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Buchtipp: "Mein Leben"

Der Politiker, der Präsident, der Privatmann: Auf den rund tausend Seiten seiner Autobiographie erinnert sich Bill Clinton an seinen Weg aus der Provinz von Arkansas ins Weiße Haus - und die Stolpersteine, die ihn fast daraus entfernt hätten.

Autor: Bill Clinton

Seiten: 1.100 Seiten

Preis: 28,00 Euro (D)

ISBN: 3-430-11857-3

Verlag: Econ-Verlag, 2004

Der Autor

Jurist, jüngster Gouverneur, neuer Kennedy, politisches Naturtalent, charismatischer Visionär - der 42. Präsident der Vereinigten Staaten ist einer der facettenreichsten und interessantesten Männer der Welt. Acht Jahre lang prägte er nicht nur die Innenpolitik eines damals vielleicht besseren Amerika, sondern dominierte auch die internationale Bühne. Ein Vollblutdemokrat, der die Massen bewegt und polarisiert hat. In seinen Erinnerungen gewährt er erstmals tiefe Einblicke in sein privates und politisches Leben. Die vielen Gesichter dieses großen Politikers fügen sich in diesem Buch zu einem überraschenden Gesamtbild.

Das Buch

Auf den rund tausend Seiten seiner Memoiren erwähnt Bill Clinton Hunderte von Menschen, die auf dem Weg nach oben in sein "Netz" gegangen sind. Viele Prominente sind darunter und noch viel mehr, die den Europäern wenig oder nichts sagen, die aber alle ihren Beitrag leisteten, um ihn zum Gipfel zu tragen. Den Namen des einen Menschen, der dem 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten fast zum Verhängnis wurde, nennt er spät und eher beiläufig: Monica Lewinsky. "Mein Leben", die Biografie des Demokraten aus dem Südstaat Arkansas, ist der Versuch, einen der folgenschwersten Fehltritte eines US-Politikers in den Kontext seiner politischen Leistung zu stellen und um ein faires Urteil zu bitten. Es ist kein leichter Lesestoff, obwohl es an heiteren Anekdoten und kurzweiligen Beobachtungen nicht fehlt. "Ich denke, es ist eine gute Story, und mir hat es Spaß gemacht, sie zu erzählen," findet Clinton als sein eigener Kritiker. Das Buch ist jedenfalls ein interessantes Stück Zeitgeschichte mit zahllosen Details aus dem Alltag eines ständig von innen- und außenpolitischen Krisen verfolgten Staatschefs, der darüber die großen Linien seiner Strategie nicht aus den Augen verlor. Es ist zugleich das politische Testament eines Mannes, der sein letztes Wort noch nicht gesprochen haben dürfte. Denn sollte Frau Hillary Rodham Clinton, die Senatorin des Staates New York und derzeit chancenreichste Anwärterin, einmal als erste Frau Präsidentin werden, wäre er der "erste Ehemann der Nation" und wohl ihr bedeutendster Ratgeber.

Es ist kein Zufall, dass die Memoiren im Präsidentenwahljahr 2004 erschienen sind. Denn sein Nachfolger George W. Bush hat all das, was Clinton politisch am Herzen lag, wieder zurückgefahren - bis hin zur Umwandlung eines Milliarden-Überschusses im Staatshaushalt in ein erneutes Riesendefizit. Clinton nennt den Republikaner zwar artig den wohl begabtesten Politiker der Bush-Dynastie, aber der "Liberale mit Herz" hält den "mitfühlenden Konservativen" Bush für einen Scharlatan, soviel steht fest.

Das Millionenhonorar und eine Millionenauflage verdankt der Ex-Präsident aber vor allem der weltweiten Neugierde, ob er denn nun wirklich die letzten Geheimnisse verrät über seine außerehelichen Affären. Und ob er die fassungslose Frage beantwortet, warum ein geborener Politiker und wahrhaft "großer Kommunikator" mit einem Programm, das ihm zwei Amtszeiten bescherte und den USA acht Jahre des Aufschwungs, dies alles aufs Spiel setzte. Clinton räumt freimütig ein, dass er kein treuer Ehemann war. Aber von der amourösen Front gesteht er nur so viel, wie er muss. Sein Motiv für seine privaten Ausrutscher findet er im Dunkel einer schwierigen Jugend in einer kaputten Familie mit einem alkoholsüchtigen Stiefvater, die ihn gleichwohl emotional stets nahesteht. Damals habe der Kampf begonnen zwischen seinem inneren und äußeren Ich, der ihn in dunklen Stunden zerriss. Ein paralleles Leben habe begonnen und das stete Ringen, "mit meinem Hirn, meinem Körper und meinem Geist am gleichen Ort zu leben" und "das richtige Gleichgewicht zwischen Geheimnissen inneren Reichtums und jenen verborgener Ängste und Scham zu finden." Eine gespaltene Persönlichkeit also, eine private und eine öffentliche. Und Clinton lässt die Jury seiner Leser durchaus daran zweifeln, dass sie aufgehört hat, zu existieren. Denn, so schreibt er: "Es war noch härter, zu lernen, welche Geheimnisse zu bewahren, welche preiszugeben und welche von vornherein zu vermeiden. Ich bin immer noch nicht sicher, dass ich es ganz verstehe. Es scheint ein lebenslanges Projekt zu sein." Er zeigt sich zwar als reuiger Sünder. In einem ist Clinton sich aber ganz sicher: Die dunkle Seite seines Ichs habe gar nichts, aber auch gar nichts mit seiner Rolle als Politiker zu tun. Der frischgebackene Bestsellerautor erzählt die Story einer Verschwörung unerbittlicher und skrupelloser Gegner aus der äußersten Rechten. Seit seiner Zeit als Gouverneur von Arkansas sei er Zielscheibe einer "Politik der persönlichen Zerstörung" gewesen. Er erinnert daran, dass 1995 die Rechte in der gegnerischen Republikanischen Partei das Kommando übernahm und seither nicht mehr abgegeben hat. Er, der erste Präsident aus der Nachkriegsgeneration der "Babyboomers", sei der Mann des Wandels gegen den Status Quo gescheiterter Wirtschafts- und Sozialdoktrinen gewesen. Während es ihm um sozialen Fortschritt, gesellschaftlichen Ausgleich und eine moderne Wirtschaftspolitik gegangen sei, verfolge die neue Rechte ausschließlich knallharte Gruppeninteressen.

Herbert Winkler , DPA / DPA