HOME

Die Puma-Story - Teil 2: Ein Seitensprung - zwei Weltmarken

Nachkriegszeit: Die Gebrüder Dassler werden zu Gegenspielern. Sie gründen Adidas und Puma und führen einen Kampf - zuerst um Herzogenaurach, später um die gesamte Sportwelt. Teil 2 der stern.de-Serie erzählt von dem größten anzunehmenden Unfall unter Brüdern.

Von Rolf-Herbert Peters

Fast ein Vierteljahrhundert marschierten die Brüder stets in eine Richtung und hatten ein herzliches, brüderliches Verhältnis. Sie hatten gemeinsam die Inflation überstanden. Sie hatten die Gebrüder Dassler Sportschuhfabrik durch die schwerste Weltwirtschaftskrise manövriert. Sie hatten den farbigen Superathleten Jesse Owens mit ihren Produkten ausgestattet und zugleich das Hitlersystem für ihre Geschäfte genutzt. Doch dann war Schluss mit dem Einklang. Wie aus heiterem Himmel, so erschien es den erstaunten Zeitzeugen.

Ein Geheimnis, das einen Graben durch Herzogenaurach reißt

Die Konsequenz, mit der die Brüder plötzlich voneinander abließen, überraschte sogar engste Vertraute. Ein Graben riss auf, und er war so breit, dass sie ihn bis zu ihrem Lebensende nur wenige Male mit großer Mühe überschreiten konnten. Mehr als eine Waffenruhe ließ sich zwischen ihren Familien nie wieder herstellen. Wie es zu dem Bruch kam, zählte über Jahre zu den bestgehüteten Geheimnissen Frankens. Die Menschen im streng katholischen Herzogenaurach, die die Wahrheit kannten, wollten nicht darüber reden.

Es war sicher nicht nur das gegenseitige Misstrauen der Dassler-Brüder am Ende der Nazidiktatur, das die Familien fortan entzweite. Vielmehr wurde der Bruch wohl schon viel früher von dem Ereignis verursacht, das erst dieses Misstrauen schuf. Glaubt man den - einleuchtenden - Schilderungen der wenigen Nachfahren und deren Bekannten, so lag der Kern allen Übels um die fünf Jahre zurück. Rudolf, so scheint sicher zu sein, pflegte Anfang der 40er-Jahre ein Verhältnis mit Adis Gemahlin Käthe.

Adi ging an die Front - seine Frau ging fremd

Möglicherweise gingen sie die Liaison 1940 ein, als Adi für ein Vierteljahr Militärdienst leistete. Schriftliche Beweise dafür liegen freilich nicht vor, und es gibt auch nur Schilderungen aus dritter Hand. Am Wahrheitsgehalt gibt es aber kaum mehr Zweifel. Die erste Buchhalterin und gute Seele der Firma etwa, die verstorbene Frau Rösch, wusste über die verhängnisvolle Affäre Bescheid. Sie deckte das Rätsel bei einer privaten Familienfeier auf.

Es ist nicht so, dass Käthe für impulsive Flirts und mehr unempfänglich gewesen wäre. Sie war eine attraktive, eloquente Frau. Einen Hang zu schnellen Amouren zeigte sie noch 1978 nach dem Tod ihres Mannes. Damals verliebte sie sich Hals über Kopf in den verheirateten Geschäftsführer einer brasilianischen Schuhfabrik. Trotz hartnäckiger Avancen ihrerseits gab ihr der gebürtige Schweizer einen Korb. Kurz darauf wandte sie sich dem nächsten Schuhfabrikanten zu, der - zur Unbill ihrer Töchter - nicht nur erheblich jünger war als sie, sondern auch der Chef von Adidas Österreich.

Auch in den Annalen sind versteckte Hinweise auf den Ehebruch und seine Folgen zu finden. In einer Chronik zum 70. Geburtstag ihres Vaters schreiben die Söhne Rudolfs der Zeit zwischen 1940 (sic!) und 1948 "herbe menschliche Enttäuschungen" zu. Und als Rudolf 1974 starb und Adolf um eine Würdigung gebeten wurde, erklärte der Familienstamm mit fast zynischer Arroganz: "Aus Gründen der Pietät möchte die Familie Adolf Dassler zum Tod des Rudolf Dassler keinen Kommentar abgeben." Sicher ist: Ein Techtelmechtel mit der Schwägerin war auch damals schon der größte anzunehmende Unfall unter Brüdern.

"Es is ja jeder Babberdeggl deild worn"

Es folgte, was immer folgt, wenn es Zank in der Familie gibt: ein heftiger Streit um Hab und Gut. Nach Monaten des Haderns entschieden sich die Beteiligten Anfang 1948, die Firma aufzuteilen. Adolf, der Selbstbewusstsein zeigte und die Nase hoch trug, behielt das Stammhaus und den größten Teil der Produktion. Rudi glaubte, dass die Gebrüder Dassler Sportschuhfabrik ohne ihn keine Zukunft habe und zog in das 1936 erworbene Fabrikgebäude oberhalb der Aurach in der Würzburger Straße.

Die Mutter Pauline stand zu ihm. "Es is ja jeder Babberdeggl deild worn", erinnert sich die Arbeiterin Franziska Geinzer. Die Angestellten und Arbeiter durften frei entscheiden, bei wem sie künftig in Lohn und Brot stehen wollten: 47 Produktionsmitarbeiter blieben bei Adolf, 13 Beschäftigte und einige freiberufliche Handelsvertreter zogen mit Rudolf. Das Betriebsvermögen wurde mit dem Tag der Währungsreform am 21. Juni 1948 endgültig dividiert.

Adidas und Puma - Sprösslinge eines Seitensprungs

Adi suchte schnell nach einem neuen Namen, auf der Gebrüder Dassler Sportschuhfabrik lag eine zu große Last. Er bildete ihn aus einem Spitznamen und der ersten Silbe des Nachnamens: Adi-Das. Rudolf fand die Idee seines kreativen Bruders nicht schlecht und versuchte es mit Ru-Da. Damit konnte er sich allerdings weder in der Familie noch bei den Mitarbeitern durchsetzen. Noch im selben Jahr taufte er sein Unternehmen in Puma Rudolf Dassler Schuhfabrik um. Sein eigener alter Spitzname ließ sich gut mit der Werbebotschaft der Firma vereinbaren: Jeder Sportler, der Puma-Schuhe trug, sollte die Eigenschaften der Raubkatze besitzen: ausdauernd, kraftvoll, wendig und elegant.

Für Herzogenaurach bedeutete die Scheidung der Brüder in kleinerem Ausmaß ein ähnliches Schicksal, wie es 15 Jahre später Berlin ereilen sollte: Der Ort war plötzlich geteilt. Einheimische verliehen ihrem Heimatort den Namen "Stadt des gesenkten Blicks", weil jeder Bürger dem anderen auf die Schuhe guckte. Die Gretchenfrage, der sich jeder Ureinwohner Herzogenaurachs noch heute stellt, lautet: "Nun sag, wie hast du's mit der Religion? Trägst du Puma oder Adidas?"

Die Mauer entlang der Aurach, die das Reich Rudolfs von dem Adolfs trennte, existierte zwar nur in den Köpfen der Bürger. Doch die Folgen wirken bis heute nach, da Puma und Adidas die Stadt mehr denn je beherrschen. Und das, obwohl in der fränkischen Stadt nur noch geschaltet und verwaltet und nicht ein einziges Schuh- oder Textilelement mehr hergestellt wird.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die Puma-Story" von Rolf-Herbert Peters, das ab dem 5. September 2007 im Handel ist. Die sechsteilige stern.de-Serie gibt exklusive Einblicke in das Werk und 60 Jahre "Raubtier-Kapitalismus".

Lesen Sie morgen im dritten Teil: Erfolg ist viel, der Bruderkrieg ist alles