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Deutsche Telekom: Trau dich, René!

René Obermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, managt den Konzern so, wie er redet: handwerklich korrekt, aber doch ohne Fantasie. Die Strukturen beim Ex-Monopolisten nachhaltig aufzubrechen, ist ihm bisher nicht gelungen.

Von Astrid Maier und Volker Müller

Nein, René Obermann würde nie sagen: "Ich bin betroffen von Ihrem Schicksal." Ebenso wenig würde der Vorstandschef der Deutschen Telekom jemals zugeben: "Manchmal kann ich mich schwarzärgern und wütend werden." Das wäre viel zu menschlich und würde einen Blick hinter die Fassade des in langjährigem Training mit Analysten und Journalisten gestählten Managers erlauben. Das kann er nicht zulassen.

Und so wählt Obermann lieber die Bürokratensprache: "Ich finde Ihr Beispiel sehr betroffen machend", sagt er zu einer Callcenter-Mitarbeiterin, die so wenig verdient, dass sie staatliche Hilfe braucht, um überleben zu können. Und dass er so etwas wie Gefühlsregungen hat, formuliert er so: "In schwierigen Situationen durchlebe ich dann auch stärkere Emotionen."

Jeder Satz ist eine Regierungserklärung. Ein Schutzschild, hinter dem sich der 45-Jährige verschanzt. Grammatisch einwandfrei, aber ohne Gefühl, ohne jede Empathie. Auch seine Aktionäre auf der Hauptversammlung in Köln am kommenden Donnerstag werden Obermann wohl wieder so erleben: präzise Fakten, nüchterne Erklärungen. Aber kein Versuch, Eigner, Mitarbeiter und Kunden zu begeistern.

Handwerklich korrekt, doch ohne Fantasie

Obermann managt die Telekom so, wie er spricht: handwerklich korrekt, doch ohne Fantasie. Seine Erfolge im ersten Amtsjahr sind bemerkenswert: Er hat sich nach zähem Ringen gegen die Gewerkschaften durchgesetz, den Ableger T-Service gegründet, wo nun 50.000 Mitarbeiter für weniger Geld mehr Stunden arbeiten. Er hat den Vorstand und die zweite Führungsebene fast vollständig ausgetauscht. Er hat mit neuen Kündigungsfristen für die eigenen Kunden den Wettbewerb ausgehebelt und die vorlauten Rivalen in Panik versetzt.

Doch es hat alles nicht geholfen. Die Expansion im Ausland kommt schleppend voran, daheim hecheln die Bonner der Kundschaft hinterher. Und die Investoren lassen die Telekom links liegen. Der Kurs der Aktie laviert zwischen 11 und 12 Euro, seit Amtsantritt Obermanns im November 2006 hat das Papier fast 15 Prozent verloren. Eine einzige Enttäuschung für die Aktionäre, allen voran für den Bund und Großinvestor Blackstone.

Dabei hatte es so gut angefangen für Obermann. Als durchsetzungsfähig, gar rabiat bezeichnen ihn Weggefährten beim Amtsantritt. Sie glauben an den einstigen Mobilfunkchef. Daran, dass er den Konzern endlich aus seiner Lethargie befreit, zu erfolgreichen Konkurrenten wie der spanischen Telefónica aufschließt. "Dobermann" und "Bulldozer" nennen sie ihn in seinem Umfeld.

Heute ist Ernüchterung eingekehrt. Und das ist tragisch für den Manager. Schließlich habe Obermann keinen einzigen gravierenden Fehler gemacht, sagt Frank Rothauge, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim. "Im Gegenteil: Die Strategie seiner Mannschaft ist viel effizienter als die unter der Führung von Kai-Uwe Ricke." Timotheus Höttges als Festnetzchef, Thomas Sattelberger als Personalvorstand sowie Hamid Akhavan als Leiter des Technik- und Mobilfunkgeschäfts gelten als erstklassige Besetzungen. Und so kritisiert ein Branchenexperte den Vorstandschef ob seiner Entscheidungen: "Obermann macht seinen Job gut", sagt Stefan Borscheid von der WestLB. Und fügt an: "Im Rahmen dessen, was er überhaupt machen kann."

Genau da liegt das Problem. Obermann ist aus dem Rahmen nicht ausgebrochen. Ihm fehlt eine mitreißende Vision für den europäischen Telekom-Giganten. Eine überzeugende Perspektive für den einstigen Staatsmonopolisten, die dem Konzern anhaltendes und nennenswertes Wachstum verspricht.

Davon ist die Telekom derzeit weit entfernt. Am Donnerstag verkündete sie Quartalszahlen: Ihr Umsatz ist um 3,1 Prozent gesunken. Zwar stieg der um Sondereffekte bereinigte Gewinn gegenüber dem Vorjahresquartal um rund ein Drittel. Allerdings tritt nun ausgerechnet der Wachstumstreiber der vergangenen Quartale auf der Stelle, die US-Mobilfunktochter T-Mobile leidet unter heftigen Preiskämpfen.

Obermann im Strategieloch

Die Fehler seiner Vorgänger beschränken Obermanns Handlungsspielraum seit seinem ersten Tag. Nun rächen sich all die Versäumnisse der vergangenen Jahre. Im Auslandsgeschäft gibt es kaum noch Expansionschancen: So sind die schnell und profitabel wachsenden Mobilfunkanbieter der Schwellenländer entweder längst von der Konkurrenz aufgekauft worden - oder mittlerweile so hoch bewertet, dass ihre Übernahme große Risiken birgt. Und auf dem Heimatmarkt treibt die jahrelange Telekom-Politik extrem hoher Festnetztarife ihre Kunden noch heute in die Arme alternativer Anbieter.

Allein mit immer neuen Sparprogrammen lässt sich das Dilemma nicht lösen. Das weiß auch Obermann. Doch seine vorsichtigen Versuche in den vergangenen Wochen, wenigstens bei Anbietern aus der global zweiten Reihe im Ausland zu expandieren, nimmt ihm der Kapitalmarkt übel. Ob es der geplante Einstieg beim griechischen Marktführer OTE ist oder der angedachte Kauf des drittgrößten US-Mobilfunkers Sprint: Stets zeigte der Daumen der Anleger nach unten.

Obermann ist im Strategieloch. "Was soll der Telekom-Vorstand denn sonst machen, um Perspektiven zu entwickeln?", fragt Thomas Friedrich, Analyst der Unicredit: "In Deutschland kann die Telekom das Geschäft nicht drehen. Das wäre auch politisch nicht gewollt. Der Konzern kann nur im Ausland wachsen." Aber die Börsen mögen keine großen Fusionen mehr. Das zeigte zuletzt auch der Fall France Telecom. Als die Franzosen ihr Interesse an dem skandinavischen Wettbewerber TeliaSonera zeigten, stürzte ihr Aktienkurs ab.

Die Zeit arbeitet gegen Obermann. Denn die Branche steht vor einem Umbruch. Künftig wird die Telekom nicht mehr nur gegen altbekannte Rivalen wie Vodafone bestehen müssen. Auch Internetkonzerne wie Google und Yahoo drängen nun mit Macht und Milliarden in den Mobilfunk. "Ich sehe hier bei der Deutschen Telekom keine strategische Ausrichtung, um dem zu begegnen", sagt Dan Bieler, Branchenexperte des Marktforschers IDC. "Konkurrenten wie die britische BT oder Vodafone stellen sich mit neuen Angeboten wie etwa Onlinemarketing viel besser auf. Kosten sparen müssen sie auch. Aber sie sind dabei wesentlich innovativer."

Die Telekom verrenne sich in Preisschlachten und glaube, sich durch Kooperationen mit den Angreifern retten zu können, kritisieren die Experten. Erst jüngst hat sich T-Mobile mit Nokia geeinigt, die mobilen Dienste des finnischen Handyherstellers auch ihren Kunden zugänglich zu machen. Innovationen aus dem eigenen Haus bleiben hingegen aus. "Mit Blackberrys und SIM-Karten allein lassen sich nicht die Geschäfte der Zukunft machen", sagt Bieler.

Obermann müsse nun Rückgrat zeigen, fordert Analyst Friedrich. Könne er den Kapitalmarkt nicht für seine Ziele begeistern, solle er sich im Zweifel auch über Kritik der Anleger hinwegsetzen.

Alierta als leuchtendes Vorbild der Branche

Auch César Alierta hat das so gehalten: Der Telefónica-Chef fahndete gleich nach seinem Amtsantritt vor fünf Jahren konsequent nach Zukäufen im Ausland und riskierte dabei manches Experiment - stets gegen die Zweifel des Marktes. Heute gilt der Spanier als leuchtendes Vorbild der Branche. Obwohl er mit dem deutschen Mobilfunker Quam und mit dem Ausflug ins Mediengeschäft über die niederländische Ex-Tochter Endemol zwei veritable Flops verantwortet. Aber er hat den Umsatz von Telefónica verdoppelt, auf 56,4 Mrd. Euro. Und einen Verlust von 5,5 Mrd. Euro in einen Nettoprofit von 8,9 Mrd. Euro verwandelt.

So spröde Obermanns Auftritte auch sind, so sehr ihm die große Idee fehlt: Er sitzt fest im Sattel. "Auf dem Niveau der Deutschen Telekom ist die Management-Luft dünn. Ich sehe derzeit keine Alternative zu Obermann", sagt Analyst Borscheid. Schließlich sei ein Telekom-Chef kein x-beliebiger Unternehmenslenker. "Er muss auch Politiker sein und es verstehen, mit den im Konzern sehr starken Gewerkschaften und Betriebsräten umzugehen." Ein ausländischer Manager an der Spitze der Telekom ist daher unwahrscheinlich.

Wohl auch deshalb behauptet Obermann, ihm sei egal, ob ihm da draußen jemand vorwerfe, er habe keine Visionen. "Was mir allerdings nicht egal ist, ist, ob die Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter mit uns zufrieden sind." Also müsste derzeit Ausnahmezustand herrschen: Die Aktionäre sind frustriert. Die Kunden halten die Telekom für servicefeindlich - laut einer Allensbach-Studie vom Monatsanfang hat nicht einmal die Bahn so eine unzufriedene Klientel. Und die Mitarbeiter pfeifen wegen des hausinternen Sparkurses zurzeit selbst Gewerkschaftsfunktionäre aus.

Ob all dies für Obermann "betroffen machend ist"? Hoffentlich durchlebt er in diesen Tagen stärkere Emotionen.

FTD