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Arbeitsmarkt im März Experten staunen über deutsches Jobwunder


Experten sind überrascht: Die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland stärker gesunken, als ihre Prognosen erwarten ließen. Offenbar haben die Ökonomen die Zähigkeit deutscher Unternehmer unterschätzt.
Von Roman Heflik

Arbeitsmarktexperten atmen auf. "Die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen im März ist überraschend gut", freut sich Sabine Klinger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Gerade eben hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg migeteilt, dass es im März 3,568 Millionen Arbeitslose in Deutschland gebe. Das sind 75.000 weniger als im Februar und 18.000 weniger als vor einem Jahr.

Noch sind die Zahlen kein Anlass, Entwarnung zu geben: Erst vor kurzem prognostizierte das IAB, die Zahl der registrierten Arbeitslosen werde im Jahresmittel im Vergleich zu 2009 um 120.000 auf dann 3,5 Millionen klettern. Die vorhandene Arbeitslosigkeit drohe sich dann zu verfestigen, das heißt, mehr Menschen würden möglicherweise vom Arbeitslosengeld in Hartz IV rutschen. Auch BA-Chef Frank-Jürgen Weise übte sich bei der Vorstellung der März-Zahlen in Zurückhaltung: "Die Konjunktur scheint anzuspringen. Für den Arbeitsmarkt gilt das aus unserer Beobachtung noch nicht." Selbst bei guter wirtschaftlicher Entwicklung werde sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt erst einmal verschlechtern.

Denn unter Ökonomen gilt die Faustformel, dass der Arbeitsmarkt mit etwa einem halben Jahr Verspätung auf den Verlauf der Konjunktur reagiert. So reagieren Unternehmen oft noch mit Entlassungen auf Krisen, auch wenn sich ihre Auftragsbücher bereits langsam wieder füllen.

Forscher haben die Zuversicht der Arbeitgeber unterschätzt

Im Augenblick jedoch scheint sich der Arbeitsmarkt nicht mehr sklavisch an diese Formel zu halten, sondern hat ein Eigenleben entwickelt. Sabine Klinger stellt fest: "Der Trend auf dem Arbeitsmarkt ist ungewöhnlich positiv angesichts der Tatsache, dass gerade eigentlich wenig auf eine kräftige wirtschaftliche Entwicklung hindeutet." Offensichtlich haben die Forscher die deutschen Arbeitgeber falsch eingeschätzt: "Anscheinend sind ihr finanzielles Polster und ihre Bereitschaft, Beschäftigte trotz Krise länger zu halten, größer, als wir gedacht haben", sagt Klinger. Die Betriebe hätten vermutlich erkannt, dass es sich bei den aktuellen Problemen eher um einen vorübergehenden Nachfrageeinbruch handele und nicht um eine strukturelle, also dauerhafte Krise.

Laut Klinger haben sich die Unternehmen intensiv solcher Mittel wie Kurzarbeit bedient, um in der Krise flexibel zu bleiben. "Unsere Zahlen zeigen, dass die Kurzarbeit inzwischen wieder zurückgeht, ohne dass dadurch die Arbeitslosigkeit steigt." Experten hatten dagegen befürchtet, dass vielen Kurzarbeitern nach Auslaufen der Maßnahmen der Verlust ihrer Jobs drohen könnte.

Nach Ansicht von Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung könnten auch die Erfahrungen aus den letzten Jahren zum Verhalten der Unternehmer beigetragen haben: Weil die Firmenchefs bereits beim letzten Aufschwung unter dem Fachkräftemangel gelitten hätten, würden sie inzwischen für die Zeit nach der Krise viele ihrer Arbeitskräfte länger ans Unternehmen binden. Tatsächlich haben Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bereits im zweiten Halbjahr 2009 kaum mehr abgenommen; zum Jahreswechsel gab es sogar Zunahmen.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Erwerbstätigen im Februar saisonbereinigt um 7000 gestiegen. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hat nach vorläufigen Daten der BA, die bis Januar reichen, saisonbereinigt um 2000 zugenommen.

Andreas Scheuerle, Volkswirt bei der Dekabank, sagt: "Die Firmen rechnen mit einer Besserung der Geschäfte. Sie sagen, wir haben mit der Stammbelegschaft schon so lange durchgestanden, jetzt halten wir auch noch die letzten paar Monate durch." Ähnlich sieht es Unicredit-Volkswirt Alexander Koch: Es sehe "täglich mehr danach aus, dass es nicht zum nachgelagerten Jobabbau kommt, den man eigentlich erwarten könnte nach dem Konjunktureinbruch von 2009". Das sei schon "ein kleines deutsches Jobwunder". Aus diesem Grund rechnet Koch damit, dass auch der private Konsum nicht wie befürchtet einbrechen werde.

"Big Bang" bleibt wohl aus

So entzerrt und entspannt sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt ganz allmählich. Alexander Herzogstein, Arbeitsmarktökonom der Hans-Böckler-Stiftung warnt jedoch: Würge man die Konjunktur jetzt zu früh ab, dann drohe Deutschland eventuell das Phänomen eines langanhaltenden "jobless growth", eines Wachstums ohne Beschäftigungsaufbau.

Denn beim Anziehen der Konjunktur werden die Unternehmen zunächst ihr Personal besser auslasten und bei fehlender Wachstumsperspektive dann überzählige Mitarbeiter nach und nach entlassen. Trotzdem ist auch Herzogstein erleichtert: "Genau vor einem Jahr sagte man: Im Sommer 2009 wird es auf dem Arbeitsmarkt wohl krachen. Inzwischen aber geht man davon aus, dass der Big Bang wohl nicht mehr kommen wird."

Roman Heflik, mit AP und Reuters

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