeuren-Ehingen unterwegs waren, dachten zunächst an einen Verkehrsunfall, als sie an Polizei- und Notarztwagen vorbeifuhren. "Wahrscheinlich ist einer ins Rutschen gekommen", erzählten sie an den Stammtischen und im "Tennisstüble" im Weiler' Industriegebiet "Am Bahnhof", wo auch das Merckle-Stammwerk liegt. "Hoffentlich nichts Schlimmes." Einen Tag später, am eisigen Dreikönig-Abend, herrscht Fassungslosigkeit. "Seit ich es von einem Bekannten erfahren habe, bin ich völlig durch den Wind", sagt eine Besucherin des "Tennisstüble" mit Tränen in den Augen. Andere nicken schweigend. "Was brachte ihn dazu, so etwas zu tun", fragt eine junge Frau auf der Straße und schaut auf ihre kleine Tochter. "Warum lässt er seine Frau und seine Kinder allein?" Dann nimmt sie die Hand ihrer Tochter und geht schnell ins Haus. "Wahrscheinlich hat er seiner Frau noch gesagt, du, ich geh zum Schaffen", sagt eine 63-jährige Frau und schüttelt immer wieder den Kopf. Ihren Namen will sie, wie die meisten anderen hier, nicht in den Medien lesen. "In einem kleinen Ort wird schnell geredet."

Andere Bewohner des nahe Ulm gelegenen Städtchens auf der Schwäbischen Alb glauben, dass der 74-jährige Famlienunternehmer den Selbstmord nicht im Affekt verübt hat. "Er wusste sicher, zu welchem Zeitpunkt ein Zug durchfährt", sagt ein Mann im mittleren Alter, der mit Freunden in einer Gaststätte sitzt. "Er hat es geplant." Dass eine Lösung für Merckles Finanzdesaster in Sicht gewesen sei, dies sei nur ein Teil der Wahrheit." Faktisch war das für ihn doch gar keine Lösung. Adolf Merckle war immer der Macher. Und jetzt diktierten die Banken, was Sache ist", sagt er mit Nachdruck. Ein Freund nickt: "Dass er Ratiopharm hergeben musste, hat er wohl am wenigsten verwunden. Ratiopharm war sein Baby." Vielleicht, so sinniert er, habe er "es" deshalb auch an dieser Stelle gemacht. Ein langjähriger Geschäftspartner von Merckle ist sich sicher: "Dieser Selbstmord war ein Symbol." Mehr will er aber nicht dazu sagen. Und schon gar nicht mit Namen.

"Er trug die Nase nie oben"

Die Blaubeurener, die an diesem Dreikönig-Abend erste Erklärungen für das "Unfassbare" suchen, betonen im selben Atemzug: "Adolf Merckle war ein unheimlich netter, bodenständiger Mensch. Er trug die Nase nie oben." Auch der Chef des Hotels "Forellenfischer" sagt: "Er war sehr angesehen. Sein Wort galt etwas." Zudem war Merckle ein großzügiger Mäzen, der unter anderem dem TSG Söfflingen eine Halle gebaut und den Waldkindergarten in Blaubeuren gesponsert hat. Als die "Waldhütte" im Herbst 2007 eingeweiht wurde, so erinnern sich Bürger, habe Merckle bei der Feier sogar das Saitenwürstle selbst bezahlt, obwohl es ohne ihn den Waldkindergarten gar nicht gegeben hätte.

In einer Sportsbar im Zentrum von Blaubeuren sitzen vier junge Männer beim Bier und starren auf den TV-Bildschirm. "Eine schreckliche Sache", sagen sie. Kumpel von ihnen arbeiten in einem Merckle-Unternehmen. "Die haben seit Wochen Angst um ihren Arbeitsplatz. Was ist, wenn eine Heuschrecke sich Merckle-Firmen krallt? Jetzt werden sie sich sicher noch mehr Sorgen machen."

Am Abend ist wieder gleißendes Blaulicht an der Stelle zu sehen, wo "es" am Tag zuvor passiert ist. Polizei, Feuerwehr. "Wir räumen auf", sagt ein Feuerwehrmann.


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