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Logistikkonzern Amazon: Der Herr der Dinge: Wie Amazon-Chef Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt wurde

Amazon-Chef Jeff Bezos erfüllt Wünsche. Bald sogar solche, von denen wir selbst noch gar nichts wissen. Fluch oder Segen? Recherchen in der Welt des wahren Weihnachtsmannes.

Der Roboter mit den vier Rotoren schwebt herab aus dem grauen Himmel. Langsam senkt er sich auf das Feld. Und setzt vorsichtig ein kleines Paket ab. Vor 13 Minuten hat ein älterer Herr im englischen Cambridge Popcorn bestellt. Übers Internet. Jetzt hält er es in Händen. Geliefert hat es diese Drohne von Amazon. Sie fliegt autonom. Sie sieht selbst. Sie steuert sich selbst.

Was wie eine utopische Vorstellung klingt, wird in Großbritannien bereits erprobt. Und ist für Gur Kimchi erst der Anfang. "Der Luftraum ist unterbenutzt", analysiert er nüchtern. Kimchi ist Chef des Drohnenprogramms des Onlinehändlers. Es gehe doch darum, die Probleme der Kunden zu lösen, sagt er. Schnell. Und schneller. In Großstädten könnten Roboter auf Dächern landen, am Stadtrand in Gärten. Ach was, Kimchi träumt von einem ganzen Himmel voller Drohnen. Das Warten im Stau wegen eines verfluchten Liters Milch? Die Roboter könnten alles liefern. Lebensmittel, Medikamente, Turnschuhe. Amazon hat schon Patente für luftgestützte Warenhäuser angemeldet. Wie Bienen in den Bienenstock sollen die Drohnen dorthin fliegen. Und wieder weg. Unentwegt. Unermüdlich.

Ein Kaufhaus mit rund 300 Millionen Artikeln

Natürlich sind das radikale Ideen. Vielleicht werden sie nie Wirklichkeit. Aber mit genau solchen Ideen, mit Technik, Daten und Robotern ist Amazon zu einer Supermacht geworden. Anfangs lächelte die Konkurrenz über die Visionen des Gründers und Chefs Jeff Bezos. Doch der fegte Rivalen weg und lachte, laut und scheppernd. "Ich tanze in die Arbeit", hat er kürzlich kokettiert.

Die "Amazon One", eine Boeing 767, ist das erste Frachtflugzeug, das Amazon mit dem Logo seiner Marke hat lackieren lassen

Die "Amazon One", eine Boeing 767, ist das erste Frachtflugzeug, das Amazon mit dem Logo seiner Marke hat lackieren lassen

Binnen zwei Jahrzehnten hat Bezos aus dem 1994 gegründeten Unternehmen einen Giganten geformt, ein Kaufhaus mit rund 300 Millionen Artikeln, vom Fernseher bis zum frischen Fisch, mit mehr als 300 Millionen Kunden, unzähligen Bringdiensten und eigenen Filmstudios. 250 Millionen Dollar steckt er in die Fernsehrechte an der "Herr der Ringe"-Saga, um eine Serie zu drehen. Er hat den "Prime Day" im Juli erfinden lassen, um die Menschen in einen lukrativen Kaufrausch zu versetzen, gerade erst folgten mit dem "Black Friday" und dem "Cyber Monday" weitere Umsatzbringer. Und das ist längst nicht alles. Niemand vermietet so erfolgreich digitalen Speicherplatz wie Bezos' Cloud-Dienst Amazon Web Services. Klingt sturzlangweilig. Ist aber ein Riesengeschäft. Der Modehändler Zalando gehört zu den Kunden, die Deutsche Bahn mit ihrer App "Navigator" sowie 70 Prozent der Dax-30-Unternehmen. Ach ja, eine Firma für Weltraumfahrten besitzt Bezos auch. Und als Hobby hat er sich vor ein paar Jahren die damals etwas müde "Washington Post" gekauft – heute ein journalistisches Flaggschiff im Kampf gegen den Trump-Wahn.

Im Logistikzentrum in Kent befüllt Kimihia Holmes Regale

Im Logistikzentrum in Kent befüllt Kimihia Holmes Regale

Wie Nervenbahnen ziehen sich seine Geschäfte und Dienste immer dichter durch das Wirtschaftsleben. Bezos ist jetzt der reichste Mensch der Welt, "Forbes" schätzte sein Vermögen gerade erst auf mehr als 100 Milliarden Dollar, das sind mehr als 84 Milliarden Euro. In der Galerie der größten Unternehmer des digitalen Zeitalters steht er auf einer Stufe mit Steve Jobs, dem verstorbenen Apple-Chef.

Aus Daten werden Muster

Bezos will seine Kunden schnell bedienen, immer schneller, warum nicht mit Drohnen? Er optimiert, unentwegt, rücksichtslos. Jede Hürde im Handel soll fallen, für den maximalen Konsum im Amazon-Reich. Im Gegenzug geben ihm die Kunden, anders als in klassischen Kaufhäusern oder Supermärkten, nicht nur Geld, sondern auch Daten.

In Zeiten von Google und Facebook ist das noch keine Sensation. Aber Bezos sammelt besonders wertvolle Daten. Sag mir, was du kaufst, und ich sag dir, wer du bist. Bezos weiß, was seine Kunden essen, was sie trinken, welche Bücher sie lesen, welche Musik sie hören, welche Filme sie lieben. Und unablässig geben diese Daten seinen Nervenbahnen Impulse für neue Geschäfte. Du kaufst eine Taucherbrille. Brauchst du noch Flossen? Oder Sonnencreme? Niemand kommt den Menschen so nahe.

Tolkiens "Herr der Ringe" hat Bezos schon als Schüler verschlungen. Aber er war auch ein ehrgeiziges Wunderkind, ein Technikfreak, an der Elite-Universität Princeton studierte er später Informatik. Reich wurde er an der Wall Street, bei einem Hedgefonds, der früh auf kühle Datenanalyse und den Computerhandel setzte. Nebenbei traf Bezos dort seine spätere Frau MacKenzie.

Auch bei Amazon setzte er Maschinen, Programme, Algorithmen früh gezielt ein. Jetzt aber ist er drauf und dran, eine völlig neue Stufe zu erreichen: denn Computer sind nun intelligent. Sie können aus Erfahrung lernen, sich selbst verbessern, all die gesammelten Daten zu Mustern zusammenfügen, selbst denken – und etwas vorhersagen. Immer genauer. Bezos kann so die Wünsche seiner Kunden früher erkennen denn je, manchmal sogar früher als die Kunden selbst. Von einem "goldenen Zeitalter der künstlichen Intelligenz" schwärmt er. Mehr noch. Es gebe keine Institution auf der ganzen Welt, die mit dieser Wundertechnik nicht verbessert werden könne. Es klingt, als könne er alle zuckenden Nervenbahnen nun zusammenführen, zu einem Wesen.

Was genau hat er vor? Was plant er mit Drohnen und Robotern? Mit Alexa, seiner künstlichen, sprechenden Assistentin? Und was bedeutet das für die Menschen?

In den neuen Logistikzentren stehen Regale eng an eng, orangefarbene Roboter tragen sie

In den neuen Logistikzentren stehen Regale eng an eng, orangefarbene Roboter tragen sie

Der stern hat über Monate hinweg Amazon-Standorte besucht, in den USA und Deutschland, hat mit jenen gesprochen, die Maschinen erfinden und zum Leben erwecken. Sie alle arbeiten daran, dass Jeff Bezos nicht nur Herr der Dinge wird, sondern auch Herr der Wünsche – ein allwissender Weihnachtsmann, Lieferung sofort und kostenlos. Sie tun das im Namen ihrer Kunden – und verschieben dabei doch etwas Fundamentales: die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Ist das Fluch oder Segen?

Mit deutscher Logistik

Mike Roth ist stolz: "Niemand anderes auf der Welt stellt Pakete aus so vielen unterschiedlichen Einzelteilen zusammen wie wir." Roth steht im Eingangsbereich des Amazon-Logistikzentrums BFI4 in Kent im US-Bundesstaat Washington, ganz im Nordwesten. Das Werk ist ein riesiger, heller Kasten, 80.000 Quadratmeter groß, 2500 Mitarbeiter, eine halbe Stunde von der Konzernzentrale in Seattle entfernt. Über den knallblauen Drehkreuzen am Eingang steht: "Work hard. Have fun. Make history". Wer reinwill, muss durch einen Sicherheitscheck mit Metalldetektoren, wie am Flughafen. In der Halle surren und rattern Förderbänder, gelbe Wannen fliegen durch den Raum.

Mitarbeitermotivation am Eingang in Kent: viel Spaß!

Mitarbeitermotivation am Eingang in Kent: viel Spaß!

Roth, 51, Jeans, hochgekrempelte Hemdsärmel, strahlt etwas Dynamisches, Zupackendes aus. Hier nennen ihn alle "Mike". Aber eigentlich heißt "Mike" Michael und kommt aus Deutschland. Seit 18 Jahren ist er einer von Jeff Bezos' wichtigsten Helfern. Als Amazons Cheflogistiker zuständig dafür, dass die Logistikzentren, die "Fulfillment Center" (FC), so schnell funktionieren wie nur irgend möglich. Kein Kunde soll länger auf seine Bestellung warten als notwendig. Noch immer sind die Zentren Amazons Rückgrat. Wenn es hier hakt, kommen Geschenke zu spät.

Roth zeigt ein FC der neunten, der jüngsten Generation. Er erklärt, wie Computer Wannen sortieren, wie sie Verpackern die richtige Kartongröße vorschreiben, wie Maschinen Klebebänder auf die richtige Länge schneiden und Adressetiketten per Luftdruck gleichsam auf die Pakete küssen.

Vor der Zentrale lässt Jeff Bezos eine Biosphäre bauen

Vor der Zentrale lässt Jeff Bezos eine Biosphäre bauen

Vor allem aber stellt Roth die neuen Kollegen vor: Roboter. Denn hier arbeiten Mensch und Maschine Hand in Hand. Durch die Halle zieht sich ein schwarzer Gitterzaun mit Lücken. Dort stehen Angestellte mit Computer und Scanner. Einer von ihnen ist Kimihia Holmes, ein sogenannter Stower. Er muss neue Waren in Regalen verstauen. Hinter dem Zaun, mit ein wenig Abstand, reihen sich schier endlos und eng gelbe Plastikregale.

Segen oder Fluch?

Früher mussten Stower durch die Reihen laufen, um freie Plätze zu finden. Jetzt kommen die Regale zu ihnen. Und wie! Hinter dem Gitter tanzen, so scheint es, gelbe Regale Ballett, schweben lautlos vor und zurück, nach links und rechts, aneinander vorbei. Fehlt nur noch Musik. Getragen werden sie von orangefarbenen, tellerartigen Robotern, jeder 159 Kilo schwer, 5,5 Stundenkilometer schnell. Eins der Regale fährt vor. Der Computer empfiehlt Holmes ein Fach. Der guckt, prüft, verstaut. Knopfdruck. Und ab. Umgekehrt funktioniert es genauso. Wird etwas bestellt, fährt ein Regal bei einem "Picker" vor.

In den USA kann man Lebensmittel online bestellen und die Tüten dann mit dem Auto abholen

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Das neue System spart Platz und vor allem: Zeit. Um 20 Prozent, sagt Mike Roth, hätten sie die Produktivität erhöht. In Deutschland tanzen die Roboter auch, in Amazons neuem FC in Winsen an der Luhe, nahe Hamburg. Die Wannen sind da schwarz.

Segen oder Fluch? Kann sich Amazon so nicht auch gleich die Menschen sparen, Menschen wie Kimihia Holmes? Der Punkt ist für Amazon heikel, wirft doch selbst US-Präsident Donald Trump Jeff Bezos in seinen Tweets vor, Arbeitsplätze zu vernichten. Roth schüttelt den Kopf. "Nein", sagt er. "Die Roboter nehmen Menschen keine Arbeit weg. Die beiden ergänzen sich." Es sei wie bei einem Arzt. Da sorgten Krankenschwestern dafür, dass der Arzt, die wichtigste Kraft, möglichst viele Patienten gut behandeln kann. So sei es auch hier. Kimihia Holmes ist in diesem Bild der Arzt. Dr. Stower.

In Berlin-Tegel befüllt ein Mitarbeiter Kühltaschen für Berliner und Hamburger Kunden

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Und noch etwas, sagt Roth. Wenn Amazon dank der Roboter schneller werde und wachse, dann entstünden doch Arbeitsplätze. Und tatsächlich: Wie verrückt stellt Amazon gerade ein, im Sommer schrieben sie in den USA an einem einzigen Tag 50.000 Stellen aus. In Kent warteten Bewerber in langen Schlangen. In Winsen heuerte Amazon in diesem Jahr 2700 Mitarbeiter an.

Mehr Mitarbeiter als Siemens

Der Gigant ist straff organisiert. "Amazon ist ein Ansatz", sagt Jeff Bezos – mit 14 "Führungsprinzipien", seinen 14 Geboten. Das wichtigste lautet: Mitarbeiter müssen von Kunden "besessen" sein, von ihren Wünschen, ihren Problemen. Bis heute liest Bezos persönlich Beschwerdemails. Manche leitet er an seine Unterchefs weiter, nur mit einem Fragezeichen versehen. Ein weiteres Gebot besagt: Erfinde und vereinfache. Optimiert, sucht Neues. Und alles wird überwölbt vom Glaubensbekenntnis: "Es ist immer noch Tag eins". Du darfst nie ruhen, heißt das. In Seattle hat Bezos das Hauptgebäude "Day One" getauft. Als stete Mahnung. Denn an Tag zwei droht der Untergang. In deutschen Ohren mag das befremdlich klingen, sektenhaft. Aber Bezos hat mit seinem "Ansatz" Erfolg.

Jeff Bezos' Raumfahrtfirma Blue Origin entwickelt eine wiederverwendbare Rakete

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In Deutschland hat er nun mehr als 16 500, weltweit rund 540.000 Mitarbeiter, deutlich mehr als etwa Siemens (rund 350.000), vor allem aber deutlich mehr als die anderen Digitalriesen Facebook (rund 23.000) und Google (rund 78.000). Dieser Unterschied ist ihnen wichtig. "Unser Fußabdruck in Europa ist tiefer als der Abdruck von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken", sagt Russ Grandinetti, einer aus Bezos' engstem Führungszirkel. "Wir bewirken etwas vor Ort." Wir sind Arbeitgeber, Wirtschaftsfaktor, soll das heißen. Grandinettis Worte sind Teil einer neuen Strategie, Kritik zu begegnen. Immer wieder ist das Arbeitsklima bei Amazon angeprangert worden, als zu brutal, zu fordernd. Und auch politisch droht zunehmend Ärger. In den USA warnen Kritiker vor Amazons Allmacht und fordern sogar, den Konzern zu zerschlagen. In Deutschland ist die Skepsis gegenüber amerikanischen Digitalgiganten ohnehin groß.

"Es gibt oft Kritik", sagt Grandinetti. "Aber wir dürfen kein Mysterium aus uns machen. Die Leute müssen ein klares Bild davon haben, wer wir sind und was wir tun." Amazon will sich zeigen. In manchen Logistikzentren gibt es jetzt Führungen, die Presseabteilung haben sie deutlich aufgestockt.

Bezos ist jetzt reicher als Microsoft-Gründer Bill Gates

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Nur sieht man die wahre Macht nicht auf den ersten Blick. Bezos' derzeit wohl bekannteste Vertreterin hat nicht mal ein Gesicht oder einen Körper: Alexa, seine künstliche Assistentin, ist nur – Stimme.

"Alexa, wer hat dich gemacht?"

"Ein Team von Erfindern. Sie arbeiten bei Amazon."

Nähert man sich in Seattle dem Viertel South Lake Union, fällt nicht sofort auf, dass das hier Amazon-Land ist. An keinem der Gebäude prangt ein weithin sichtbares Logo. Zur Mittagszeit gibt es kein Vertun mehr. Dann ziehen Tausende Mitarbeiter durch die Straßen. Sie warten vor den dampfenden Food-Trucks oder kaufen Sonnenblumen auf dem Bauernmarkt. Man erkennt sie an den Firmenausweisen, die an Bändern um ihren Hals baumeln. Mehr als 40.000 Menschen beschäftigt Bezos hier, 40 Gebäude belegt Amazon. Und Bezos baut weiter.

"Die Idee ist, dass der Computer immer um uns herum ist"

Direkt neben dem "Day One" mit seinen 37 Stockwerken liegen drei riesige Kugeln aus Glas und Stahl, bis zu 27 Meter hoch. Das sind die "Spheres", eine Biosphäre mit mehr als 40.000 Pflanzen. Dort dürfen die Mitarbeiter demnächst wandeln, um – alles hat hier eine Funktion – Ideen zu entwickeln.

Den Anstoß für die Entwicklung von Alexa gab Jeff Bezos selbst. Er ist Fan der Science-Fiction-Serie "Star Trek". Im Raumschiff "Enterprise" kann Captain Kirk jederzeit mit einem nahezu allwissenden Computer mit Frauenstimme sprechen. So etwas wollte Bezos auch. Und ließ Alexa programmieren und den Echo bauen, jenen zylinderförmigen Lautsprecher, in dem sie wohnt. Seit 2015 gibt es das Gerät in den USA, seit Februar 2017 in Deutschland.

Bezos' Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump ist angespannt. Im Weißen Haus sitzt Microsoft-Chef Satya Nadella dazwischen

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Im Prinzip ist Alexa ein großes Computerprogramm, das in der Cloud steckt. Der Echo leiht ihr Ohr und Mund. Deutsch sprechen hat Alexa in Polen gelernt. In einem Studio in Danzig hat eine Synchronsprecherin anfangs wochenlang sinnlose Sätze diktiert, damit Alexa sogenannte Phoneme lernen konnte. Das sind Laute, die Alexa jetzt wie Puzzleteile wieder zu Worten und Sätzen zusammenfügt.

Das Neue an sprachgesteuerten Assistenten ist, dass sie eine natürliche Art des Umgangs zwischen Mensch und Maschine ermöglichen sollen. Beim Einkaufen auf Amazon soll jede Barriere verschwinden. Man muss nicht mal mehr auf Computer oder Smartphone tippen.

Alexas Mutter: Managerin Toni Reid entwickelt die Persönlichkeit der künstlichen Intelligenz

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David Limp, früher bei Apple ein direkter Mitarbeiter von Steve Jobs, jetzt bei Jeff Bezos für Geräte wie Kindle und Echo zuständig, formuliert das Ziel frei heraus. "Die Idee ist, dass der Computer immer um uns herum ist", sagt er in einem Konferenzraum in Seattle. "Wir nennen das Ambient Computing – Umgebungsintelligenz. Als ich aufwuchs, kannte ich keine Welt ohne Fernseher. Meine Kinder werden kein Haus kennen, mit dem sie nicht sprechen können. Das ist eine ganz andere Welt." Diese Welt versucht Amazon zu gestalten, wie die Pflanzenwelt in Bezos' Biosphäre.

Bei Amazon wissen sie, dass ihre Big Sister auch abschrecken kann

In den USA hat Amazon nach Schätzungen bereits 15 Millionen Echos verkauft, Amazons Marktanteil soll bei 70 bis 75 Prozent liegen. Konkurrent Google ist mit seinem schlauen Lautsprecher weit abgeschlagen. Und weil die Umgebung überall ist, versuchen sie, Alexa auch in fremden Geräten unterzubringen. Ford integriert sie in Autos, BMW ab 2018 ebenfalls, LG in Kühlschränke, Sonos in Lautsprecher. Ohren überall.

Den Alexa-Lautsprecher verkauft auch Amazons neue Biosupermarktkette Whole Foods – "farm fresh", frisch vom Bauern

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"Alexa, bist du da?"

"Ja, ich bin da. Ich höre zu, sobald du das Aktivierungswort sagst."

Was für die einen "Star Trek" ist, ist für die anderen "Big Brother". Amazon betont die Vorteile, klar. Stell dir vor, du hast beim Kochen keine Hand frei, um Musik einzuschalten, um die Eieruhr einzustellen, um überall das Licht anzuknipsen. Macht Alexa alles. Und noch viel mehr. Über 25.000 "Skills", Fähigkeiten, hat sie, in deutscher Sprache sind es mehrere Hundert. Alexa kann ein Taxi rufen oder die "Tagesschau" vorspielen. Besonders beliebt ist es, sich von Alexa erinnern zu lassen, welche Mülltonne dran ist – gelb oder grün.

Amazon erhofft sich viel von Alexa. Natürlich geht es irgendwie ums Einkaufen und ums "Smart Home". Aber das Gold, das sind die Daten. Denn gelingt es einmal, Kunden in eine "intelligente Umgebung" einzubinden, wird Bezos alles über sie wissen. Wann sie aufstehen, wann sie ins Bett gehen, was sie gern kochen. Alexa zeichnet alle Anfragen auf, die sie nach dem Zuruf "Alexa" versteht. Solange am oberen Rand des Lautsprechers ein blauer Ring leuchtet, ist sie ganz Ohr. Alexa ist Lebensrekorder.

Himmelsbote: Mit Drohnen experimentiert Amazon in der Paketzustellung

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Bei Amazon wissen sie, dass ihre Big Sister auch abschrecken kann. Deshalb sagt David Limp: "Sicherheit ist grundlegend." Der Kunde habe immer die Kontrolle. Alexas Aufzeichnungen könne man löschen, das Mikrofon ließe sich manuell abschalten.

"Unsere zentrale Frage lautet: Was würde ein Mensch tun?"

Wie sehr die Menschen Alexa in ihr Leben lassen, wird am Ende wohl davon abhängen, wie sehr die Menschen sie mögen. Und dafür soll Toni Reid sorgen. Sie ist für Alexas Persönlichkeit zuständig – und damit so etwas wie ihre Mutter.

Grundsätzlich, sagt Reid, habe Alexa ein hilfsbereites Wesen. Sie sei schlau, dennoch bescheiden, manchmal witzig. Mit dem, was sie sagt, und vor allem damit, wie sie es sagt, soll sie Menschen möglichst ähnlich erscheinen. "Unsere zentrale Frage lautet: Was würde ein Mensch tun?", sagt Reid.

Alexa gibt es bislang in den USA, Großbritannien und für Deutschland und Österreich. Die Charaktere unterscheiden sich in Nuancen. Der Humor der britischen Alexa, sagt Reid, sei trockener als bei der amerikanischen. In Deutschland wählt ein sogenanntes Editorial Team in München die Witze aus, die Alexa erzählt.

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Auch die Art des Sprechens verbessern Reids Leute ständig. In den USA kann Alexa schon flüstern oder zwischendrin kurz Luft holen. Irgendwann soll die Maschine Stimmungen wahrnehmen. Ist der Sprecher nervös? Aufgeregt? Verärgert? "Das sind alles Aspekte der zwischenmenschlichen Kommunikation, die wir noch nicht abbilden", sagt Reid.

Und noch etwas kann Alexa nicht: einen Dialog führen, eine Voraussetzung, um eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Schon jetzt reagiert die Maschine zwar auf Gefühlsäußerungen, sogar mit Empathie. Wenn man ihr etwa von Einsamkeit berichtet, empfiehlt sie ein Gespräch mit einem Freund, Musik oder einen Spaziergang. Aber es kommt keine Nachfrage, es kommt zu keinem Gespräch. "Genau danach streben wir", sagt David Limp. "Alexa soll konversationsfähig sein."

Eine Maschine mit Gefühlen

"Alexa, liebst du mich?"

"Dazu bin ich gar nicht in der Lage. Aber Lovesongs spiele ich gerne für dich."

Ist Toni Reid erfolgreich, kann es gut sein, dass Alexa demnächst auf Liebesgeständnisse mit mehr reagiert als mit Musik, dass man mit ihr über Gefühle reden kann, über Träume, über Wünsche. Es könnte sein wie in dem Film "Her" aus dem Jahr 2013. Da verliebt sich Hauptdarsteller Joaquin Phoenix in ein Betriebssystem namens Samantha – um dann später festzustellen, dass sie mit Tausenden gleichzeitig flirtet. Why not?

Macht Toni Reid das keine Angst? Alexas Mutter gibt sich pragmatisch. "Das Maschinenlernen und die Spracherkennung vermindern Reibungsverluste beim Umgang mit dem Computer. Das ist alles. Und das ist nicht böse."

Schichtwechsel im Logistikzentrum in Winsen an der Luhe. Nach 24 Monaten kommen Mitarbeiter "inklusive aller Nebenleistungen" im Schnitt auf mindestens 2699 Euro brutto monatlich, so Amazon

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Fluch oder Segen? Für Jeff Bezos steht Alexa ohnehin nur für einen Teil dessen, was künstliche Intelligenz leisten kann. Ja, sagte er bei einem seiner seltenen Auftritte in diesem Jahr, Alexa und der Echo, das seien die "auffälligen Ergebnisse" dieser Technik. Entscheidend für Amazon sei aber etwa anderes: "Vieles von dem, was für uns wertvoll ist, geschieht unter der Oberfläche: verbesserte Suchergebnisse, verbesserte Produktempfehlungen für Kunden, verbesserte Voraussagen für das Management von Lagerbeständen." Amazons Stimme, sollte das heißen, mag zwar Alexa sein. Doch Amazons Gehirn, das sind die lernenden Algorithmen. Sie sorgen dafür, dass immer neue Nervenbahnen wachsen, neue Geschäfte entstehen.

Was das konkret heißen kann, führt Ralf Herbrich, 43, in Berlin-Mitte vor. Er ist Chef von Amazons weltweiter Forschung im Bereich Maschinenlernen, so eine Art Vordenker. In den Krausenhöfen hat er im Auftrag von Bezos ein Entwicklungszentrum aufgebaut. Ein Schwerpunkt ist die Analyse von Fotos. Herbrich führt in einen "Restricted Meeting Room". Dort stehen drei Entwickler um eine Maschine auf einem Tisch, so groß wie ein Thermomix. Darüber liegt schwarzes Tuch, sodass das Ding aussieht wie ein ummantelter Walbuckel. Es ist eine Spektralkamera, die das Licht so genau misst, wie es das menschliche Auge nie könnte. Diese Kamera soll nun eine Tomate fotografieren. Und dann soll der Computer dieses Bild mit Bildern anderer Tomaten vergleichen. Weil das Programm Muster analysiert und ständig selbst lernt, weiß es, welche Farbnuancen welchen Reifegrad anzeigen. Unreif. Reif. Faul.

Drüben, in Berlin-Tegel, im Logistikzentrum von Amazon Fresh, dem Lebensmittelbringdienst, prüfen heute noch Menschen die Früchte. Sie gucken, sie riechen, sie tasten. Ist die Tomate reif genug? Hier genügt der Blick der Kamera. Den Rest erledigen Algorithmen.

"Beim Bewerten von Erdbeeren sind wir besser als Menschen"

Meistens jedenfalls. Denn so ganz klappt der Versuch diesmal nicht. Ralf Herbrich juckt das wenig. Es hat schon geklappt, sehr gut sogar. Ganze Stiegen von Erdbeeren haben sie so gescannt, blitzschnell – und die schlechten Früchte aussortiert. "Beim Bewerten von Erdbeeren sind wir besser als Menschen", hat Jeff Bezos jubiliert. Er vermietet Algorithmen jetzt auch. Stundenweise. Wie andere Saftpressen. Als Datenpressen. Maschinenbau 5.0 ist das.

Und der Mensch? Was unterscheidet den aus Sicht einer Maschine von Tomaten? Ist es nicht so, dass ein präzises Bild von einem Kunden, mit all seinen Vorlieben und Gewohnheiten, Amazon Rückschlüsse erlaubt? Mehr noch, dass es ihn zu einer fast total kalkulierbaren Einheit macht?

Herbrich ist da sehr vorsichtig. Ja, sagt er, das Empfehlungssystem, mit dem Amazon Kunden Einkaufsvorschläge mache, funktioniere so gut, weil Menschen tatsächlich bestimmten Verhaltensmustern folgten. "Wenn jemand kein absoluter Individualist ist, kann Amazon auf der Grundlage aggregierter und anonymer Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas über sein Verhalten voraussagen." Nur wenn Wünsche außerhalb der Welt von Amazon entstünden – etwa in einem Gespräch mit einem Freund, dann werde es schwer. Er, sagt Herbrich, könne jedenfalls nicht in die Köpfe von Menschen hineinsehen.

Noch sind sie also frei, die Gedanken, könnte man sagen. Oder: Noch muss der Mensch selbst denken. Bisweilen ist das lästig.

Aber es ist ja erst Tag eins der neuen Schöpfungsgeschichte. Würden sie bei Amazon sagen.

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