HOME

Bosch: "Lassen uns unsere gute Arbeit nicht kaputt machen"

Wirtschaft paradox: Beim Autozulieferer Bosch holten nicht die Chefs, sondern die Betriebsräte eine Unternehmensberatung ins Haus. Und konnten mit ihrer Hilfe 1000 Jobs vor der Verlagerung ins Niedriglohnland Ungarn retten. Das Wunder von Ansbach.

Eigentlich kann Walter Maier Typen wie den Thiel nicht leiden: so ein smarter Junge im Nadelstreifenanzug, der dauernd Zahlen und Kurven aufs Flipchart malt: Arbeitszeiten, Löhne, Produktivität - das Einmaleins der Kostendrücker. Walter Maier ist Betriebsrat und 62 Jahre alt; Christian Thiel ist Unternehmensberater und 27 Jahre jung. Ein Paar, wie es gegensätzlicher nicht sein könnte. Wenn der Junge von "Prozessoptimierung" und "Restrukturierung" spricht, unterbricht der Alte ihn und sagt: "Wir haben uns die Bude halt mal ganz genau angeguckt." Die Bude - das ist das Bosch-Werk in Ansbach bei Nürnberg, vor 20 Jahren hingeklotzt auf die grüne Wiese, so groß wie acht Fußballfelder. Hier bauen 2350 Männer und Frauen für den größten Automobilzulieferer der Welt elektronische Steuergeräte, wie sie in Airbags oder Antiblockiersystemen stecken.

Doch die "Bude" hat ein Problem: Sie ist zu teuer. Bosch produziert allein im Bereich "Automotive Electronics", zu dem das Werk in Ansbach gehört, an 18 Standorten in aller Welt, etwa in Bangalore, Shanghai oder dem ungarischen Hatvan. "Wir haben jede Menge interner Konkurrenten", sagt Walter Maier. Hinzu kommt der Druck durch die Kunden: Die Autohersteller fordern Jahr für Jahr weitere Preissenkungen von ihren Zulieferern. Da kommt es auf jede Stelle hinter dem Komma bei den Kosten an. Und das Werk in Ungarn könnte die nächste Generation von Airbag-Steuergeräten knapp zehn Prozent billiger bauen als die Kollegen in Ansbach.

Werk in der Globalisierungsfalle

Die Forderung der Chefs war klar: 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich plus längere Maschinenlaufzeiten. Ansonsten seien 1000 Jobs ab 2009 von der Verlagerung nach Ungarn bedroht. 1000 Industriearbeitsplätze - das wäre eine Katastrophe für die strukturschwache Region. Walter Maier war fassungslos, nie hätte er es für möglich gehalten, dass auch sein Werk in die Globalisierungsfalle geraten könnte.

Normalerweise bleibt Betriebsräten in einer solchen Situation keine andere Wahl, als die bittere Pille zu schlucken: mehr Arbeit fürs gleiche oder sogar für weniger Geld. Maier schluckte sie nicht. "Wir wollten uns unsere gute Arbeit nicht kaputt machen lassen", sagt er. Auf Empfehlung des IG-Metall- Funktionärs Thomas Händel machte Maier von einem Recht Gebrauch, das nur wenige Betriebsräte nutzen. Er holte sich den "Feind" ins Haus: eine Unternehmensberatung. Thomas Händel sagt: "Wir wollten nachweisen, dass die 40-Stunden-Woche nicht die Lösung für die Probleme der Fabrik sein kann."

Seitdem hat Walter Maier den Berater Christian Thiel am Hals. Der trägt zwar Nadelstreifen und hat BWL studiert, passt aber ansonsten nicht ins Klischee eines McKinsey-Rambos: Nach dem Examen heuerte Thiel beim Info-Institut in Saarbrücken an - eine Unternehmensberatung, die nicht nur auf Renditesteigerung aus ist, sondern vor allem "zur Sicherung von Standorten und Arbeitsplätzen" beitragen möchte. "Durch die Globalisierung sind die Anforderungen an Arbeitnehmervertreter enorm gestiegen", sagt Christian Thiel. "Wie oft erlebt ein Betriebsrat eine Diskussion über Standortverlagerung? Wahrscheinlich nur einmal in seinem Leben. Und darauf sollte er gut vorbereitet sein." Sein Job sei es, den Betriebsräten ökonomisches Wissen zu vermitteln, sodass sie mit der Geschäftsführung auf Augenhöhe verhandeln könnten.

Standort wird künstlich schlechtgerechnet

Das Thema Verlagerung sieht Thiel kritisch. Häufig würden die Vorteile über- und die Nachteile unterschätzt. Gegenüber dem Info-Institut offenbaren sich schon mal Controller, die das Gefühl haben, der deutsche Standort würde künstlich schlechtgerechnet: Einer traf sich mit den Beratern heimlich auf einem Autobahnparkplatz und gab ihnen entsprechende Hinweise. Kein Wunder, dass Walter Maier sich gern vom Info-Institut beraten lässt. Die Kosten dafür muss laut Betriebsverfassungsgesetz der Arbeitgeber übernehmen, was ziemlich verrückt ist: Da bezahlt Bosch eine gewerkschaftsnahe Unternehmensberatung, die die von der Geschäftsführung angestrebte 40-Stunden-Woche massiv infrage stellt. Denn unbezahlte Mehrarbeit, so Christian Thiel, sei kein Ausweg aus der Krise: "Natürlich könnte Bosch dadurch ein paar Cent bei den Stückkosten einsparen", sagt er. "Aber nicht genug, um den Kostennachteil gegenüber Ungarn auszugleichen."

Der ganze Streit dreht sich um eine unscheinbare Platine - grau, handtellergroß und vollgepackt mit Elektronik, die im Falle eines Unfalls den lebensrettenden Airbag auslösen soll. Die Produktion der Steuergeräte in Ansbach ist vollautomatisiert: Winzige elektronische Bauelemente wie Sensoren oder Chips werden von Maschinen auf vorgeätzte Leiterbahnen aufgedampft, verklebt oder verlötet. Handarbeit gibt es kaum noch, gerade mal 15 Leute bedienen pro Schicht die Maschinen einer Fertigungslinie: Sie kontrollieren die Qualität oder bessern Fehler aus. In Ungarn arbeiten mehr Menschen in der Produktion und weniger Maschinen. Das heißt: Wenn Ansbach günstiger werden will, dürfen die Maschinen eigentlich nie stehen. Deshalb unterstützten die Betriebsräte und das Info-Institut die Einführung einer "Konti- Schicht", der kontinuierlichen Schichtarbeit.

"Wir haben eine Menge Prügel bezogen"

In Ansbach laufen die Maschinen jetzt rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche, an fast 365 Tagen im Jahr. Sogar mit dem offiziellen Segen der bayerischen Kirchen, die die Arbeit an Feiertagen genehmigen müssen. Dadurch schrumpfte der Kostennachteil gegenüber der Konkurrenz erheblich. Und das alles unter Beibehalt der 35-Stunden-Woche. "Trotzdem haben wir für die Konti-Schicht eine Menge Prügel bezogen", gesteht Maier. Der alte IG Metall- Slogan "Samstags gehört Papi mir" wurde den Betriebsräten von den Beschäftigten um die Ohren gehauen.

Mit noch größerem Misstrauen verfolgte die Belegschaft, dass Maier sich mit dem Info-Institut und der Geschäftsführung "die Bude" ganz genau anguckte, um Kosten zu senken. Das sei nicht der Job der Betriebsräte, hieß es. "Die Angst war groß, dass man ausschließlich zulasten der Mitarbeiter spart", sagt Christian Thiel. Doch sparen heißt für ihn nicht zwangsläufig Personal einsparen, sondern unproduktive Zeit. Thiel hat zwei Zahlen aufs Flipchart gemalt und eingekringelt. Eine 35 und eine 28. Die offizielle Zahl der Arbeitsstunden - und die effektive. Wenn man den Anteil der effektiven Arbeitszeit erhöht, spart das viel Geld. Das klappt aber nur, wenn die Mitarbeiter bei solchen "Prozessoptimierungen" mitziehen. "Häufig scheitern die Konzepte von Unternehmensberatungen, weil die Belegschaften der Sache nicht trauen und sie boykottieren", sagt Thiel.

"Sehr fruchtbare Zusammenarbeit"

In Ansbach lief die Beratung von unten nach oben. Die Mitarbeiter sollten berichten, wo sie Mängel sehen. So kamen eine Menge Probleme zur Sprache: Wie man das Umrüsten der Maschinen beschleunigt und die Übergabezeiten beim Schichtwechsel verkürzt. Oder dass es nicht klug ist, im Sommer die Türen aufzureißen, weil dadurch die empfindlichen elektronischen Bauelemente verunreinigt werden könnten. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Robert Heumann sagt: "Wir haben mit der Geschäftsführung wöchentlich bis tief in die Nacht hinein zusammengesessen und in einer Tiefe Details besprochen, wie ich das noch nie erlebt habe." Ohne gegenseitiges Vertrauen wäre das nicht möglich gewesen. Auch Werkleiter Wolfram Anders spricht von einer "sehr fruchtbaren Zusammenarbeit", durch die er jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag einsparen kann.

Nach zwei Jahren kräftezehrender Verhandlungen einigte man sich auf eine ungewöhnliche Betriebsvereinbarung: Es werden keine Arbeitsplätze nach Ungarn verlagert; die Beschäftigung in Ansbach ist bis 2015 gesichert - das ist die längste jemals in Deutschland abgeschlossene Standortgarantie. Der Betriebsrat erhält bei zukünftigen Verlagerungen ein Vetorecht. Bosch investiert in den nächsten acht Jahren 160 Millionen Euro in den Aufbau neuer Fertigungslinien in Ansbach; die Fabrik behält ihren Status als "Leitwerk", d. h., hier werden die Fertigungsprozesse für die weltweiten Standorte definiert. "Das ist der wichtigste Punkt überhaupt, das hat unsere Position im Konkurrenzkampf enorm gestärkt", sagt Maier.

Belegschaft muss Kröten schlucken

Aber natürlich muss die Belegschaft auch Kröten schlucken. Zum einen durch die Einführung der Konti-Schicht. Zum anderen wird eine freiwillige Prämie, die Bosch bisher zahlte, um bis zu 50 Prozent gekürzt. Außerdem investieren die Mitarbeiter unbezahlte Zeit in ihre Fortbildung. Und: Sie werden auch in Zukunft mitmachen beim "permanenten Prozess der Kostensenkung", wie es Christian Thiel formuliert. Das heißt, Schimpfen aufs Management geht in Ansbach nicht mehr. Die Arbeiter haben ein Feindbild weniger, dafür aber mehr Stress und Verantwortung.

Mehr als 50 Seiten dick ist die Vereinbarung. Nun kämpfen alle Beteiligten um die Deutungshoheit: Für Thomas Händel von der IG Metall läutet der Deal eine neue Ära der Gewerkschaftsarbeit ein. "Wir hätten auch nur mit den roten Fahnen protestieren können, aber was hätte das genutzt? Unser Weg ist viel anspruchsvoller." Werkleiter Wolfram Anders sieht in der Vereinbarung dagegen eine rein "lokale Lösung", die man nicht eins zu eins auf andere Unternehmen übertragen könne. Vielleicht hält er den Ball aus Rücksicht auf seinen Vorstandsvorsitzenden Franz Fehrenbach flach. Der oberste Bosch-Chef plädiert für die 40- Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. "Ich bedaure sehr, dass das Thema 'längere Arbeitszeit' immer zu spät in die Debatte kommt, nämlich erst dann, wenn ein Bereich schon in Schwierigkeiten steckt", sagte Fehrenbach in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung". Vielleicht sollte er mal zu Bosch nach Ansbach fahren.

print