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Berlusconi gewinnt Vertrauensvotum Abschiedswalzer mit dem Cavaliere


Silvio Berlusconi hat die Vertrauensabstimmung gewonnen. Doch ein überzeugender Sieg sieht anders aus. Das Beste für Italien wären Neuwahlen im Frühling.
Ein Kommentar von Tobias Bayer

Es ist die Frage, die jedem Nicht-Italiener schon lange auf der Zunge brennt: Wie kann es sein, dass ein Kultur- und Industrieland wie Italien sich einen Ministerpräsidenten wie Silvio Berlusconi leistet - und ihn wieder und wieder wählt?

Tausende haben sich dieser Frage schon genähert. Der italienische Journalist Beppe Severgnini widmet ihr ein ganzes Buch. In "La Pancia degli Italiani" ("Der Bauch der Italiener") erklärt er das Phänomen Berlusconi allen Ausländern. Kurz und vereinfachend zusammengefasst: Der Self-Made-Milliardär sei auch in der Politik erfolgreich, weil sich viele Italiener in ihm wiedererkennen würden, schreibt Severigni.

Er liebe die Frauen, er liebe den Fußball und schlage sich auf die Seite des einfachen Mannes. Er sei von einer chamäleonhaften Wandelbarkeit und als Menschenfänger all seinen Rivalen weit überlegen.

Eine seiner herausragenden Eigenschaften ist dabei seine Verstellungskunst. In den 50er-Jahren gab Berlusconi auf Kreuzfahrtschiffen den Sänger. In den 70er-Jahren mimte er den Baulöwen. 1980 imitierte er mit Zigarette im Mundwinkel den französischen Beau Alain Delon. 1987 posierte er als Präsident eines erfolgreichen Fußballvereins.

Berlusconi, der Tänzer

Und 1994 trat er auf der Bühne seiner Partei "Forza Italia" als Tänzer auf. "Es reichen eine Kopfbedeckung und ein Fotograf - und Berlusconi wird in Dallas zum Cowboy, in der Autofabrik zum einfachen Arbeiter und zum Eisenbahner auf der Frecciarossa, dem italienischen Schnellzug", schreibt Severgnini: "Und dabei denkt er wahrscheinlich noch, dass er toll anzuschauen ist."

Toll anzuschauen ist 2011 nichts mehr. Italien steckt tief im Schuldenschlamassel, Berlusconis Regierung ist zermürbt und wankt von einer Abstimmungsniederlage zur nächsten. Am Dienstag erlitt sie die bis dato größte Schlappe: Der Haushalt für 2010 wurde nachträglich nicht genehmigt, obwohl das eigentlich eine Formalie ist.

Doch was macht der 75-jährige Ministerpräsident? Während seine Vorgänger Giulio Andreotti und Giovanni Goria nach solchen Ohrfeigen für den Haushalt abtraten, klebt er an seinem Stuhl und lässt es auf eine Vertrauensabstimmung ankommen. Die entschied er am Freitag zwar für sich. Doch aussagekräftig ist das nicht.

Die "Berlusconi-Steuer"

In den kommenden Wochen werden die Gräben in der Regierungskoalition, innerhalb der Berlusconi-Partei Popolo della Libertà und im Kabinett mit Sicherheit wieder aufbrechen. Die Konsequenz werden dann nicht nur sinkende Umfragewerte, sondern - viel gefährlicher - steigende Risikoaufschläge am Kapitalmarkt sein. Zyniker sprechen von der "Berlusconi-Steuer": Der Premier koste den Staat locker 100 Basispunkte, rechnen sie vor. Damit sagen sie: Solange er im Amt ist, muss Italien den Investoren einen heftigen Aufschlag zahlen, damit sie italienische Staatsanleihen kaufen.

Der Sieg am Freitag dürfte einer der letzten für Berlusconi sein. Zwar wurde schon häufig sein Ende prophezeit, und der Houdini unter den europäischen Regierungschefs hat sich schon zuverlässig aus ausweglosen Situationen befreit. Doch die wirtschaftliche Lage ist im Vergleich zu früheren Perioden so dramatisch, dass der Wechsel unvermeidbar ist. Das Beste für Italien? Neuwahlen spätestens im Frühling 2012. Ab dann könnte Berlusconi die Rolle spielen, die für Männer seines Alters angemessen ist: die des Pensionärs.

Tobias Bayer FTD

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