Börsencrash Verkaufen, verkaufen, verkaufen


Ein "mulmiges Gefühl" hatte Aktienhändler Martin Jahn schon beim Frühstück - letztlich wurde es einer der stressigsten Arbeitstage seiner bisherigen Karriere. stern.de traf den Händler auf seinem raumschiffartigen Kommandostand.
Von Mathias Schlosser

Sechs Monitore muss er an seinem Arbeitsplatz im achten Stock eines Bürogebäudes im Frankfurter Stadtteil Bockenheim im Blick haben. Zusammen mit einem anderen Aktienhändler sitzt er an einem halbkreisförmigen Terminal, das ein wenig an den Kommandostand von Captain Kirk erinnert. Martin Jahn, der für die Investmentbank Equinet tätig ist, genügt ein flüchtiger Blick und er weiß, wie es um die 190 Werte steht, die er auf dem elektronischen Marktplatz "Xetra" der Deutschen Börse handelt. Doch selbst der Laie erkennt an den Charts schon von weitem: Im Zick-Zack geht es steil bergab.

Die Zacken sind das Salz in der Suppe der Börsianer, das sie Volatilität nennen. Denn auch an Tagen, an denen die Kurse scheinbar nur eine Richtung kennen, wird nicht nur verkauft. Ist der Kurs einer Aktie erst einmal tief genug gefallen, geht es bisweilen zu wie am Wühltisch im Winterschlussverkauf. Durch die Verkäufe haben die Händler Geld übrig, dass sie gleich wieder in die scheinbaren "Schnäppchen" investieren. "Man kann auch Marktbewegungen nach unten nutzen", sagt Martin Jahn mit professionellem Lächeln. Überhaupt wirkt der 37-Jährige erstaunlich gelassen angesichts der schlechten Nachrichten, die seit Tagen die Börsen beherrschen.

Mulmiges Bauchgefühl zum Wochenanfang

Dass am Montag, dem Tag an dem der Deutsche Aktienindex mehr als sieben Prozent verlor, etwas passieren würde, ahnte er schon beim Frühstück. Wie immer flimmerte zum Morgenkaffee Bloomberg TV über den heimischen Bildschirm. Kursverluste in Asien und schlechte Nachrichten von der Landesbank Baden-Württemberg ließen bei Martin Jahn ein "mulmiges Gefühl" aufkommen. Wann genau die Kurse am Montag dann ins Rutschen gerieten, daran kann er sich nicht mehr erinnern.

Es folgte jedoch einer der stressigsten Arbeitstage seiner 12-jährigen Börsenkarriere. 2000 bis 3000 einzelne Geschäfte tätigte er bis zum Börsenschluss - etwa alle 20 Sekunden eines. Verkäufe von einigen wenigen Aktien waren genauso darunter, wie die Veräußerung ganzer Pakete. Entschieden hat er stets innerhalb weniger Augenblicke - mit den Fakten von den Bildschirmen im Kopf, aber letztlich doch aus dem Bauch heraus.

Ist ein Geschäft gemacht, ist es auch abgehakt

Die Welt eines Aktienhändlers besteht an solchen Tagen nur aus Maus und Monitoren - keine E-Mails, keine Telefonate, keine Mittagspause; nur ab und an eine Zigarette und ein kurzes Gespräch mit den Kollegen, wie sie der Krise begegnen. Dass er gerade den Gegenwert eines Sportwagens oder eines Einfamilienhauses verschiebt, darüber kann sich Martin Jahn in solchen Momenten keine Gedanken machen. Um erfolgreich handeln zu können, reduziert er die Vermögenswerte samt ihrer Geschichten auf vier-, fünf- und sechsstellige Zahlen. Und meistens trifft er die richtige Entscheidung, sonst hätte er nicht zwölf Jahre in diesem Beruf überlebt. Welche Geschäfte gut und welche schlecht waren, weiß er am Ende des Tages allerdings nicht. An der Börse gilt: Ist ein Geschäft gemacht, ist es auch abgehakt. Man kann ja doch nichts mehr ändern.

Gebremst wird aus voller Geschwindigkeit. Schlag 20 Uhr ist Schluss, ganz gleich, was passiert ist. Martin Jahn zieht dann den Mantel über den schicken Nadelstreifen-Anzug und läuft zur S-Bahn. "Ich kann schon auf dem Heimweg gut entspannen. Zu Hause erzählt man dann natürlich auch noch, was los war. Aber es gibt auch für mich noch etwas anderes als die Kurse." So richtig abschalten können die meisten Börsenhändler aber nur im Urlaub. Denn so lange ein Internet-Computer oder ein Fernseher in der Nähe ist, zieht es sie unwillkürlich an den immerwährenden Strom der Informationen, der Tag und Nacht um die Welt fließt. Das ist auch bei Martin Jahn nicht anders, der nicht ins Bett geht, ohne noch einmal bei Bloomberg nach den amerikanischen Märkten gesehen zu haben. Stets top-informiert zu sein, ist für ihn Ehrensache.

An den vergangenen Montag wird sich der Frankfurter Händler noch lange erinnern. Seit den Turbulenzen am Neuen Markt und dem 11. September 2001 hatte es so einen Tag nicht mehr gegeben. "Das war schon hart an der Grenze", sagt Martin Jahn. "Aber es hat auch Spaß gemacht." Dann muss er dringend wieder an den Computer. "Es fängt schon wieder an zu rutschen."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker