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Biolebensmittel: Gutes Essen, gutes Gewissen

In Nürnberg hat die "Biofach" eröffnet, eine Messe für ökologische Lebensmittel. Aber: Wieviel Bio ist im Bio? Ist der höhere Preis tatsächlich gerechtfertigt? Was bedeuten die Siegel? Der stern beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Bio-Lebensmittel.

Von Maren Wernecke

Bio-Lebensmittel boomen - derzeit haben sie einen Anteil von drei Prozent im Einzelhandel, 2010 werden es nach Expertenschätzung vermutlich bereits sechs Prozent sei. Mancherorts ist die Nachfrage schon so hoch, dass die Produzenten schon Lieferengpässe melden.

Trotz der Kauflust der Deutschen gibt es rund um Bio-Lebensmittel viele offene Fragen. Der stern gibt Antworten.

Sind Biolebensmittel gesünder als konventionell erzeugte?

Tendenziell ja. Eine Einschränkung: Die Bildung von verschiedenen Pflanzenstoffen, die als gesundheitsfördernd gelten, hängt auch von der Sonneneinstrahlung ab. Eine konventionell erzeugte Tomate aus dem Süden kann daher mehr wertvolle Inhaltsstoffe enthalten als eine Biotomate aus dem kühlen Norden. Dafür steckt in Biogemüse oft weniger Wasser; der Kunde bekommt also für sein Geld anteilmäßig mehr Ballaststoffe und weitere gesunde Bestandteile. Biomilch hat nach neuen Studien einen höheren Anteil wichtiger Omega-3-Fettsäuren. Dank der Fütterung: Auf Ökohöfen fressen Kühe ganzjährig mehr Gras und Heu, bei herkömmlicher Haltung liegt im Winter oft Kraftfutter im Trog.

Ist Ökoware geringer belastet?

Bei Obst und Gemüse lautet der Stand der Forschung: Wer Pestizide meiden will, sollte zu Bioprodukten greifen. Ökolandwirte spritzen keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel, entsprechend wurden in Bioware bisher auch selten Rückstände gefunden. Wenn überhaupt, dann meist nur Spuren, bedingt durch Altlasten im Boden oder mangelhafte Trennung von Bio- und herkömmlicher Ware bei Transport, Lagerung oder Verarbeitung. Spinat, Rucola oder Kopfsalat aus Bioanbau enthalten zudem weniger Nitrat (Salz der Salpetersäure) als konventionell erzeugtes Gemüse. Nitrat kann über Nitrit (Stoffwechselprodukt von in unserem Körper siedelnden Bakterien) in Nitrosamine (krebserregende organische Stickstoffverbindungen) umgewandelt werden. Umweltgifte wie DDT oder Hexachlorbenzol (beides Insektizide) findet man vor allem in tierischen Lebensmitteln. Milchprodukte und Eier sind dabei ähnlich hoch belastet, egal ob vom Biohof oder nicht. Allerdings überschreiten die Werte so gut wie nie gesetzliche Höchstmengen. Antibiotika-Rückstände werden in Biofleisch und -milch kaum nachgewiesen, da Biotiere weniger Medikamente erhalten. Falls sie doch verabreicht wurden, dauert es länger, bis Milch oder Fleisch des Tieres verkauft werden dürfen. So wird das Risiko vermindert, dass Rückstände im Produkt verbleiben.

Dürfen genveränderte Organismen oder Inhaltsstoffe eingesetzt werden?

Weder Saatgut noch Tierfutter dürfen gentechnisch verändert sein. Es dürfen auch keine genveränderten Mikroorganismen oder Enzyme verwendet werden - etwa um Käse herzustellen. Die Lebensmittelüberwachung in Deutschland toleriert allerdings für Ökoprodukte Verunreinigungen durch gentechnische Veränderung von bis zu 0,1 Prozent (pro Zutat).

Sind Biolebensmittel frischer?

Das kommt vor allem auf die Transportwege an: Direkt vom Bauern gekaufte Saisonware ist in Sachen Frische kaum zu überbieten - egal ob Öko oder nicht. Der Vorteil von Bioware: Da sie oft weniger Wasser enthält, welkt und schrumpelt sie nach der Ernte nicht so schnell. Insgesamt bieten Händler von Ökolebensmitteln eher regionale Produkte an. Aber es gibt auch Bioware aus Neuseeland, die einen langen Weg hinter sich hat. Wer garantiert frisches und hochwertiges Gemüse kaufen will, ist mit Biotiefkühlware gut bedient. Denn natürlich wäre der Ökovorteil schnell dahin, wenn Städter in langen Autokarawanen hinaus aufs Land führen, um direkt ab Hof zu kaufen.

Wie sieht die Umweltbilanz des Biolandbaus aus?

Positiv: Es gelangen keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel in Boden, Gewässer und benachbarte Biotope. Zudem wird das Grundwasser weniger mit Nitrat belastet. Auf den Äckern findet man eine höhere Artenvielfalt, im Boden mehr Kleinlebewesen, was sich positiv auf die Eigenschaften des Bodens auswirkt. Durch abwechslungsreichere Fruchtfolgen und zusätzliches Wurzelwerk von Unkräutern ist auf Bioäckern auch die Gefahr geringer, dass Regen den Boden wegspült. Möglicherweise würde die Ökobilanz sich verschlechtern, wenn der Biolandbau zu schnell zu sehr wüchse. So verbrauchen Ökolandwirte mehr Land und mehr Ressourcen als ihre konventionell arbeitenden Kollegen - einfach, weil ihre Erträge pro Hektar geringer sind. In der Milch- und Fleischproduktion bedeutet das: Für 1000 Liter Milch oder eine Tonne Fleisch sind mehr Tiere nötig. Die scheiden entsprechend mehr von dem hoch wirksamen Treibhausgas Methan aus. Dafür verbrauchen Biohöfe insgesamt weniger Energie als konventionelle.

Wie werden die Tiere gehalten?

Biolandwirte setzen auf artgerechte Tierhaltung. Ihre Tiere bekommen Auslauf im Freien, haben in ihren Ställen mehr Platz und außerdem Kontakt untereinander. Gefüttert wird artgemäß: Pflanzenfresser wie Kühe erhalten mindestens 60 Prozent Raufutter wie Heu oder Gras. Biobauern mischen dem Futter keine chemisch-synthetischen Zusätze, Wachstums- und Leistungsförderer oder Hormone bei.

Was ist Biofisch?

Ein als Bio gekennzeichneter Fisch stammt immer aus einer Aquakultur und wird artgerecht gehalten: Die Tiere leben in möglichst großen, naturnahen Teichen oder geräumigen Netzgehegen. Sie bekommen weder Hormone noch Wachstumsförderer, werden vor allem mit Biofutter ernährt oder suchen sich ihre Nahrung selbst im Teich, so etwa Karpfen im Sommer. Regeln für Bioaquakultur wird es in der EG-Öko-Verordnung allerdings erst ab 2009 geben. Wer bei Wildfischen auf den Umweltschutz achten will, sollte Produkte aus nachhaltiger Fischerei kaufen, zum Beispiel mit dem MSC-Siegel (Marine Stewardship Council).

Sind die Arbeitsbedingungen im Bio-landbau gesünder?

Hierzulande kommen konventionell arbeitende Landwirte bei sachgerechter Anwendung kaum mit Pestiziden in Kontakt. Anders sieht es in Entwicklungsländern aus, in denen zum Beispiel Bananen oder Ananas kultiviert werden. Beim Anbau in Monokulturen sind diese Pflanzen extrem anfällig für Krankheiten und Schädlinge, entsprechend werden sie geschützt. Doch oft gibt es keine Vorschriften zum Pestizideinsatz - oder sie werden nicht eingehalten. So sind etwa 14 Prozent aller Arbeitsunfälle und zehn Prozent der Todesfälle bei Landarbeitern auf Pestizidvergiftungen zurückzuführen. Da im Ökolandbau - auch in Übersee - keine Pestizide eingesetzt werden, ist dort niemand diesen Stoffen ausgesetzt. Dafür fällt oft mehr harte körperliche Arbeit an, etwa wenn Unkraut mit der Hand gejätet werden muss.

Ist der höhere Preis von Bioprodukten gerechtfertigt?

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum Biolebensmittel mehr kosten als herkömmlich produzierte: Ihre Produktion ist arbeitsintensiver, etwa durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Biobauern jäten mehr mit der Hand oder der Hacke oder flämmen das Unkraut ab. Auch Tiere mit Auslauf und ein Stall mit Mist statt Spaltenböden machen mehr Mühe. Biolandwirte erzielen im Schnitt rund 20 Prozent weniger Ertrag pro Tier oder pro Hektar Fläche. Biotiere werden langsamer und daher auch länger gemästet und erzeugen weniger Fleisch, Milch oder Eier. Gleichzeitig müssen die Bauern Futter, Saatgut und Zuchttiere in Bioqualität kaufen, wiederum zu höheren Preisen. Auch natürliche Pflanzenschutzmittel oder organischer Dünger sind teurer als konventionelle Mittel. Bioprodukte werden oft in kleineren Mengen verarbeitet, müssen strikt von konventionellen Lebensmitteln getrennt und besonders gekennzeichnet werden. Bauern und Verarbeiter müssen sich zudem den gesetzlich vorgeschriebenen Biokontrollen unterziehen und dafür Gebühren zahlen.

Ist Bioware aus dem Supermarkt schlechter als die aus dem Bioladen?

Es kommt vor allem auf das Management des Ladens an. Wichtig ist, dass die Ware möglichst frisch verkauft wird. Das ist am ehesten bei regionalen Erzeugnissen der Fall. Bio-lebensmittel für Discounter sind meist nach Regeln der EG-Öko-Verordnung (siehe unten) erzeugt. In Bioläden findet man eher Ware von Anbauverbänden wie Demeter oder Bioland, die etwas strengere Kriterien anlegen.

Kontrollierter Anbau, biologischer Anbau, kontrolliert biologischer Anbau: Was steckt hinter diesen verwirrenden Begriffen?

Steht auf einer Verpackung "kontrollierter Anbau", hat das mit Bio nichts zu tun. Auch Bezeichnungen wie "alternativ", "integriert", "natürliche Herstellung" oder "kontrollierter Vertragsanbau" sind irreführend. Und selbst der Hinweis "ungespritzt" macht aus einem Apfel noch kein Bioprodukt. Gesetzlich geschützt sind nur die Begriffe "biologisch" oder "bio" sowie "ökologisch" oder "öko". Sie dürfen nicht beliebig verwendet werden, sondern unterliegen den Standards der EG-Öko-Verordnung. "Kontrolliert biologisch" ist dabei genauso gut wie "biologisch".

Wie verbindlich sind Biosiegel?

Seit 2001 gibt es in Deutschland das sechseckige schwarz-grüne Biosiegel. Es garantiert, dass ein Produkt nach der EG-Öko-Verordnung produziert wurde und mindestens 95 Prozent Bioanteile enthält. Die Verordnung fordert den Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide sowie mineralische Dünger. Die Feldfrüchte müssen zum Schutz des Bodens abwechselnd angebaut, Tiere artgerecht gehalten werden. Staatlich zugelassene Kontrollstellen überprüfen die Betriebe und ihre Biowaren. Auch der blau-grüne Biostern mit Schriftzug "Ökologischer Landbau" garantiert die Standards der EG-Öko-Verordnung. Außerdem müssen dabei alle Zutaten aus der EU stammen. Deutsche Lebensmittelhändler haben darüber hinaus eigene Marken für Biolebensmittel, wie zum Beispiel "Alnatura", "BioBio", "Naturkind", "Füllhorn" oder "Naturkost Grünes Land". Meist strengere Regeln gelten für die Zeichen der sieben ökologischen Anbauverbände (Biokreis, Bioland, Biopark, Demeter, Ecovin, Gäa oder Naturland). Auf Demeter-Höfen zum Beispiel erhalten die Tiere 100 Prozent Biofutter, und es ist verboten, Rindern die Hörner oder Schweinen die Ohren und Schwänze zu stutzen.

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