Beschäftigung "Wie wenn tot"


Die Deutsche Telekom hat für Zehntausende Beamte und Angestellte nichts zu tun. Jetzt sucht der Konzern verzweifelt nach Arbeit.

Am Dienstag kommender Woche erhalten gut hundert Mitarbeiter der Deutschen Telekom eine Lehrstunde in Sachen Kapitalismus. Sie sind in die Köln-Arena bestellt. Dort sollen sie von neun Uhr morgens an Broschüren und Programme an die Aktionäre des Konzerns verteilen, die sich in der Domstadt zur Hauptversammlung einfinden. Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke wird über Erfolge beim Schuldenabbau sprechen. Über eine verbesserte Geschäftsentwicklung. Und über die "größte Herausforderung" der kommenden Jahre: das Kappen der Personalkosten. 22.000 der 248.000 Mitarbeiter sollen nach interner Telekom-Planung bis Ende 2006 den Konzern verlassen. Zehntausende Stellen wurden schon gestrichen, die meisten im Inland.

Dem Aushilfstrupp im Foyer der Halle wird die Rede des Chefs wie Hohn vorkommen. Sie gehören zu denen, die gekappt werden sollen. Weil bei der Telekom die "Personalaufwandsquote" nicht stimmt - zu viele schaffen zu wenig. Der Job bei der Hauptversammlung wird eine ihrer letzten Tätigkeiten im Dienste des Konzerns sein.

Schon jetzt sind sie nur noch als Leiharbeiter im Einsatz. Verschickt von einer telekomeigenen Beschäftigungsgesellschaft namens Vivento. Die wurde gegründet, um das Personal aufzufangen, das aus Sicht des Managements in dem Telefonkonzern nicht mehr gebraucht wird. In einem groß angelegten Kehraus hat die Telekom in den vergangenen anderthalb Jahren schon mehr als 25.000 Menschen als verzichtbar eingestuft und sie in die Vivento (und deren Vorläufer) zwangsversetzt. Betriebsbedingte Kündigungen soll es bis 2008 nicht geben, und die Beamten aus Bundespost-Zeiten sind vor Rausschmiss sowieso geschützt.

Die Versetzungsmaschinerie, so versprach der Konzern, werde die Betroffenen nicht ins berufliche Abseits drängen. Vivento solle den Menschen eine neue gleichwertige Festanstellung vermitteln. Fortbildungen würden den Umstieg auf modernere Jobs erleichtern. So weit die Theorie.

Die Praxis sieht anders aus. Trauriger. Weniger als 2.000 der insgesamt 25.000 Versetzten konnten bislang in einen neuen dauerhaften Job außerhalb der Telekom vermittelt werden. Knapp 4.000 fanden innerhalb des Konzerns neue Arbeit. Die überwiegende Mehrheit der Vivento-Mitarbeiter aber hangelt sich durch Weiterbildungen oder durch Leih- und Zeitarbeit, wenn irgendwo mal Not am Mann ist. 9.000 Menschen bei Vivento haben derzeit gar nichts zu tun. Walter K. ist so ein Fall. Er ist seit mehr als 20 Jahren bei dem Unternehmen, gehobener Dienst, zuletzt arbeitete er im Projektmanagement für Großkunden in Marburg. Im Oktober 2003 wurde seine Abteilung aufgelöst. Walter K. musste wie alle anderen den Schreibtisch räumen, seinen Laptop abgeben, Handy und Schlüssel. Es gab noch ein kleines Abschiedsfrühstück im Kreis der Ex-Kollegen. "Das war ganz nett." Und dann war Schluss.

Doch der 50-Jährige war zunächst gar nicht so traurig darüber. "Ich bin gern zu Vivento gegangen. Ich dachte, das ist noch einmal eine Chance auf etwas Neues bei der Telekom", sagt er. Knapp zwei Monate nach der Versetzung fuhr er entsprechend neugierig zum "Orientierungs-Workshop" seiner Vivento-Niederlassung. Professionelle Trainer geben hier Tipps, wie man sich richtig bewirbt und was in einem Lebenslauf stehen muss. Bei Walter K. trat eine junge Dame der Zeitarbeitsfirma Adecco auf. Sie war die Erste, die nicht von Chancen schwärmte, sondern den Anwesenden die Augen öffnete: "Meine Damen und Herren, Vivento ist für Sie die Drehtür nach draußen."

Seitdem sitzt Walter K. zu Hause. Er sei heute "im Prinzip so etwas wie Hausmann". Und: "Ich vermisse die Arbeit, den klar strukturierten Tagesablauf." Einmal alle paar Monate ruft der Beamte, Grundgehalt 3.000 Euro netto, unter den knapp 200 Jobvermittlern denjenigen an, der ihm zugeteilt wurde. Doch der hat nichts für ihn zu tun. Sonst treten die beiden nur in Kontakt, wenn Walter K. sich krank meldet. Oder Jahresurlaub beantragt - vom Nichtstun.

"Wir machen Arbeitslosigkeit sichtbar", sagt Konzernchef Ricke, wenn er auf Vivento angesprochen wird. Das Abstellgleis Vivento kommt die Telekom teuer zu stehen - mit 130 Millionen Euro Minus allein in den ersten beiden Monaten des Jahres. Und unter der Belegschaft macht sich Frustration breit. Dort kursiert längst ein hässlicher Name für Vivento: "Wie wenn tot."

Zumal sich die Betroffenen vielfach zu den Leistungsträgern des Unternehmens rechnen durften. Denn das Verfahren, in dem die "Transfermitarbeiter", wie es beschönigend heißt, "identifiziert" werden, erzeugt einen kuriosen Nebeneffekt: In der mit dem Betriebsrat abgestimmten Auslese wiegen soziale Verhältnisse und Familienstand der Betroffenen de facto oft mehr als Leistungsnachweise. Mit der Folge, dass von personalschwachen Telekom-Betrieben gerade die Engagierten ihren Arbeitsplatz räumen mussten. So traf es auch Udo K., Beamter im mittleren Dienst, 48 Jahre und bis zur Versetzung in die Untätigkeit als Planer in Düsseldorf dafür zuständig, wo die Telekom ihre Telefonkabel vergräbt. Von fünf Mann aus seinem Team mussten zwei im Frühjahr 2003 gehen, Udo K., in Leistungsgruppe 1 einsortiert, war dabei. "Andere, die schlechter bewertet wurden, durften bleiben", sagt er. Wie in einem Koordinatensystem kann er die Alterskategorien und Auswahlkriterien auf ein Stück Papier zeichnen, die zu seiner Aussortierung führten.

In der Bonner Konzernzentrale, zweiter Stock, sitzt Vivento-Chef Dietmar Welslau. Er führt ein Unternehmen, das eigentlich gar nichts unternehmen will. Der 41-jährige Jurist lächelt bei jeder Frage, gibt sich verständnisvoll, was die Nöte seiner Untergebenen angeht. Das könnte täuschen. Hinter sich hat er ein Foto vom Personalvorstand an die Wand gepint - sein Vorgesetzter, der Erfinder der hauseigenen Beschäftigungsagentur. Man merkt es gleich: Welslau will noch was werden bei der Telekom. Doch dafür muss er erst das Heer von Mini-Jobbern mit Maxi-Löhnen wegvermitteln. Welslau würde sie wohl rauswerfen, wenn er nur könnte.

Geht aber nicht, und so wird Vivento langsam zum Problem. Nicht nur finanziell, auch juristisch wird es eng für den Telefonriesen. Das Verwaltungsgericht Frankfurt befand vor kurzem, die Versetzung einer Staatsdienerin in "einen Zustand ohne Amt" sei mit dem Beamtenrecht nicht vereinbar. Ein Arbeitsrichter in Düsseldorf sieht durch andauernde Beschäftigungs- und Perspektivlosigkeit bei Vivento gar die Menschenwürde berührt. Mehrere hundert Verfahren dieser Art sind noch in der Schwebe.

Mit ein paar Workshops ist es also nicht mehr getan. Das weiß Welslau. Er hat nun Plan B ausgegeben: Wenn sich partout keine Jobs finden lassen, muss Vivento die Beschäftigung eben selbst schaffen. Seit einigen Monaten gründet die Telekom deshalb Unternehmen aus, etwa Teile des Call-Center-Bereichs, und bläht sie mächtig auf. Von Einzelvermittlung redet niemand mehr. Nun geht es jedes Mal gleich um Hunderte Jobs. "Wir dürfen uns keinen weiteren Flop leisten", weiß ein Telekom-Manager. Vorzeigeobjekt unter den bislang 15 Call-Centern ist ein Betrieb am Rande des Städtchens Norden in Ostfriesland. Dort führt Wilfried Schierz stolz durch die Räume einer ehemaligen Funkstation. 166 Menschen arbeiten an den Hotlines - alle auf Vivento-Ticket. 250 Angestellte sollen es mal werden. Schierz, der eine rote Krawatte mit Comic-Telefon-Muster trägt, ist selbst Beamter ohne Perspektive im Mutterkonzern. Nun leitet er als Vize den Betrieb. "Mir ist bewusst, dass viele eigentlich lieber etwas anderes machen würden", sagt er. Doch nach einiger Zeit hätten sich die meisten daran gewöhnt. Falls sich ein Interessent findet, will die Telekom ihre neuen Call-Center in ein paar Jahren verkaufen.

Ermuntert durch Norden, weitet Vivento-Chef Welslau das Konzept auf andere Branchen aus. So soll das "Projekt Vermont" Montagearbeiten, die früher an Fremdfirmen vergeben wurden, wieder ins Telekom-Reich zurückholen. Von heute 3.086 Fremdmonteuren, rechnet Vivento in einem internen Papier vor, ließen sich zumindest 2.500 durch eigene Beschäftigte ersetzen. Doch das sind Hoffnungswerte, genau wie Überlegungen für einen Telefonapparateservice oder ein Wartungsunternehmen für Kodak-Bildautomaten. Selbst bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg sieht Welslau Beschäftigungspotenzial für 1.200 eigene Leute: an den Telefon-Hotlines der 181 Arbeitsämter.

Dass mit solchen Aktionen unterm Strich in Deutschland eher Jobs ersetzt als geschaffen werden, ist die Kehrseite von Welslaus Beschäftigungs-Initiative. "Wir investieren auch in neue Geschäftsfelder", rechtfertigt der Vivento-Chef das Konzept. Doch vor allem Call-Center-Betreiber befürchten schon, die mächtige neue Konkurrenz könnte mit Dumpingpreisen den Markt kaputtmachen. Zuletzt stand bei einer Vivento-Versammlung ein Mann auf und mahnte die drohenden Jobverluste bei anderen Firmen an. Die Antwort kam prompt: Für Sozialromantik sei bei der Telekom kein Platz.

Die kleine Kommunikationsgewerkschaft DPV hat sich deshalb vom sanften Kurs der größeren Verdi gelöst. Sie attackiert das Unternehmen wegen seiner Versetzungspolitik scharf. "In Wahrheit mangelt es weder an Geld noch an Arbeit", sagt DPV-Sprecher Frank Weigand. Und er erzählt von Fällen, in denen Vivento-Mitarbeiter an ihren früheren Platz zurückverwiesen würden - als Urlaubs- und Krankheitsvertretung. Udo K., der Beamte aus Düsseldorf, hat wieder Bekanntschaft mit seinem Ex-Job gemacht. Drei Monate lang gab er die Arbeitsergebnisse seines ehemaligen Planungsstabes ins Computersystem ein. "Arbeit", sagt der 48-Jährige, "Arbeit gab es bei uns schon immer ohne Ende."

Johannes Röhrig print

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