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AKW Krümmel: Wichtig ist, was außen ankommt

Der Energiekonzern Vattenfall führte durch das Unglückskraftwerk in Krümmel, um zu zeigen: Wir haben aus unseren Fehlern nach den Zwischenfällen vom Juni 2007 gelernt. Letzte Antworten aber blieb der AKW-Betreiber schuldig.

Von Tonio Postel

Das Trafogebäude, wo vor fast genau einem Jahr das Feuer ausbrach, ist ein frisch verputzter, begehbarer Betonklotz. Mehrere, oben angebrachte Metallspulen, schrauben sich wie High-Tech-Antennen in den Himmel. Auch im Inneren, wo ein 480 Tonnen-Trafo über den Köpfen der behelmten Gruppe thront, ist von dem "Ereignis", wie der Brand hier gerne genannt wird, nichts zu sehen.

Zwei Tage gelöscht und den Trafo gekühlt

Es riecht nach Kläranlage und gechlortem Schwimmbecken. Die Maschine schnurrt, obwohl die Stromversorgung zurzeit durch einen Fremdnetz-Trafo gesichert wird, wie Betriebsleiter Hans-Dieter Luch sagt. Gebrannt hatte es damals, Ende Juni 2007, wegen eines Kurzschlusses an einer Spule. Die Stelle selbst sei danach nicht mehr lokalisierbar gewesen, die Flammen loderten so stark, dass es insgesamt zwei Tage dauerte, um sie zu löschen und den Trafo zu kühlen. Er musste erneuert, der ganze Klotz vergrößert und komplett saniert werden.

Jetzt endlich spricht der Krümmel-Betreiber Vattenfall über den Brand. Und um eine neue Form der Offenheit zu demonstrieren, wurde nun eine Gruppe Journalisten herumgeführt. Es gibt seit Februar dieses Jahres extra eine Stelle für "verstärkte Kommunikationsarbeit" nach innen und außen: Per-Olof Waessmann, ausgewiesener Atomexperte, hat sich ihrer angenommen, und nun die "Informationsflüsse geordnet".

"Ein 'weiter so' reicht nicht"

"Wir müssen offener sein und willig zu lernen", sagt Waessmann mit demütigem Unterton in seiner englischen Ansprache. "Ein 'weiter so' reicht eben nicht aus. "Wir wollen wieder einer der sichersten Konzerne werden." Schließlich sei die Kernenergie für den viertgrößten deutschen Energieversorger "aufgrund der geringen CO2-Werte und der Umweltverträglichkeit" enorm wichtig. Und weil auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle spiele, müsse man für die Sicherheit sorgen, sagt Vattenfall-Vorstand Reinhard Hassa.

Bei dem Rundgang über das Gelände des Kraftwerks, das sich hinter einer wellblechartigen Verkleidung mit einem hohen Schornstein verbirgt, lässt sich das Betreiberunternehmen reumütig in die Karten blicken: Denn nach Bränden und Zwischenfällen in den AKW Krümmel und Brunsbüttel und der folgenden Abschaltung der Reaktoren im Sommer 2007, war der Konzern auch ob seiner Verschwiegenheit harsch kritisiert worden. Vorstandschef Klaus Rauscher und kurze Zeit später auch Nachfolger Hans-Jürgen Cramer mussten gehen.

43 von 63 Teilen war defekt

Station zwei des Rundgangs ist die Werkstatt, wo Schweißarbeiten an Armaturen durchgeführt werden. Diese dienen der Kühlwasser-Zufuhr im Sicherheitsbehälter des Reaktors. Der Defekt von 43 der insgesamt 63 Teilen war, unabhängig vom Brand, bei einer der jährlichen Untersuchungen des AKW untersucht und beanstandet worden. Jetzt müssen die feinen Risse an der Oberfläche, 13 davon in besonders aufwändiger Arbeit, geschweißt und geglättet werden.

In der riesigen Halle sitzt ein Arbeiter an einem Testobjekt: Er führt die Schleifung über eine Art Joystick aus, das bearbeitete Objekt, das wie eine kleine Flugzeug-Turbine anmutet, sieht er auf einem kleinen Bildschirm. Für eine Armatur benötigt man 14 Tage. "Warum werden denn keine neuen Armaturen verwendet?", fragt einer. "Weil die Lieferzeiten über zwei Jahre betragen", sagt Betriebsleiter Luch.

Als das Kraftwerk bereits ruhte, wurde auch festgestellt, dass 270 so genannte Schwerlast-Dübel an den Rohren der Wasserleitungen nicht mehr dort saßen, wo sie sitzen sollten. 230 davon seien bislang ausgetauscht worden, sagt Pressesprecher Ivo Banek, "diese Dübel müssen Belastungen eines Erdbebens der Stärke 6 aushalten."

Sechs Leitz-Ordner für Austausch-Anträge

Auch in Brunsbüttel, wo es am gleichen Tag einen Kurzschluss in einer Schaltanlage gegeben hatte, seien 50 Dübel gewechselt worden, weitere 300 sollen noch folgen. Wie langwierig solche Prozesse sein können, verdeutlicht folgende Zahl: Vor dem Austausch von vier alten Dübeln mussten zunächst sechs Leitz-Ordner mit Anträgen und statischen Berechnungen gefüllt und vorgelegt werden.

Nach dem Rundgang und vielen Fachausdrücken später, hat die Konzernspitze in einen modernen, Raum geladen; hinter hohen Fensterfronten liegen schmale Wiesenstreifen am Ufer der Elbe, darauf grasen Schafe. "Wir wollen beweisen, dass wir aus den Ereignissen gelernt und die richtigen Lehren gezogen haben", sagt Vattenfall-Vorstand Hassa. Dies seien zuvorderst die Konsultierung eines externen Experten Rates für Kernenergie-Sicherheit, die Schulung der Mitarbeiter und das Krisen-Management. Zudem sei die Steuerung der Speisewasserpumpen geändert und die Lüftungsanlage "optimiert" worden, "damit keine giftigen Gase mehr ins Gebäudeinnere gelangen."

Das Trainingsprogramm der Mitarbeiter wurde am Kraftwerkssimulator vorgenommen, sagt Hassa. Und in der Außendarstellung sei man zu dem Schluss gekommen, fortan über meldepflichtige Ereignisse "sofort" zu informieren. Auch ein Bürgertelefon wurde eingerichtet.

Inhaltlich kam man zu dem Schluss, dass der Vorfall ein "Ereignis ohne sicherheitstechnische Bedeutung" gewesen sei, auch im Bericht des Umweltbundesamtes und der Internationalen Atomenergie Behörde (IAEO) wurde dies vermerkt. Der Fehler habe allein in der schlechten Kommunikation gelegen. "Wir waren nicht in der Lage, die negative Spirale zu stoppen und die objektiven Informationen zu vermitteln", so Waessmann.

Täglich Verluste von einer Million Euro

Wann Krümmel und Brunsbüttel wieder Strom liefern werden, ist nach wie vor unklar. Wegen des Betriebsausfalls habe man zurzeit täglich einen Verlust von "rund einer Millionen Euro" zu beklagen. Deshalb bestehe ein großes Interesse, beide Anlagen wieder ans Netz zu bringen. „Nach dem Atomgesetz dürfen wir beide noch 32 Jahre betreiben, das wollen wir auch. Mindestens!“, sagt Hassa.

Greenpeace wirft dem Konzern unterdessen Nachlässigkeiten und Verschleierung von Informationen vor: "Die flicken an den Armaturen herum, anstatt neue zu verwenden", sagt Atomexperte Heinz Smital vor dem Reaktor-Eingang. Zudem verweigere Vattenfall Greenpeace nach wie vor die komplette Akteneinsicht, weshalb man auch Klage eingereicht habe. Und die dichten Rauchwolken über der Anlage von vor einem Jahr, sprachen eine andere Sprache. Sprecher Ivo Banek gesteht: "Letzte Antworten können nicht gegeben werden."

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