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Aldi: Das stille Imperium

Schmucklose Läden an jeder Ecke, Tiefstpriese und qualitativ gute No-Name-Produkte: So ist Aldi. Jeder Deutsche kennt die Discount-Kette, doch über den weltweit vertretenen Konzern weiß man nur wenig. stern.de erklärt das "Prinzip Aldi" - und den Unterschied zu Lidl, Penny und Co.

Von Marcus Müller

Aldi. Schon der Name ist Programm. Er erzählt viel über den dahinter stehenden Weltmeister des billigen Verkaufens. Entstanden ist er verblüffend schlicht aus den Anfangsbuchstaben der Ladenbezeichnung: Albrecht-Discount. So einfach wie die Bezeichnung für ihre Kette stellten sich die Gründer-Brüder Karl und Theo Albrecht auch ihre Geschäfte vor. Schlicht bis spartanisch eingerichtet, nichts sollte ablenken vom einzigen Sinn der Unternehmung: dem konkurrenzlos billigen Einkauf.

So wurde Aldi schon mit der ersten 1962 in Dortmund eröffneten Filiale eine Welt für sich. Namenlose Massenware stellten die Albrechts einfach in Kartons in die Geschäfte. Verschwunden ist die nette Plausch-Atmosphäre des Tante-Emma-Ladens. Auch den Fachverkäufer, der den losen Käse abwiegt und einwickelt, gibt es nicht mehr. Bei Aldi ist alles abgepackt und bedienen müssen sich die Kunden selbst. Dafür bleibt das Warenangebot überschaubar.

Heute verkauft Aldi gut 750 verschiedene Produkte, die aber gleich in rauen Mengen: Der Discounter ist ganz nebenbei einer von Deutschlands größten Textilhändlern; wenn Aldi Computer oder Laptops auf den Markt wirft, bilden sich schon frühmorgens lange Schlangen vor den Filialen.

Überall in der Republik bietet sich den Aldi-Kunden ein ähnliches Bild, wenn sie eine Zweigstelle betreten: Neonlicht bestrahlt Pressholz-Regale, die die Kartons mit Tee, Saft, Konservendosen oder Putzmitteln tragen. Mehl, Zucker, Wasser oder River-Cola werden gleich auf den Lieferpaletten in den Verkaufsraum geschoben. Inzwischen gibt es auch frisches Obst, Gemüse und Fleisch sowie Bioprodukte.

Nutoka statt Nutella, River statt Coca

Nur ganz selten verirrt sich dagegen bisher ein Produkt eines großen, bekannten Herstellers in die karge Aldi-Welt. Stattdessen heißt das Duschgel Ombra, der Nussnougat-Aufstrich Nutoka oder Nusskati, das Olivenöl La Villa und die Milch kommt von Milsani. Es ist aber ein offenes Geheimnis, dass sich hinter manch einem No-Name-Produkt ein bekannter Hersteller versteckt.

Am Ende einer Einkaufstour warten an den Kassen dann die legendär schnellen Kassiererinnen. Inzwischen flitzen deren Finger nicht mehr über die gute alte Registrierkasse, seit knapp sieben Jahren hat auch Aldi Waren-Scanner. Bei technischen Neuerungen wartet Aldi häufig ab, welche Erfahrungen andere Unternehmen machen. Die EC-Karte zum Bezahlen etwa wird erst seit 2005 akzeptiert.

Tarifbezahlung für die flinken Verkäufer

Die neue Technik erleichtert vielleicht die Arbeit in dem Discounter ein wenig. Generell seien die Bedingungen bei Aldi aber heftig, sagt Ulrich Dalibor, Bundes-Fachgruppenleiter Einzelhandel der Gewerkschaft Verdi. "Das ist kein Zuckerschlecken. Natürlich lastet auf den Beschäftigten ein erheblicher Druck." Doch trotz der harten Arbeit blieben viele Aldi erstaunlich lange treu. Denn ganz schlecht seien die Bedingungen nicht: "Grundsätzlich finden die Tarifverträge Anwendung, auch was die Bezahlung angeht", sagt Dalibor.

Was unterscheidet Aldi nun eigentlich von den anderen Billigläden? Am auffälligsten ist der weitgehende Verzicht auf Etiketten bekannter Marken. Deshalb liegen die Preise von Aldi Marktforschern zufolge auch bis zu 30 Prozent unter dem Durchschnitt. Immer niedrigere Einkaufspreise und Großeinkäufe machen es möglich.

Wenige Waren, billig und viel

Das Konzept des Reduzierens auf das Allernötigste ist das Erfolgsgeheimnis der Albrecht-Brüder. Damit wurden die beiden inzwischen über achtzigjährigen Pioniere des deutschen Discounters zu Multimilliardären. Zur Ironie ihrer Geschichte gehört es, dass sie ihr Handwerk selbst in Tante-Emma-Läden lernten. Jenen Geschäften also, die sie später vom Markt fegen sollten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen beide 1946 das Lebensmittelgeschäft der Eltern im Essener Bergarbeiter-Vorort Schonebeck. Rasch bauen sie eine kleine Kette im Ruhrgebiet auf. Etwa ab 1950 entwickeln die Brüder das Aldi-Prinzip: Von nur wenigen Waren möglichst viel, so billig wie es geht verkaufen. Und immer die Kosten drücken: Der Legende nach müssen die Angestellten in den Anfangsjahren die Butter abends immer in den kühlen Keller schleppen, weil die Albrecht-Brüder zu geizig sind, Kühltruhen zu kaufen.

Die freundlichere Variante der Geschichte: Die Aldi-Brüder brauchen gar keine Kühltruhen, weil sie die Butter so billig machen, dass die Käufer sie ihnen praktisch aus den Händen reißen. Was immer auch stimmt: Beides erspart die teure Investition.

Unter dem neuen Namen Aldi wird dieses Prinzip endgültig zum Kassenschlager. Zehn Jahre nach der Eröffnung der ersten Filiale gibt es bereits 600 Geschäfte in 300 Städten der Bundesrepublik. Heute steht Aldi auf Platz elf der weltweit größten Einzelhandels-Unternehmen. Aldi ist ein Global Player mit mehr als 8000 Filialen in Europa, den USA und Australien, der geschätzte Gesamtumsatz beträgt 40 Milliarden Euro im Jahr.

Vom Tante-Emma-Laden zum Global Player

Regiert wird das Schnäppchen-Reich mit etwa 26.000 Beschäftigten von Aldi Süd in Mühlheim an der Ruhr und Aldi Nord in Essen. Schon 1960 hatten Karl (Süd) und Theo (Nord) ihr Handels-Imperium rechtlich, finanziell und organisatorisch getrennt. Angeblich konnten sie sich nicht einigen, ob Zigaretten ins Sortiment sollten.

Die Mehrheit an ihren Gesellschaften übertrugen beide Brüder schon früh an Familienstiftungen, in denen sie zwar noch immer die Fäden ziehen sollen. Doch langsam fällen wohl kaum mehr die Patriarchen die Entscheidungen. Der Moment für eine Neuausrichtung?

Zurzeit jedenfalls bläst auch dem Discount-Primus der Wind kräftig ins Gesicht: Lidl hat Aldi bei der Anzahl der Läden in Europa überholt, allerdings ist der Umsatzanteil bei Aldi nach wie vor größer. In dem hart umkämpften Markt versuchen sich die Ketten inzwischen gegenseitig zu verdrängen.

Mit Qualität statt Markennamen

Aldi versucht weiter mit Qualität zu punkten und verweist gern auf die guten Ergebnisse bei Untersuchungen der Stiftung Warentest. Wenn es schlechte Noten gibt, mustert Aldi den Lieferanten recht schnell ohne lange Diskussionen aus, berichten Vertragspartner des Discounters. Allerdings hatte auch Aldi in der Vergangenheit gelegentlich Pech mit einigen Produkten, was natürlich am eigenen Anspruch kratzt, verlässlich Qualität zum günstigsten Preis zu bieten.

Unklar ist, wie Aldi in Zukunft den Angriff anderer Discounter abwehren will. Mit mehr bekannten Marken wie Lidl? Dann wäre das Geschäft nicht mehr so einfach und überschaubar - bisher garantierte auch das den Aldi-Erfolg.

Angesichts steigender Preise für Strom, Benzin, Milch oder Brot ist der Trend zum Discounter-Einkauf aber längst nicht gebrochen. Das Arme-Leute-Image hat Aldi ohnehin schon lange abgelegt. Der Champagner der Kette ist auf jeden Fall gesellschaftsfähig.