Pharmaunternehmen Ratiopharm-Sohn gefeuert


Es ist ein Vater-Sohn-Konflikt von dramatischem Ausmaß: Firmenpatriarch Adolf Merckle, 73, feuert seinen eigenen Sohn Philipp Daniel Merckle, 41, als Chef von Ratiopharm. Damit siegt im Unternehmen wieder Monetik über Ethik.
Von Markus Grill

Im November 2005 enthüllte der stern den Ratiopharm-Skandal: Ärzte wurden massenhaft mit Schecks und Geschenken versorgt, wenn sie die Pillen des Ulmer Generikaherstellers Ratiopharm verordneten. Sieben Tage nach Bekanntwerden des Skandals feuerte Philipp Daniel Merckle den bisherigen Geschäftsführer Claudio Albrecht und rief ihm in einem Zeitungsinterview hinterher: "Die Folgen der bisherigen Führung sind mir in vielem zutiefst zuwider." Auf einer Weihnachtsfeier erklärte er den Mitarbeitern schon damals, diesen Schritt "in Absprache mit meinem Vater und meiner Mutter und meinem Bruder" getan zu haben.

Merckle junior brach damals allem Anschein nach mit dem System der Korruption von Ärzten und butterte statt dessen Geld in eine Imagekampagne namens "World in Balance": Pro verkaufter Arzneipackung fließt seitdem ein Cent an Hilfsprojekte in Afrika. Doch weder bei Patienten noch bei Ärzten war die Kampagne wirtschaftlich erfolgreich: Die Umsätze von Ratiopharm rauschten in den Keller. Zu durchsichtig war offenbar das Vorhaben, mit dieser Kampagne den Skandal vergessen zu machen.

Merckle junior zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück

Firmenpatriarch Adolf Merckle vertraute offenbar nicht weiter auf die ethische Strategie, die sein Sohn einschlug: Am Donnerstag Abend teilte das Unternehmen in einer dürren Pressemitteilung mit, dass sich Merckle junior "aus dem operativen Geschäft der Ratiopharm Gruppe zurückziehen wird". Merckle werde sich aber "mit seiner Stiftung World in Balance weiteren unternehmerischen Feldern widmen." Nachfolger werde bereits zum 1. April der Manager des Baustoffunternehmens Heidelberg Cement und Wirtschaftsingenieur Oliver Windholz, 41. Heidelberg Cement gehört mehrheitlich auch zum Merckle-Imperium.

Philipp Daniels Vater Adolf Merckle hat sich zwar offiziell aus dem operativen Geschäft seiner Firmen (Ratiopharm, Phoenix-Pharmahandel, Heidelberg Cement, Kässbohrer u.a.) zurück gezogen, nach Ansicht von Branchenkennern kontrolliert er aber nach wie vor alles und zieht die entscheidenden Fäden. Merckle, der der Öffentlichkeit nahezu unbekannt ist, gehört zu den reichsten Deutschen. Das US-Magazin "Forbes" listet ihn mit einem geschätzten Vermögen von rund 6,5 Milliarden Euro auf Platz fünf der reichsten Deutschen hinter den Brüdern Karl und Theo Albrecht, Michael Otto und Susanne Klatten.

Rauswurf Knall auf Fall

Das ruppige Feuern von Top-Managern hat bei den Merckles eine gewisse Tradition: Nicht nur der Ratiopharm-Chef Claudio Albrecht wurde Knall auf Fall hinausgeworfen, ebenso erging es dem Phoenix Chef Rudolf Dittrich, dem Ratiopharm Finanzchef Peter Prock und zuletzt der Ratiopharm-Vertriebschefin Dagmar Siebert.

Ärgern konnte sich Merckle senior in den vergangenen zwei Jahren aber nicht nur über die Umsatz- und Gewinneinbrüche bei Ratiopharm - das Unternehmen steht nach wie vor im Zentrum eines gewaltigen Ermittlungsverfahrens. Seit nunmehr zwei Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Ulm gegen mehrere hundert Ratiopharm-Außendienstler wegen Anstiftung zur Untreue und gegen mehr als 2500 Ärzte wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Der Fall Ratiopharm entwickelt sich damit zu einem der größten Pharmaverfahren der Bundesrepublik.

Den Medizinern wird vor allem zur Last gelegt, aufgrund der diversen materiellen Anreize Ratiopharm-Medikamente verordnet zu haben, die zwar günstiger sind als Originalpräparate, aber innerhalb der Generikasparte immer noch relativ teurer und deshalb zu vermeidbaren Mehrausgaben bei den Krankenkassen geführt haben. Wie der neue Firmenchef aber aus dieser Zwickmühle herauskommen will, bleibt vorerst geheim: Mit dem Sauber-Image macht Ratiopharm vor allem Minus, die Rückkehr zu illegalen Anreiz-Systemen dürfte als Lösung aber auch ausscheiden.


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