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Bombardier-Werk Görlitz: Wo Mehdorn auf Merkel macht

In Görlitz zeigt sich, wie ein Konjunkturpaket wirken kann. Jeder Fünfte hat hier keinen Job - doch die Stimmung ist gut. Denn die Bahn mit ihrem Chef Hartmut Mehdorn nimmt die Rolle des Staates ein und schickt einen Großauftrag: Sie will 800 Eisenbahnwaggons bauen lassen - und Arbeit für viele Jahre liefern.

Von Doris Schneyink, Görlitz

Görlitz im Januar. Das Thermometer zeigt minus sieben Grad, im Bombardier-Werk ist Schichtwechsel und zwei Inder stapfen bibbernd durch den Schnee. "Wo die herkommen, gibt's keine Kälte", sagt Werksleiter Siegfried Deinege. Die Inder sind aus Delhi angereist. Anfang Februar liefert Bombardier eine neue U-Bahn in die Millionenstadt, doch in Zukunft sollen die Wagen in Delhi gefertigt werden, deshalb schulen die Görlitzer Waggonbauer nun die Kollegen aus Indien. "Es wäre viel zu aufwendig, die ganze Flotte nach Asien zu verschiffen", sagt Deinege.

Angst um ihre Arbeitsplätze müssen sich die Bombardier-Mitarbeiter trotzdem nicht machen. Denn Görlitz, die östlichste deutsche Stadt an der polnischen Grenze, hat ein eigenes Konjunkturpaket. Nicht der Staat, sondern die Bahn investiert hier im großen Stil. 800 Doppelstockwagen für den Regionalverkehr will Bahnchef Hartmut Mehdorn bei Bombardier bestellen. Der Deal hat einen Wert von 1,5 Milliarden Euro. "Wir wollen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in die Zukunft investieren", sagte Bahnchef Mehdorn. Wenn sich die Bahn bei Ausschreibungen für Regionalstrecken gegen die Konkurrenz durchsetzt, können ab dem Sommer die ersten Züge in Görlitz bestellt werden.

Bombardier ist wichtigster Arbeitsgeber

Der Auftrag ist ein Segen für die Stadt, die direkt an der polnischen Grenze liegt. Jeder Fünfte hier hat keinen Job, und Bombardier ist mit 1400 Mitarbeitern der wichtigste Arbeitgeber. "An jedem Arbeitsplatz bei Bombardier hängen vier weiter Jobs in Görlitz", sagt Werksleiter Siegfried Deinege. Rechtsanwälte, Bäcker, Schweißer, Maurer - sie alle profitieren. Gerade erst ziehen Bauarbeiter auf dem 350.000 Quadratmeter großen Werksgelände eine neue Produktionshalle für sechs Millionen Euro hoch. Und schon im vergangenen Jahr wurden 100 neue Mitarbeiter eingestellt.

Enrico Blocksdorf, 25 Jahre alt, ist Fertigungsmechaniker und schweißt in einer großen Halle Stahlteile für Karosserien zusammen. Die Waggonkästen werden lackiert, dann kommt der Innenausbau - Elektrik, Sitze, die Treppe in den ersten Stock. "Viele Freunde von mir sind in den Westen gegangen, weil sie hier keine Jobs fanden. Ich bin froh, dass ich jetzt eine Perspektive in Görlitz habe", sagt Enrico. Die neue Flotte soll zwischen 2011 und 2020 in Dienst gestellt werden, sichert also Jobs für die nächste Generation.

Gewinner der Krise

Stephan Krenz, Geschäftsführer Bombardier Transportation Deutschland, ist sich sicher, dass seine Branche zu den Gewinnern der jetzigen Krise gehören wird. "Uns ist nicht bange vor der Zukunft. Der Klimawandel macht ökologische Mobilität immer wichtiger. Und darin sind wir richtig gut." Doppelstockwagen haben eine lange Tradition in Görlitz. In den 30er Jahren wurden sie hier erfunden und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Sie gelten als extrem zuverlässig und robust.

Etwa 2000 Züge sind in Deutschland im Einsatz. Die neue Generation kann erstmals - wie beim ICE - als Triebzug ohne eigene Lokomotive eingesetzt werden. Außerdem ist sie mit älteren Modellen kompatibel. Werksleiter Siegfried Deinege sagt: "Eigentlich konnten sich aus der DDR nur zwei Dinge im Westen durchsetzen. Der grüne Rechtsabbieger-Pfeil und unsere Doppelstockwagen." Und darauf sind die Görlitzer Waggonbauer ziemlich stolz.