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Ökonomen warnen: Trumps Handelskrieg: "Deutschland muss diese Drohung ernst nehmen"

Donald Trump wettert gegen das erfolgreiche Wirtschaftsmodell Deutschlands und droht mit Sanktionen. Zwei Top-Ökonomen erklären im Gespräch mit dem stern, was an den Vorwürfen dran ist und wie Deutschland sich wehren kann.

Donald Trump

Donald Trump ist auf Deutschland nicht gut zu sprechen

Donald Trumps Politik mag chaotisch erscheinen, doch zumindest seine Feindbilder sind klar definiert. Für den islamistischen Terrorismus nimmt der neue US-Präsident mit seinem Einreisedekret sieben muslimische Länder in Generalhaftung. In der Wirtschaftspolitik bilden dagegen drei andere Länder die Achse des Bösen - darunter Deutschland.

"Donald Trump hat sich Mexiko, China und Deutschland als Hauptkontrahenten herausgesucht", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Gespräch mit dem stern. Was diese drei Länder eint: Sie verkaufen den USA wesentlich mehr Waren als umgekehrt und sind somit für einen Großteil des amerikanischen Handelsbilanzdefizits verantwortlich.

Deutsche Exportwirtschaft am Pranger

Nachdem Trump bereits zuvor gegen die deutsche Exportwirtschaft gewettert und Strafzölle für deutsche Autobauer ins Spiel gebracht hatte, legte sein Chefberater Peter Navarro am Dienstag nochmal nach. Im Interview mit der "Financial Times" erklärte er, Deutschland nutze den "deutlich unterbewerteten Euro", um die USA und die eigenen EU-Partner "auszubeuten". Der im Vergleich zum Dollar günstige Euro fördere deutsche Exporte in unfairer Weise. Die Trump-Administration attackiert damit das derzeitige Wirtschaftsmodell Deutschlands mit seiner extremen Exportorientierung.

Ökonomen wie DIW-Chef Fratzscher halten den Vorwurf, Deutschland halte den Euro künstlich schwach, zwar für absurd. Schließlich setze sich Deutschland seit geraumer Zeit für höhere Zinsen im Euroraum ein, was den Euro stärken würde. Doch der Kern der Kritik ist nicht von der Hand zu weisen. "Deutschland muss diese Drohung ernst nehmen, denn sie kommt nicht von ungefähr. Wir haben gegenüber den USA einen bilateralen Handelsüberschuss von 60 Milliarden Euro netto. Damit macht sich Deutschland angreifbar", sagt DIW-Chef Fratzscher. "Womit Trump Recht hat, ist, dass Deutschland im eigenen Land relativ wenig investiert und damit den Welthandel in Schieflage bringt", sagt auch André Wolf vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI).

Droht ein Währungskrieg?

Droht nun womöglich ein Währungskrieg, in dem Dollar und Euro sich wechselseitig unterbieten? Donald Trump hat bereits offen gesagt, dass er eine Abwertung des US-Dollars für wünschenswert halten würde, doch das liegt nicht in der Hand des Präsidenten. DIW-Chef Fratzscher: "Währungen wie den Dollar und den Euro kann die Politik nicht so einfach beeinflussen wie Zölle, weil die Notenbanken unabhängig sind. Meine größere Sorge ist, dass Trump den Vorwand der Währungsmanipulation nutzt, um seinen Handelskonflikt weiter zu befeuern. In diesem Handelskrieg sind die Äußerungen von Trump-Berater Navarro als erste Breitseite zu verstehen." Sanktionen wie Strafzölle könnten mit dem Brandmarken Deutschlands als Währungsmanipulator gerechtfertigt werden.

Auch HWWI-Mann Wolf hält den verbalen Währungskrieg der Trump-Regierung für einen "politisch-taktischen Angriff", um das deutsche Exportmodell in Frage zu stellen. Und der könnte Spuren hinterlassen: Einerseits dürfe man nicht vor Trump kuschen, sagt Wolf. Andererseits müsse man sich ernsthaft Gedanken machen, ob die deutsche Wirtschaftspolitik in den letzten Jahren in die richtige Richtung gezielt hat. "Diese Debatte wird im Bundestagswahlkampf geführt werden – vor allem von Seiten der SPD", sagt Wolf. "Deutschland hat einen zu hohen Exportüberschuss und sollte daran etwas ändern. Nicht weil die USA das wollen, sondern aus eigenem Interesse", sagt auch Fratzscher. Beide Ökonomen halten mehr Investitionen im Inland - etwa in Infrastruktur oder Bildungseinrichtungen - für sinnvoll, um den starken Exportüberschuss etwas auszugleichen.

Sind die Europäer auf Deutschlands Seite?

Deutschland braucht zudem Verbündete, um auf die aggressive Wende in der US-Handelspolitik zu reagieren. "Europa muss jetzt zusammenstehen und eine gemeinsame Antwort finden auf diese Provokation. Deutschland kann da allein wenig bewirken", sagt Ökonom Wolf. Auch Fratzscher plädiert für offensives Gegensteuern: "Für Deutschland wäre es jetzt klug, die EU zu mobilisieren. Denn Deutschland kann einen bilateralen Handelskonflikt mit den USA nur verlieren. Wir sind zu klein, um einen wirtschaftlichen Konflikt mit den USA gewinnen zu können, die EU ist dagegen groß genug. Deutschland muss versuchen, Europa zu vereinen und sich gemeinsam dem Angriff der US-Regierung zu stellen." Eine heikle Aufgabe, weiß Fratzscher. Denn: "Trump weiß genau, dass die deutschen Exportüberschüsse auch in Europa kritisch gesehen werden, zum Beispiel in Frankreich. Einige europäische Länder werden sich insgeheim freuen, dass Deutschland jetzt auch Kritik aus den USA bekommt."