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Aussenhandel: Deutsche Investoren vernachlässigen das Baltikum

Kleine Märkte locken nicht, aber Logistikbranche könnte neuer Hoffnungsträger sein. Mittlerweile führen USA und nordischen Staaten bei Investitionen.

Wenn in den litauischen Hauptstadt Vilnius eine deutsche Bank ihre Niederlassung einweiht, dann kommt sogar der Staatspräsident zum festlichen Empfang. Valdas Adamkus hatte sich am Mittwochabend bei der Vereins- und Westbank angesagt, weil solche Gelegenheiten in Litauen selten sind, ebenso wie im restlichen Baltikum. Außer der Hamburger Tochter des HypoVereinsbank-Konzerns, die sich als Regionalbank für den Ostseeraum zuständig fühlt, ist nur die Norddeutsche Landesbank (NordLB) aus Hannover mit operativen Einheiten in der Region aktiv. Den Rest des Bankenmarktes machen skandinavische, vor allem schwedische Institute unter sich aus.

Vernachlässigung zukünftiger EU-Partner

In den anderen Branchen sieht es nicht besser aus. »Wir sind leider nicht die Nummer eins unter den ausländischen Investoren, sondern die Nummer fünf oder sechs«, klagt der deutsche Botschafter in Vilnius, Detlof von Berg. Die nordischen Länder und die USA, die in der Erdölbranche aktiv sind, haben die Nase weit vorn. Dabei ist jetzt die richtige Zeit, um die deutsche Präsenz in Litauen zu verdichten, meint der Diplomat. Die Wirtschaftskrise ist überwunden, Litauen hat - eher früher als später - klare Perspektiven für den Beitritt zur europäischen Union und anschließend auch zur Nato. Von Berg sieht etliche lohnende Investitionsfelder für die deutsche Wirtschaft, von der Entwicklung eines umweltfreundlichen und hochwertigen Tourismus bis hin zum Ausbau der Exportindustrie.

Wirtschaft bleibt skeptisch

Der Enthusiasmus des Botschafters wird in der Wirtschaft nicht allgemein geteilt. Litauens Wirtschaft war in der sowjetischen Zeit bis 1991 und noch lange danach in erster Linie auf die Lieferungen nach Russland ausgerichtet. Als dieser Markt wegbrach, gingen auch die meisten Industriebetriebe pleite, sofern sie nicht einen ausländischen Investor und neue Märkte im Westen finden konnten. Rund 6.500 Unternehmen in Litauen haben ausländische Eigner, von den Raffinerien bis zur litauischen Telekom. Die größeren Exporteure sind verlängerte Werkbänke von West-Konzernen. »Wir sind zu 90 Prozent von IKEA abhängig«, sagt zum Beispiel Petras Chesna, der Generaldirektor der größten Möbelfabrik im gesamten Baltikum. Dank des gesicherten Absatzes kann er seine Produktion Jahr für Jahr ausweiten. Die Fabrik arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb und gibt 930 Litauern Arbeit.

Zu viele veraltete Kleinbetriebe

Mittlerweile gehen 68 Prozent der Exporte des Landes in die EU, nur noch 8 Prozent nach Russland. Doch positive Beispiele wirtschaftlichen Erfolgs sind eher die Ausnahme als die Regel. Ein Großteil der litauischen Wirtschaft ist schlichtweg zu vernachlässigen, wenn man mit den Augen einer Milliarden schweren Großbank auf das Land blickt: Die 3,7 Millionen Einwohner des Landes - das entspricht dem Großraum Hamburg - verdienen monatlich im Durchschnitt kaum mehr als 500 DM pro Kopf, und 11,5 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Kleine bis mittlere Betriebe dominieren das Bild, mit wenig konkurrenzfähigen Produkten und personalintensiven Produktionsmethoden. Die Vereins- und Westbank ist sich darüber im klaren, dass sie auch ein Stück Entwicklungshilfe für die litauische Wirtschaft leistet. »Das Engagement muss natürlich wirtschaftlich sein«, sagt Vorstandssprecher Ulrich Meincke, der selbst eigens nach Litauen gereist war. »Aber wir würden uns freuen, wenn wir auch einen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes leisten könnten.«

Hoffnungsmarkt Logistik

Chancen liegen zum Beispiel in den Bereichen Logistik und Transportwirtschaft, weil Litauen geografisch mitten in Europa liegt, an der Nahtstelle von Ost und West, und über ein gut ausgebautes Straßennetz verfügt. »Hamburg schaut mit besonderem Interesse auf Litauen«, sagt Staatsrat Heinz Giszas aus der Wirtschaftsbehörde. »Die weitere Verbesserung der Verkehrswege ist jedoch ohne den Ausbau der Informations- und Kommunikationsnetze nicht möglich.« Die litauische Regierung will sich dafür Partner suchen und auch die Vereins- und Westbank wittert in solchen Bereiche gute Geschäfte. »Über Marktanteile wollen wir noch gar nicht sprechen; wir müssen zunächst die Nischen für unsere Geschäfte finden«, sagt Wilfried Seemann, der die Litauer Niederlassung leitet. Lukrativ ist nicht nur der Transportsektor, sondern alle Infrastrukturprojekte wie Straßen, Leitungen aller Art, Energie und Wasser. Eckart Gienke