Chef-Abgänge bei der Deutschen Börse Im Zeichen der Heuschrecke


Der britische Hedgefonds TCI hat die Führungsspitze der Deutschen Börse gestürzt und gerät nun ins Visier von Politik und Börsen-Kontrolleur Rolf Breuer. Ist TCI eine der vielbeklagten "Heuschrecken"?

Nach dem spektakulären Coup angelsächsischer Hedgefonds bei der Deutschen Börse wachsen in der Bundesrepublik das Unbehagen gegenüber der zunehmenden Macht dieser Finanzinvestoren und die Sorge um die Zukunft des Finanzplatzes Deutschland. "Ich fürchte, jetzt kann es jeden erwischen", erklärte der langjährige Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer, der auf Drängen von Finanzinvestoren aus London als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Börse AG Ende des Jahres seinen Hut nehmen will.

Größtmögliche Transparenz von Hedgefonds gefordert

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement sagte, er gehe davon aus, dass die Vorgänge an der Börse legitim seien. Er forderte von den Hedgefonds größtmögliche Transparenz bei ihren Aktionen in Deutschland.

Breuer warnte im Wirtschaftsmagazin "Capital" vor dem Zielkonflikt zwischen kurzfristig interessierten Hedgefonds und langfristig orientierten Investoren. "Es ist gefährlich, wenn sich die Hedgefonds zu Herren der Szene machen und der Mehrheit der stabilitätsorientierten Anleger ihre Sicht aufzwingen." Dies versetze Unternehmen in Unruhe und schade dem Geschäft. "Das wird für Vorstände in Deutschland eine ganz andere Welt sein und trifft die deutsche Volkswirtschaft ins Mark". Deshalb müssten die Deutschen über strengere Gesetze gegen Hedgefonds ernsthaft nachdenken.

Breuer wird bis Ende 2005 zurücktreten

Nach wochenlangem Machtkampf mit kritischen Aktionären um den britischen Hedgefonds TCI hatte Börsenchef Werner Seifert am Montag seinen Hut genommen. Breuer, der als wichtigster Verbündeter des langjährigen Börsenchefs galt, hat seinen Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender für Ende des Jahres angekündigt.

Clement erklärte am Rande einer Veranstaltung in Stuttgart, niemand könne bisher von außen präzise die Vorgänge an der Deutschen Börse überblicken. "Das ist, was unsicher macht und was das Urteil beeinflusst." Deshalb könne er nur darauf hinweisen, dass Fonds, die in Deutschland tätig würden - auch Hedgefonds - dies so transparent gestalteten wie möglich. Die Frankfurter Börse sei ein erfolgreicher Handelsplatz und für den Standort Deutschland außerordentlich wichtig.

In der SPD entzündet sich unterdessen heftige Kritik an der Rolle des CDU-Politikers Friedrich Merz, der als Anwalt den Großaktionär TCI vertritt und als neuer Aufsichtsrat der Deutschen Börse gehandelt wird. Die SPD-Finanzpolitikerin Nina Hauer sagte dem "Tagesspiegel", Merz beteilige sich an der Schwächung eines "sehr erfolgreichen deutschen Unternehmens" und müsse dem Bundestag Rechenschaft ablegen. Die von SPD-Chef Franz Müntefering angestoßene Debatte über Auswüchse des Kapitalismus werde hier für jedermann deutlich. "Die Heuschrecken haben jetzt ein Gesicht - Friedrich Merz", sagte Hauer.

In anderthalb Jahren 1,4 Milliarden Dollar eingesammelt

TCI wurde von 38-jährigen Chris Hohn vor anderthalb Jahren gegründet und soll bereits 1,4 Milliarden Dollar von Anlegern eingesammelt haben. Sein Privatvermögen wird auf 100 Millionen Euro geschätzt. "Ich will mit meinen Investitionen Gewinn machen - da gibt es gar nichts zu beschönigen", sagt Hohn.

"Breuer und Seifert sind Opfer ihrer eigenen Politik geworden", erklärte der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Frankfurter Stadtparlament, Klaus Oesterling. "Hätten die beiden nicht vor einigen Jahren ihre verhängnisvolle Privatisierungspolitik bei der Börse durchgesetzt, hätten beide noch weiter im Amt verbleiben können. Auch die neoliberale Revolution frisst offenbar ihre Kinder."

Mit Material von DPA/AP/Reuters AP Reuters

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