Discounter-Krieg Aldi und Lidl sahnen im Land der Gourmets ab


Die deutschen Discounter mischen den französischen Einzelhandel auf - sehr zum Unmut der mächtigen französischen Handelskonzerne.

Erlesene Zutaten, liebevoll zubereitete Menus und unzählige edle Wein- und Käsesorten: Frankreich gilt nicht zu Unrecht als das Land der Gourmets. Viele kleine Delikatessenläden bieten täglich frischen Seefisch, aromatische Milchprodukte oder Wachteleier und Wild. Für den Großeinkauf stehen an den Stadträndern riesige "Hypermarchés" bereit, die mit ihrem Massenumschlag günstige Preise garantieren. In diesem Umfeld dürften Discounter eigentlich keine Chance haben. Und doch gehen immer mehr Franzosen zu Aldi und Lidl. Der Preise wegen - und weil es Zeit spart.

Lidl und Aldi haben beide 1988 den Sprung über den Rhein gewagt. Seitdem mischen die Deutschen den französischen Einzelhandel auf. Heute ist Lidl mit mehr als 1200 Läden in Gallien unbestritten Marktführer im Lebensmittel-Discount vor Aldi mit mehr als 700 Läden. Die Billigheimer bringen nicht nur traditionelle Schlachter und Käseläden unter Druck, sondern auch die mächtigen weltweit agierenden Handelskonzerne. "Diese Discount-Geschäfte gehen direkt in die Innenstädte auf Flächen von oft weniger als 300 Quadratmetern", klagte der Senator Gérard Le Cam. "Sie übersteigern die Konkurrenz."

Die Imperien schlagen zurück

Carrefour, der zweitgrößte Einzelhändler der Welt, fährt in seiner Heimat einen harten Sparkurs und baut seine Discount-Kette Ed gegen die Deutschen aus. Im Juni übernahm Carrefour zudem von Rewe die 101 französischen Penny-Märkte mit 262 Millionen Euro Umsatz. Der Casino-Konzern zog die Billigkette Leader Price auf und Intermarché kontert mit der Kette netto. Selbst der als Preisbrecher bekannte Supermarktkönig Michel-Edouard Leclerc, der im Hypermarché-Segment 17 Prozent Marktanteil hält, geht jetzt in die Offensive: Er will 1000 Discounter eröffnen und erlaubt allen Marktleitern, zwei Konzepte in ihrem Einzugsgebiet zu testen.

Kräftigen Anschub bekamen die Discounter vom Euro, der auch in Frankreich als "Teuro" empfunden wird: Jetzt schauen die Franzosen viel genauer auf die Preise. Außerdem ist das Leben schneller geworden. Junge Berufstätige wollen nicht mehr mit stundenlangen Diners "leben wie Gott in Frankreich". Statt jede Frucht beim Händler einzeln zu betasten und beschnuppern, kaufen sie Tiefgekühltes und eingepackte Ware aus dem Regal. Aldi bietet eine geringe Produktauswahl in jeweils einer Verpackungsgröße. Der Kunde hat damit keine Qual der Wahl, kein "Einkaufserlebnis", aber er bezahlt weniger und ist schneller mit dem Einkauf fertig.

Für Gewerkschaften gilt Aldi als "Vorhof der Hölle"

Kritik an den deutschen Billigheimers finden vor allem Zulieferer und Gewerkschafter. So verwüsteten französische Gemüsebauern jüngst Auslagen in Lidl-Läden, weil dort statt französischer Produkte ausländisches Gemüse angeboten wurde. Ein Edelbäcker klagte: "Bei denen isst man nicht, man ernährt sich." Für die Gewerkschaften gilt Aldi als "Vorhof der Hölle": Keine überregionale Arbeitervertretung, unbezahlte Überstunden und sozialer Druck seien die Regel.

Doch die Kunden denken anders. Seit 2000 gewannen die Discounter drei Millionen Haushalte hinzu. Zwei von drei Franzosen kaufen zumindest gelegentlich beim Discounter ein. 12,4 Prozent der Lebensmittelumsätze im Handel gehen nach einer Marktstudie des Instituts TNS Secodip bereits bei Aldi, Ed und Konsorten über die Kassentheke. In fünf Jahren dürften es 18 bis 20 Prozent sein. Und über Lidl treten neben Frankfurter Würstchen auch deutsche Weihnachtskalender und Stollen den Siegeszug im Westen an.

Der Staat bremst den Ausbau der Ketten in den Städten

Die Discounter seien auf einem dauerhaften Wachstumspfad, weil sie von immer breiteren Bevölkerungskreisen akzeptiert werden, analysiert TNS Secodip. Zudem lockert sich die Markenbindung: Die Franzosen beginnen zu bezweifeln, dass teure Marken bessere Qualität bedeuten.

Allerdings bremst der Staat im Interesse der kleinen Händler den Ausbau der Ketten in den Städten. So wird jetzt die Verkaufsfläche, ab der Lebensmittelgeschäfte besonders genehmigt werden müssen, von 1000 auf 300 Quadratmeter gesenkt. Lidl-Läden haben im Schnitt 639 Quadratmeter, Aldi-Filialen 591. Solche Geschäfte lassen sich künftig nur an den Stadträndern leicht eröffnen - dort, wo die Hypermarchés sind, die leicht auf 10.000 Quadratmeter und mehr kommen. TNS Secodip hält daher ein "deutsches Szenario" mit 35 Prozent Marktanteil der Discounter für "wenig wahrscheinlich".

Hans-Hermann Nikolei/DPA


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