Börsencrash "Uns steht noch einiges ins Haus"


Der jüngste Kurssturz an den internationalen Börsen war erwartbar und ist noch lange nicht vorbei, ist der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz überzeugt. Im stern.de-Interview geht er davon aus, dass die deutsche Konjunktur die Krise ohne große Blessuren überstehen wird - wenn die Große Koalition nicht dazwischenfunkt.

Herr Franz, wie schwierig ist die Situation an den internationalen Finanzmärkten?

Wir werden noch Überraschungen erleben, gerade was die Immobilienkrise in den USA betrifft. In den kommenden Wochen wird es noch einige Zinsanpassungen bei Krediten mit geringer Bonität, um die es in der Krise ja hauptsächlich geht, geben.

Aufgrund ihrer geringen Bonität können viele Amerikaner ihre Hypotheken nicht mehr abbezahlen. Ein Verkauf der Häuser ist aber aufgrund der rasant fallenden Preise auch nicht möglich. Die Ausfallwahrscheinlichkeit solcher Kredite wird weiter zunehmen. Deshalb sind auch in Zukunft Turbulenzen auf den internationalen Kreditmärkten zu erwarten.

Zudem besteht die Gefahr, dass die USA in eine beachtliche Konjunkturschwäche hineingeraten. Das wird natürlich nicht ohne Auswirkungen auf deutsche Unternehmen bleiben, die vor allem in den USA aktiv sind. Aber ich warne hier vor Übertreibungen.

Was wir jetzt an den Aktienmärkten sehen, ist in der Schärfe vielleicht übertrieben, aber letztlich doch erst der Anfang einer längeren Schwächeperiode?

Wir haben auf jeden Fall bislang noch nicht alles gesehen. Ich habe mich schon seit Längerem gewundert, weshalb die Aktienmärkte nicht schon früher auf die Hypothekenkrise in den USA reagiert haben. Ich bin schon seit mehreren Wochen davon ausgegangen, dass es zu einer Kurskorrektur kommt. Der Zeitpunkt ist überraschend, der Tatbestand als solcher aber nicht. Uns steht noch einiges ins Haus, was den Aktienmarkt betrifft.

Wir haben auch in Deutschland einige Banken, die sich massiv mit amerikanischen Hypothekenkrediten verspekuliert haben. Könnte dies auch auf die Realwirtschaft durchschlagen? Banken könnten sich veranlasst sehen, weniger Kredite zu vergeben.

In der Tat könnte die Kreditvergabe bei den Banken zögerlicher gehandhabt werden, aber die Unternehmen in Deutschland haben im vergangenen Jahr beachtliche Gewinne erwirtschaftet. Sie verfügen über eine breite Eigenkapitalbasis. Insgesamt gesehen, sind sie deshalb nicht so stark auf Kredite angewiesen wie vielleicht in anderen Ländern. Das schließt natürlich nicht aus, dass das eine oder andere Unternehmen von einer restriktiveren Kreditvergabe betroffen sein kann.

Den Verbrauchern könnte angesichts der Geldvernichtung an den Aktienmärkten die Lust auf den Konsum vergehen.

Beim Konsum sieht die Situation noch etwas besser aus als bei den Investitionen. Hier erwarte ich keine oder nur sehr geringe Auswirkungen. Denn dann hätte es aufgrund des massiven Anstiegs am Aktienmarkt 2007 schon zu einer deutlichen Ausweitung des Konsums kommen müssen. Das ist aber nicht eingetreten. Im Gegenteil: Der private Konsum ist real leicht zurückgegangen. Deshalb erwarte ich auch keinen Einbruch aufgrund der derzeitigen Korrektur an den Aktienmärkten.

Die Abhängigkeit zwischen der Vermögensentwicklung und des Konsums ist sehr gering. Wenn das gesamte deutsche Vermögen um ein Prozent steigt, legt der Konsum nur um 0,05 Prozent zu. Das ist vernachlässigbar klein.

In den USA wurde kürzlich eine Studie vorgestellt, die das Land vor einer scharfen und tiefen Rezession sehen. Gleichzeitig herrscht auch in Japan die Angst vor einer Schwächeperiode. Wenn zwei der wichtigsten Volkswirtschaften eine Grippe bekommen, bleibt das dann ohne Auswirkungen auf Deutschland bleiben?

Es bleibt abzuwarten, ob die USA wirklich in eine schwere Rezession abgleiten. Ganz eindeutig ist das noch nicht. Außerdem gilt: Nur rund neun Prozent unserer Exporte gehen in die Vereinigten Staaten, noch weniger nach Japan. Der überwältigende Teil geht in den Euroraum. Die Abhängigkeiten sind deshalb geringer, als manch einer glaubt. Ich rechne nach wie vor damit, dass unser Wirtschaftswachstum in diesem Jahr knapp zwei Prozent erreichen wird.

Wir brauchen kein Konjunkturprogramm, und die Politik kann sich auf den Erfolgen der vergangenen Jahre ausruhen?

Die Politik muss das machen, was ihnen der Sachverständigenrat empfiehlt: Sie darf das Erreichte nicht verspielen. Die Große Koalition ist jedoch gerade dabei, genau dies zu tun. Beispielhaft seien hier die Verlängerung des Arbeitslosengeldes und der Mindestlohn genannt. Das sind alles Dinge, von denen wir dringend abraten.

Die Gewerkschaften wollen sich in diesem Jahr einen Teil des Aufschwungs sichern und gehen mit hohen Lohnforderungen in die Tarifrunde. Angesichts des dritten Aufschwungjahres nur verständlich, oder?

Es muss bedacht werden, dass wir einen Teil der Erholung auf dem Arbeitsmarkt der zurückhaltenden Lohnpolitik der vergangenen Jahre zu verdanken haben. Wir werden aber auch 2008 noch im Jahresdurchschnitt 3,5 Millionen Arbeitslose haben. Deshalb sollten die Gewerkschaften weiter Zurückhaltung üben, damit neue Arbeitsplätze entstehen. Der Verteilungsspielraum darf nicht komplett ausgeschöpft werden.

Wie hoch ist der?

Der Verteilungsspielraum ist für jede Branche unterschiedlich - gesamtwirtschaftlich liegt er bei rund 2,5 Prozent. Die Lohnabschlüsse insgesamt müssen in diesem Jahr darunter bleiben.

Was kann und muss die Europäische Zentralbank tun, damit die Krise an den Finanzmärkten beherrschbar bleibt?

Die EZB hat bislang einen sehr vernünftigen Kurs gefahren. Die Finanzmarktkrise würde dafür sprechen, die Zinsen zu senken, die steigenden Preise legen dagegen eher eine Erhöhung der Zinsen nahe. Die Zentralbank hat die Zinsen deshalb konstant gehalten, aber gleichzeitig betont: Zweitrundeneffekte werden nicht hingenommen. Sie warnt die Tarifvertragsparteien und übt sich gleichzeitig an der Zinsfront in Zurückhaltung. Eine gute und ausgewogene Strategie. Das würde ich fortführen.

Sie sagen, auch 2008 wird trotz der Probleme in den USA und Japan ein gutes Jahr. Wie lange kann sich Deutschland noch an einer so guten wirtschaftlichen Lage erfreuen?

Bis 2009 kann noch viel passieren. Die Wirtschaftspolitik kann noch viele Fehler machen und an den internationalen Devisen- und Rohstoffmärkten kann noch so einiges passieren. Die Entwicklung in den USA und Japan ist nicht in Gänze prognostizierbar. Aber: Unter den gegebenen Umständen wird auch 2009 ein gutes Jahr. Ein Wachstum von knapp zwei Prozent ist möglich.

Interview: Marcus Gatzke

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