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Preiserhöhungen: Warum ist Strom so teuer? Die verlogene Rechnung der Stromanbieter

Strom ist für private Haushalte so teuer wie nie. Die Anbieter begründen ihre Preiserhöhungen mit gestiegenen Beschaffungskosten - dabei sind die seit Herbst um 38 Prozent gesunken. Verkaufen uns die Konzerne für dumm?

Strompreis

Der Strompreis für Verbraucher ist auf Rekordhoch

Getty Images

Dass viele Stromanbieter zum Jahreswechsel die Preise erhöhen, kennt man als Verbraucher. Doch in diesem Jahr reißt die Erhöhungswelle gar nicht mehr ab. Nachdem schon in den ersten drei Monaten des Jahres zwei Drittel der Grundversorger den Strompreis erhöhten, folgten im April und Mai noch einmal rund 60 Anbieter. Insgesamt haben laut dem Vergleichsportal Check24 mehr als 600 der gut 800 Grundversorger 2019 ihre Preise erhöht oder angekündigt, dies zu tun.

Für sieben Millionen Haushalte wird es im Schnitt rund fünf Prozent teurer. Laut Verivox stieg der durchschnittliche Preis je Kilowattstunde zuletzt auf 29,6 Cent - ein neues Allzeithoch. Noch nie war Strom für Privatkunden in Deutschland teurer.

Warum steigt der Strompreis wirklich?

Im Juni reiht sich auch noch Vattenfall Berlin in die Riege der Strompreiserhöher ein. Der Konzern begründet die Erhöhung - wie die meisten Konkurrenten - mit "gestiegenen Beschaffungskosten". Die Einkaufspreise für Strom an der Energiebörse seien in den vergangenen zwei Jahren um mehr als die Hälfte gestiegen, diese höheren Kosten müsse man nun leider an die Kunden weitergeben.

Doch diese Begründung der Energieversorger lässt Experten stutzig werden. Denn nachdem die Börsenpreise für Strom 2018 tatsächlich stark anzogen, sind sie in den vergangenen Monaten wieder deutlich zurückgegangen. So ist der Strompreis an der Leipziger Strombörse zwischen November 2018 und April 2019 um 38 Prozent zurückgegangen, wie Check24 errechnet hat.

Außerdem macht der Einkaufspreis für Strom nur einen kleinen Teil des Strompreises für Endverbraucher aus, sodass sich höhere Einkaufspreise eigentlich weit weniger auswirken dürften - selbst wenn der jüngste Preisrückgang an der Börse noch nicht berücksichtigt sein sollte.

Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW sind die Strombeschaffungskosten der Versorger von 2018 auf 2019 zwar tatsächlich von 6,20 Cent auf 6,88 Cent gestiegen (Stand: Januar 2019). Beschaffung und Vertrieb machen laut BDEW aber weniger als 23 Prozent des Strompreises aus, den der Verbraucher am Ende zahlt. Der große Rest sind Steuern, Abgaben, Umlagen und Netzentgelte - und die sind im Großen und Ganzen stabil geblieben.

Welche Erhöhung gerechtfertigt wäre

Wie viel Preiserhöhung für Verbraucher lässt sich nun damit begründen? Das kann man exemplarisch für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden durchrechnen. Die höheren Beschaffungspreise kosten den Versorger im Beispiel 27,20 Euro. Berücksichtigt man noch die leichten Änderungen bei den übrigen Preisbestandteilen, kommt man auf Mehrkosten von 30 Euro. Tatsächlich wurde der Strom für den Beispielhaushalt im Schnitt aber nicht 30 sondern 60 Euro teurer, hat Verivox berechnet. Die Versorger haben also nicht nur ihre höheren Kosten weitergegeben, sondern auch noch 100 Prozent draufgeschlagen.

Verbraucherschützer kritisieren zudem, dass die Versorger in Zeiten sinkender Beschaffungspreise häufig argumentieren, dass sie wegen ihrer langfristigen Verträge die Preissenkungen nicht gleich an die Kunden weitergeben können. Doch wenn die Beschaffungspreise steigen, wie im vergangenen Jahr, werden sie flugs weitergereicht.

Was Verbraucher tun können

Gegen all das hilft letztlich kein Klagen, sondern nur Wechseln. Denn so, wie es das gute Recht der Stromanbieter ist, ihre Preise zu erhöhen, so ist es das Recht der Verbraucher, zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln. Alternativen zu den Grundversorgern gibt es überall, im Schnitt sind sie laut Check24 derzeit 13 Prozent günstiger.

Wer wie die Mehrheit der Deutschen noch immer in der teuren Grundversorgung ist, weil er noch nie gewechselt hat, kann jederzeit mit einer Frist von zwei Wochen wechseln. Und auch, wer in einem laufenden Vertrag bei einem anderen Anbieter steckt, hat bei Preiserhöhung ein sofortiges Sonderkündigungsrecht.

Alternative Anbieter finden sich auf den großen Vergleichsportalen wie Verivox und Check24. Zudem haben sich in den vergangenen Jahren kleinere Portale etabliert, die nicht nur einmaliger Wechselhelfer sind, sondern Verbraucher auch weiterhin regelmäßig informieren, wenn günstigere Tarife verfügbar sind. Die Stiftung Warentest hat diese Tarifaufpasser kürzlich getestet und empfiehlt besonders die Anbieter Esave, Switchup, Wechselpilot und Wechselstrom.

Quellen: Check24 (Übersicht Preiserhöhungen) / Verivox / Vattenfall / BDEW (Strompreisanalyse) / Stiftung Warentest