Bayer übernimmt Schering 6000 Jobs in Gefahr


Der Bayer-Konzern will das Pharma-Unternehmen Schering übernehmen - und dann bis zu 6000 Stellen abbauen. Noch ist unklar, welche Unternehmensteile betroffen sein werden. Sicher ist indes, dass Bayer zwei Tochterfirmen verkauft, um den Megadeal zu finanzieren.

Der Übernahmepoker auf dem deutschen Pharma-Markt nimmt eine spektakuläre Wendung: Der Berliner Schering-Konzern und der Chemieriese Bayer in Leverkusen haben sich auf einen Zusammenschluss geeinigt. Mit einer Offerte von 16,3 Milliarden Euro hat der Bayer-Konzern überraschend den Darmstädter Konkurrenten Merck überboten. Gelingt der Bayer-Coup wäre es der größte Zusammenschluss in der deutschen Pharmaindustrie. Verlierer wären allerdings die Arbeitnehmer. Denn Bayer plant nach der Übernahme den Abbau von rund 6.000 Stellen weltweit. Dies entspricht einem Zehntel des Personals in den Pharmasparten beider Unternehmen. Der Pharmakonzern Merck gibt seine Übernahmepläne für den Berliner Konkurrenten Schering nach dem höheren Gebot des Bayer-Konzerns auf.

Merck-Angebot übertrumpft

Bayer legte ein Angebot von 86 Euro in bar pro Schering-Aktie vor und übertrumpfte damit die feindliche Offerte des Darmstädter Rivalen Merck, der 77 Euro je Anteilsschein geboten hatte. Die Zentrale der neuen Aktiengesellschaft mit dem Namen "Bayer Schering Pharma" soll in Berlin angesiedelt sein. Der gemeinsame Umsatz würde mehr als neun Milliarden Euro umfassen. Um die Übernahme zu finanzieren, will Bayer seine beiden Tochterunternehmen H.C.Starck in Goslar und Wolff Walsrode verkaufen.

Der bei einem Zusammenschluss anstehende Wegfall tausender Stellen wurde von Bayer-Chef Werner Wenning bei einer Analsystenkonferenz bestätigt. Diese Größenordnung ergebe sich als Erfahrungswert, so Wenning. Das Synergiepotenzial liege bei etwa zehn Prozent der in diesem Segment beschäftigten Mitarbeiter. Welche Unternehmensteile konkret betroffen sein werden, sagte Wenning allerdings nicht.

Pharmastandort Deutschland gestärkt

Der Zusammenschluss von Bayer und Schering sei die "beste Lösung, um dem Pharmastandort Deutschland wieder mehr Geltung zu verschaffen", warb Bayer-Chef Werner Wenning am Freitag für seine Pläne. Durch den Zusammenschluss entstehe in der Gesundheitssparte ein neues Schwergewicht von internationalem Rang.

Bayer hat bei seinem Angebot die volle Unterstützung des Schering-Vorstandes und tritt damit als "weißer Ritter" auf - gegen das mittlerweile zurückgezogene, feindliche Übernahmeangebot von Merck. Das Darmstädter Familienunternehmen hatte zuvor 14,6 Milliarden Euro für Schering geboten, war aber auf den Widerstand der Konzernspitze gestoßen. Tatsächlich ist die Bayer-Offerte nicht nur finanziell attraktiver für Schering. Sie bietet dem Standort Berlin auch mehr Zukunftsperspektiven. Denn die Leverkusener wollen künftig ihr gesamtes weltweites Pharmageschäft mit einem Umsatzvolumen von mehr als 9 Milliarden Euro über die "Bayer-Schering-Pharma AG" aus der Bundeshauptstadt steuern.

Merck gibt auf

Die Reaktion der Merck KGaA auf den angekündigten Zusammenschluss von Schering und Bayer ließ dann doch bis zum späten Freitag Mittag auf sich warten. Dann teilte das Darmstädter Unternehmen mit, die Geschäftsleitung sei zu der Auffassung gelangt, dass ein höherer Preis aus ihrer Sicht nicht gerechtfertigt sei. Analysten hatten auch gar nicht mehr damit gerechnet, dass Merck sein Angebot erhöht. "Nach unserer Einschätzung wird Merck das Angebot nicht toppen", sagte Analyst Alexander Groschke von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) noch am Vormittag. Durch den Zusammenschluss hatte Schering seinen Unternehmenswert so gesteigert, dass ein nachgebessertes Merck-Angebot und die damit verbundene Verschuldung wohl ein zu hohes Risiko für Merck und die Merck-Familie als Gesellschafter waren.

Schering begrüßte das Bayer-Angebot. Vorstandschef Hubertus Erlen sagte, beide Seiten hätten sich verständigt, den Zusammenschluss so zu vollziehen, "dass er die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt". Die Fusion werde "ein führendes spezialisiertes Pharmaunternehmen schaffen", das international wettbewerbsfähig sei. "Beide Pharmageschäfte ergänzen sich sinnvoll und folgen der gleichen strategischen Ausrichtung." Erlen bezeichnete den Preis von 86 Euro je Aktie als "gutes Angebot". Er erwartet den Abschluss der Transaktion bereits im zweiten Quartal 2006, die Zustimmung der Wettbewerbshüter vorausgesetzt.

Gesundheitssparte als Wachstumsmotor

Bayer sieht in der Übernahme eine Möglichkeit die Gesundheitssparte als Hauptwachstumsmotor des Konzerns auszubauen und die Ertragskraft deutlich zu steigern. Der Konzern stärkt dadurch vor allem seine Position in der Krebsbekämpfung, wo beide Konzerne aktiv sind. Außerdem verfügt der Konzern künftig über eine stärkere Stellung im Biotechnologiebereich und in den Geschäftsfeldern Kardiologie, Hämatologie und Gynäkologie, wo Schering das weltweit führende Verhütungsmittel Yasmin vertreibt. "Die gemeinsame Pipeline der beiden Unternehmen besitzt das Potenzial, um mittel- bis langfristig für nachhaltige Innovationskraft zu sorgen", sagte Wenning.

Bayer erwartet durch den Zusammenschluss Synergien in Höhe von rund 700 Millionen Euro jährlich. Etwa jede Zehnte der weltweit 60.000 Stellen in der Pharmasparte werde in den nächsten Jahren gestrichen werden, sagte Wenning. Auch betriebsbedingte Kündigungen schloss er nicht aus. Zur Finanzierung des Kaufpreises kann Bayer auf Barmitteln in Höhe von rund 3 Milliarden Euro zurückgreifen. Bis zu 4 Milliarden Euro zusätzlich sollen durch Eigenkapitalmaßnahmen und Verkäufe der Tochterunternehmen H.C. Starck und Wolff Walsrode aufgebracht werden. Den verbleibenden Kreditbedarf bezifferte das Unternehmen auf 5 bis 6 Milliarden Euro.

mit DPA, AP AP

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