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Bergbau im Saarland: Vom Bergarbeiter zum Altenpfleger

Seit dem jüngsten Erdbeben droht dem Bergbau im Saarland das Aus und damit rund 4600 Bergarbeiter die Arbeitslosigkeit. Kein Grund zur Panik, meint Finanzwissenschaftler Lars Feld im stern.de-Interview, und glaubt an die Selbstheilungskraft der saarländischen Wirtschaft.

Herr Feld, der Steinkohlebergbau steht vor dem Aus, 4600 Menschen vor der Arbeitslosigkeit. Welche Folgen hat dies für den Wirtschaftsstandort Saarland?

Nein, das Ende des Wirtschaftsstandorts Saar ist es nicht. Denken Sie an Firmen wie IDS Scheer. Das Saarland hat sich schon in der Vergangenheit zunehmend von der Montanindustrie gelöst. In den 60er und 70er-Jahren betrug der Anteil des Kohlebergbaus an der Gesamtbeschäftigung noch etwa zehn Prozent, heute liegt er deutlich unter fünf Prozent. Der Sprung auf null Prozent Bergbau an der Wirtschaftsleistung ist also nicht so bedeutend, wie er zunächst scheint.

Brauchen wir den deutschen Bergbau überhaupt noch?

In gewisser Weise schon. Es ist besorgniserregend, dass die deutsche Energieversorgung zunehmend von Russland abhängig ist. Wir könnten uns natürlich stärker auf Kohleimporte aus anderen Ländern stützen, aber alle Zechen hierzulande zu schließen, finde ich nicht ratsam. Am ehesten sollte man wohl die saarländische Zeche schließen: Die Folgekosten des Bergbaus sind dort für die Bevölkerung zu hoch. In anderen Regionen Deutschlands könnten Zechen in einem geringen Umfang erhalten bleiben.

Ist das Ende des Bergbaus im Saarland auch positiv?

Ja, denn es bedeutet einen Strukturwandel, der immer auch sehr positiv ist. Es werden zwar an einer Stelle Arbeitsplätze vernichtet, aber neue Arbeitsplätze können in zukunftsträchtigen Branchen entstehen. Im Saarland fand der Strukturwandel bisher zwar statt, jedoch zu langsam. In den 80er-Jahren wurde der Bergbau immer noch zu stark subventioniert, erst in jüngerer Zeit erfolgte der Strukturwandel forciert. So befindet sich das Saarland unter den Bundesländern, dessen Wirtschaftskraft mehrere Jahre relativ stark gewachsen ist.

Hat das Saarland den Absprung vom Bergbau verpennt?

Der Strukturwandel war wie gesagt nicht schnell genug. Auf der anderen Seite hat sich das Saarland schon umorientiert. Seit Jahren befindet es sich unter den Bundesländern mit relativ hoher Wirtschaftskraft. Zuletzt lag es auf Höhe des nordrhein-westfälischen Bruttoinlandsprodukts je Einwohner und damit vor Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz. Im Grunde geht es den Saarländern nicht so schlecht, wie es den Anschein hat. Auch die Arbeitslosigkeit ist stärker gesunken als in anderen strukturschwachen Ländern.

Aber ein strukturschwaches Land ist es noch?

Ja, das schon. Aber der Wandel ist da - selbst wenn er noch nicht abgeschlossen ist.

Wie sieht die Zukunft des Saarlands aus - gibt es Ausweichsektoren, für die die nun arbeitslosen Bergarbeiter umgeschult werden oder haben sie die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Auswandern?

Die Zukunft lässt sich immer schwer voraussagen. Aber zum Glück ist die Wirtschaft ja dynamisch und es entstehen neue Industrien, die wir so noch gar nicht erkennen. In den 80er-Jahren zum Beispiel sind einige Stellen für ehemalige Beschäftigte der Montanindustrie im Gesundheitssektor und Pflegebereich entstanden. Und wer weiß, vielleicht gehen ja auch dieses Mal einige Bergarbeiter in die Pflege.

Interview: Lisa Louis