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Bauskandal: Die Spur der Steine

Der Baustoffhersteller Xella, Tochter des Haniel-Konzerns, hat jahrelang Abfallprodukte aus Kohlekraftwerken in Kalksandsteine gemischt. In vielen Neubauten zersetzen sich die Wände. Ein Horror für die Eigentümer. Anatomie eines Bauskandals.

Von Rolf-Herbert Peters

Im Jahr 1998, zwei Jahre nach dem Einzug in das neue Heim, begann die Doppelhaushälfte der Familie Murr* in Moers zu zerfallen. Tiefe Risse zogen sich durch die Wand des Treppenhauses, so breit, dass eine Messerklinge hineinpasste. Im Badezimmer rissen die Kacheln und fielen zu Boden. Die Mauersteine, die sich dahinter zeigten, wirkten aufgebläht wie nasse Kreide. Die Duisburger Firma Küppersbau, die heute Küppers Living heißt und das Haus errichtet hatte, konnte sich die Vorgänge nicht erklären. Reinhard Murr erinnert sich: "Man hat uns gesagt, da sei wohl Restfeuchtigkeit vom Bauen in den Mauern. Wir sollten besser lüften."

Nicht nur die Murrs suchte der Steinfraß heim. Nachbarn aus dem Buchsbaumweg, Buchenweg, Robinienweg und der Ulmenstraße, aber auch Bewohner in Ratingen und Duisburg entdeckten ähnliche Schäden. Das gleiche Phänomen befiel das Gebäude der Firma Defo in Frankfurt, das Schwimmbad von Kaldenkirchen oder das Evangelische Altenwohnheim in Neukirchen- Vluyn. Kalksandsteine blühten im Mauerwerk aus und drohten unter der eigenen Last zu zerbrechen. Es folgten jahrelange Auseinandersetzungen mit den Baufirmen, die an den Nerven der Eigenheimbesitzer zerrten. "Da sind manche Ehen dran kaputtgegangen", sagt Gisela Murr.

Was den Bauherren lange rätselhaft schien, kommt nun in ganzer Dimension ans Licht: Die Kalksandsteine der Haniel- Baustoffwerke sind der Grund. Die Firma ist Teil des Haniel-Konzerns, dem auch der Kaufhof, Media Markt und der Arzneigroßhändler Celesio gehören. Die Haniel-Baustoffwerke haben nach internen Unterlagen, die dem stern vorliegen, über rund acht Jahre Steine aus billigem Kalk aus Kohlekraftwerken hergestellt und sie ohne weitere Hinweise in den Markt gebracht. Das untergemischte Material gilt als Müll, der normalerweise wiederaufbereitet wird. Die Firma wollte Kosten sparen. Dabei war das Unternehmen von vornherein durch ein Gutachten gewarnt, dass durch die Billigzutaten schwere Folgeschäden auftreten könnten.

Bis heute konnten die Haniel-Baustoffwerke, die inzwischen unter dem Namen Xella firmieren und mit Baustoffen über 1,3 Milliarden Euro pro Jahr umsetzen, mit dem wahren Ausmaß der Schäden hinterm Berg halten. Das Image durfte nicht leiden, schließlich will der Mutterkonzern Haniel die Tochter zu einem guten Preis verkaufen. Angeblich soll Xella in diesen Tagen für knapp zwei Milliarden Euro an die Finanzinvestoren PAI Partners und Goldman Sachs gehen. Haniel-Chef Eckhard Cordes will so einen Teil der Schulden finanzieren, die er für den Zukauf des Handelskonzerns Metro machen muss.

Möglicherweise eine der größten Bauaffären der vergangen Jahrzehnte

Im vergangenen Jahr hat Xella den Einsatz des Kraftwerkskalks bereits vorsichtig eingeräumt: "Nur ein kleinerer Teil der Gesamtproduktion war überhaupt betroffen", hieß es in einer Pressemitteilung. In einer Stellungnahme gegenüber dem stern gibt der Haniel-Konzern zu, dass es aufgrund des eingesetzten Kalks "bei einer dauerhaften Durchnässung, beispielsweise bei unzureichend gegen Nässe isolierten Kellerwänden" zu Schäden kommen könne. Man habe aber "alles Notwendige getan, was rechtlich und faktisch geboten" war, zudem habe "zu keiner Zeit Gefahr für Leib und Leben bestanden".

Firmeninterne Unterlagen legen dagegen den Schluss nahe, dass das, was Haniel in seinen Fabriken produzierte, Baustein für eine der größten Bauaffären der vergangenen Jahrzehnte sein könnte. Das Fundament für den Skandal wurde bereits in den 80er Jahren gelegt. Damals suchte man bei den Haniel-Baustoffwerken nach Wegen, die Kalksandsteinproduktion zu verbilligen. Vor allem sollte der teure Branntkalk eingespart werden, der bei der Herstellung der Steine im Verhältnis von eins zu zwölf mit Sand gemischt wird. Dabei stießen die Haniel-Leute auf das Abfallprodukt: Kalk, der bei der Rauchgasentschwefelung in Steinkohlekraftwerken eingesetzt wird.

Eine verlockende Zutat: Es gab ihn umsonst. Der Kraftwerksbetreiber erstattete sogar die Kosten für den Abtransport mit 17 Mark pro Tonne. Haniel entschied, dass dieser Kalk einen Teil des Branntkalks im Produktionsprozess ersetzen solle.

Sieben Produktwarnungen

Am 1. Oktober 1987 kam es zum Vertrag mit der Industrieberatung und Handels GmbH, Entsorger der Düsseldorfer Kohlekraftwerke Flingern und Lausward. Darin verpflichtete sich Haniel, zehn Jahre lang jährlich bis zu 40.000 Tonnen Kraftwerkskalk abzunehmen. Ein halbes Jahr später folgte ein zweiter Liefervertrag mit der Essener Firma Montan-Entsorgung.

Fortan, so erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter, soll der Kraftwerkskalk in die Kalksandsteinfabriken Issum, Ratingen und Kalscheuren transportiert worden sein. Dort sollen je drei Maschinen insgesamt rund 360.000 Steine am Tag produziert haben, vorwiegend die Formate 2DF und 3DF, 24 Zentimeter breit und 11,3 Zentimeter hoch, wie sie oft beim Bau von Ein- und Mehrfamilienhäusern verwendet werden. Zu den Details der Produktion wollte sich Haniel gegenüber dem stern nicht äußern. Erst am 30. Juni 1995, nach acht Jahren, endeten diese Lieferbeziehungen vorzeitig. Die letzten Problemsteine kamen im Mai 1996 in den Handel.

Sechs Wochen nach Vertragsunterzeichnung, am 11. November 1987, reichten die Verantwortlichen eine Probe des Substituts beim Bundesverband Kalksandsteinindustrie (KS) ein. Zwölf Tage später erhielten sie den Prüfbericht: Er fiel fast durchweg negativ aus. Der zuständige KS-Ingenieur bemängelte vor allem, dass sich Kalziumsulfite und -sulfate darin befänden - was im normalen Kalk nicht der Fall ist -, und listete sieben Produktwarnungen auf. Unter anderem drohten "Minderung der Steinfestigkeiten", "Neigung zum Ausblühen infolge löslicher Salze" und "Treibreaktionen in angrenzenden Zementmörteln oder -putzen" - all das, was Hauseigentümer wie Familie Murr später erlebten. KS riet Haniel, diese Punkte noch einmal besonders zu prüfen. Das geschah offenbar nicht: "Bedenken des Bundesverbandes wurden negiert", hielt die Versicherungsabteilung des Unternehmens am 26. April 2006 in einer Aktennotiz fest. Haniel behauptet heute: "Die damaligen Prüfmethoden führten zu dem Ergebnis, dass ein Einsatz möglich sei."

Salze schädigen Steine

Längst dürfte den Xella-Managern klar sein: Es geht um ein Risiko in Milliardenhöhe. Legt man die Produktionszahlen zugrunde, könnten die minderwertigen Kalksandsteine der Marke KS in 25.000 bis 45.000 Gebäuden verbaut worden sein. Haniel weist solche Schätzungen als "unseriös" zurück.

Niemand kann offenbar genau nachvollziehen, wohin die Ware geliefert wurde und wie viele Einfamilienhäuser "ihrer Entdeckung entgegenschlummern", wie es Xellas Versicherungsmanager Lutz H. 2006 in einer internen Aktennotiz formulierte. In insgesamt 265 Fällen hat Xella bislang reagiert. In vielen Fällen wurde die Sanierung zugesagt oder schon Schadensersatz geleistet, Mauerwerk komplett ausgetauscht, oder es wurden Häuser und Wohnungen aufgekauft. Bedenkt man, dass Xella im Jahr 2006 für 76 geschädigte Objekte rund acht Millionen Euro in der Bilanz zurückgestellt hat, könnten rechnerisch weitere Schadensersatzforderungen in Höhe von 2,5 bis 4,5 Milliarden Euro auf den Konzern zukommen.

Im Unternehmen gibt es spätestens seit vergangenem Jahr keinen Zweifel mehr, wo der Schuldige sitzt. "Nach derzeitiger Erkenntnis", schrieb ein Xella-Hausjurist am 9. März 2007 an den Haniel-Vorstand Klaus Trützschler, "muss davon ausgegangen werden, dass die Schäden aufgrund der sich in den Steinen befindlichen Salze entstehen."

Bevor es zu juristischem Streit kam, kaufte die Firma das Haus auf

Bloß keine schlafenden Hunde wecken: So verfuhr Xella in den vergangenen Jahren mit dem "schweren Erbe" (Aktennotiz) zur "Absicherung des Produkt- und Unternehmensimages und Minimierung des Sanierungsaufwands" (interne Vorlage). Die Furcht, dass bislang ahnungslose Eigentümer, die Schäden noch nicht erkannt oder bereits auf eigene Kosten beseitigt haben, die Wahrheit erfahren und Regressansprüche stellen könnten, muss groß sein. Oder dass Käufer von Xella-Kalksandsteinen Probebohrungen veranlassen und Salze entdecken. Im Fall der Familie Murr handelte Xella schnell: Bevor es zu juristischem Streit kam, kaufte die Firma das Haus auf. Die Murrs wohnen nun in ihrem ehemaligen Eigentum zur Miete - Xella gewährt eine Sondermiete - und wollen möglichst rasch ausziehen.

Allzu aufmüpfigen Geschädigten kaufte das Unternehmen das Schweigen gleich mit ab. Zum Beispiel der Familie Nauer aus Ratingen. Die Firma übernahm einen Teil der Sanierungskosten und zahlte "zur Abgeltung der erlittenen Beeinträchtigungen und notwendigen Mehraufwendungen einen pauschalen Schadensersatzbetrag von 10.000 Euro", wie es in der schriftlichen Vereinbarung heißt. Als Gegenleistung mussten die Nauers sich verpflichten, "die vorliegende Vereinbarung und die Durchführung der Sanierungsarbeiten streng vertraulich zu behandeln".

Vor verunsicherten Hausbesitzern, die sich solidarisierten, spielte Xella den Fall herunter, berichten Betroffene. Lieferanten hätten versagt, habe es geheißen, Lkws seien verschmutzt gewesen, nur wenige Chargen der Produktion betroffen. Verursacher der Schäden seien "Härtungsfehler", "Abplatzer" oder "Rezepturfehler". Bei einem Ortstermin in Moers im April 2006 mit 37 Anwohnern versuchte Xella-Mann H. "unkontrollierte Reaktionen der Anwohnerschaft zu verhindern und gleichzeitig in begrenztem Umfang Aufklärung zu leisten", wie es im internen Protokoll vom 26. April 2006 heißt. H. gab sich freundlich, warnte die Verzweifelten aber nachdrücklich laut Protokoll: "Die Einschaltung von Anwälten oder eigene Laboruntersuchungen im Alleingang wäre dem Gesamtvorhaben eher abträglich als nützlich." Am Ende setzte er Plus- und Minuszeichen hinter Teilnehmernamen im Protokoll: Marker für "kooperative" beziehungsweise "aggressiv fragende" Bewohner.

Nicht bereit für weitere Zahlungen

Selbst den Versicherer HDI, zuständig für die Produkthaftung, ließ Xella lange Zeit im Unklaren. Erst "nachdem sich die Schadensfälle ab Ende der 90er Jahre häuften", schreibt H. in der Aktennotiz, "und die Schadenhöhen weiter stiegen, wurde der Versicherung ‚reiner Wein‘ eingeschenkt". Das heißt: Von diesem Zeitpunkt an muss auch der HDI von den minderwertigen Steinen gewusst haben. Zu Details wollte sich die Versicherung gegenüber dem stern nicht äußern - nur so viel: Man rechne "nicht damit, dass für uns noch weitere entschädigungspflichtige Fälle auftreten werden". Im Klartext. Zu weiteren Zahlungen ist man offenbar nicht bereit.

Für Xella dürfte das Problem noch lange nicht erledigt sein. In einer anwaltlichen Beurteilung der Rechtsanwaltsgesellschaft Aderhold, v. Dalwigk, Knüppel vom Mai 2006, die dem stern vorliegt, fassen die Juristen ihre Erkenntnisse zusammen. Da heißt es unter anderem: "Die Kalksandsteine der Haniel-Baustoffwerke sind fehlerhaft. Das ursprüngliche Inverkehrbringen der Kalksandsteine trotz der Warnhinweise des Bundesverbandes der Kalksandsteinindustrie war mindestens fahrlässig." Außerdem werde noch immer die Warnpflicht verletzt, und es drohe Haftung wegen sittenwidriger vorsätzlicher Schädigung (Paragraf 826 BGB). Mehr noch: "Eine strafrechtliche Verantwortung wegen Sachbeschädigung durch Unterlassen kann zuverlässig ebenso wenig ausgeschlossen werden."

Die Haniel-Baustoffwerke respektive Xella spielten bislang wohl auf Zeit. Darauf weisen interne Papiere hin, in denen gemutmaßt wird, dass gemäß Kaufvertrag nur gegenüber den Haniel-Kunden, also etwa den Baustoffhändlern, eine Gewährleistungspflicht von sechs Monaten bestehe. Die Verantwortung liege bei den Bauunternehmern, die fünf Jahre für die Gewerke und die verwendeten Produkte haften müssten. Die Anwälte von Aderhold, v. Dalwigk, Knüppel machen Xella dennoch wenig Hoffnung auf Entlastung: "Eine etwaige Verjährung der Ansprüche im Einzelfall werden die Haniel-Baustoffwerke nur schwerlich nachweisen können."

Sollte das Unternehmen Xella tatsächlich verkauft werden, müssen die neuen Eigentümer die finanziellen Folgen der Billigproduktion laut Haniel nicht fürchten: "Auch nach einer möglichen Veräußerung von Xella wird sich Haniel weiterhin für den Sachverhalt verantwortlich zeigen."

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