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Adolf Merckle: Chronologie einer Tragödie

Adolf Merckle hatte sich ein immenses Firmenimperium aufgebaut, mit 30 Milliarden Euro Umsatz und 100.000 Mitarbeitern. Er ist ein Vorzeigeunternehmer - bis er sich an der Börse verzockt. Das Scheitern im Blick wirft er sich vor einen Zug. Chronologie einer baden-württembergischen Tragödie.

Von Axel Hildebrand

Der Zweite Weltkrieg ist in den letzten Zügen und das Ende ist offensichtlich, als Adolf Merckle zum ersten Mal alles verliert. Elf Jahre ist er alt, als in den letzten Kriegsmonaten das Firmengebäude seines Großvaters, die "Adolf Merckle Chemikalien en gros" im tschechischen Aussig, zerstört wird. Der kleine Adolf steht vor dem Nichts. Die Familie wird enteignet. Sie flieht nach Blaubeuren an den Fuß der Schwäbischen Alb im Osten Baden-Württembergs. Hier beginnt, und hier endet der Unternehmer Adolf Merckle.

Ob Merckle in den vergangenen Wochen, als das von ihm aufgebaute Firmenimperium in den Wirren der Finanzkrise unterzugehen drohte, wieder an die zerstörte Fabrik in Tschechien gedacht hat, ist rein spekulativ. Fest steht nur: Am Ende und am Anfang seines Lebens stand Merckle vor den Trümmern eines selbstständigen Unternehmens. Beim zweiten Mal, beim letzten Mal, geht es um eines der größten deutsche Firmenimperien. Dazu gehören unter anderem der Baustoffhändler HeidelbergCement, der Generikahersteller Ratiopharm, der Pharmagroßhändler Phoenix in Mannheim und der Spezialfahrzeughersteller Kässbohrer. Die drei wichtigsten Unternehmen der Merckle-Gruppe haben nach Angaben einer Sprecherin etwa 100.000 Mitarbeiter. Sie machen jährlich insgesamt 30 Milliarden Euro Umsatz.

Nur vier Deutsche waren reicher

Merckle, der Wanderer, der Sparfuchs, der Milliardär, der mit dem Fahrrad durch Blaubeuren fuhr, galt als Vorzeigeunternehmer. Laut "Forbes" waren nur vier Deutsche reicher als er. Er war ein angesehener Unternehmer. Er war Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse. Er hatte mal alles.

Doch dann verzockte er sich.

Durch Spekulationen mit Wertpapieren geriet sein Firmenimperium in schwere Not. Im November vergangenen Jahres räumte die VEM Vermögensverwaltung, die einen großen Teil seiner Firmen kontrolliert, erstmals Verluste ein. Vor allem für HeidelbergCement als auch für Kapitalerhöhungen hatte die Holding Aktien als Sicherheit hinterlegt. Doch durch die Finanzkrise verloren diese immer mehr an Wert. Die Kreditinstitute, insgesamt waren es 30 Banken, drehten die Schraube nun enger - sie wollten Tilgungen. Merckle sollte Geld nachschießen. Er konnte nicht.

Schicksalhafte VW-Aktie

Um sich gegen fallende Kurse abzusichern, hatte Merckle Optionen auf Volkswagen-Aktien verkauft. Doch als der Kurs von Europas größten Autobauer vor wenigen Wochen in die Höhe schnellte, entstand ein"Verlust im niedrigen dreistelligen Millionenbetrag". Durch die zusätzlichen Forderungen der Banken steckte Merckle plötzlich in ernsten Schwierigkeiten. Die Finanzzierungslücke war gewaltig: Zwischen 700 Millionen und einer Milliarde Euro fehlten. Andere Quellen sprechen davon, dass auf Merckles Holding mindestens Schulden in Höhe von drei bis fünf Milliarden Euro lasteten. Merckle bat den Staat um eine Bürgschaft. Vergebens. Der Unternehmer stand vor einem Imperium, dessen finanzielle Basis lichterloh brennt.

Zwar hatte sich in der vergangenen Tagen eine Einigung mit den Gläubigerbanken angebahnt. Die Banken unterzeichneten kurz vor dem Jahreswechsel eine Kreditstundung für die nächsten Monate. Merckle sollte dadurch mehr Zeit bekommen um, um sein Imperium zu sanieren. Doch der Preis wäre immens gewesen.

Das Imperium wäre zerlegt worden

Merckle sollte sich von den besten Stücken seines Imperiums trennen. Den Generikahersteller Ratiopharm hätte er auf lange Sicht nicht halten können. Auch die Anteile an HeidelbergCement wären wohl nicht in seinem Besitz geblieben. Seine Familie berichtete, der Druck der zähen Verhandlungen und die Aussicht, diesmal nicht als strahlender Sieger aus einem Streit hervorzugehen, hätten ihn gebrochen.

mit AP und DPA