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Einzelhandel: Verdi will an Weihnachten streiken

Im Tarifkonflikt im Einzelhandel erhöht die Gewerkschaft den Druck auf die Arbeitgeber. Im stern.de-Interview fordert Verdi-Vorstand Magret Mönig-Raane ein verhandelbares Angebot und verurteilt die "Geiz-ist-Geil"-Mentalität in Deutschland. Den Arbeitgebern wirft sie vor, Zeitarbeiter als Streikbrecher einzusetzen.

Frau Mönig-Raane, fällt Weihnachten dieses Jahr flach, weil aufgrund von Streiks im Einzelhandel keine Geschenke unter dem Tannenbaum liegen?

Wir bestreiken ja weder den Verbraucher noch den Weihnachtsmann, sondern die Unternehmen im Einzelhandel. Wir werden wie bisher ein, zwei Tage in Folge streiken - in manchen Orten auch länger, aber in wechselnden Betrieben. Das heißt, die Bescherung ist gesichert.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass an Weihnachten gestreikt wird?

Die Streikwahrscheinlichkeit in der Weihnachtszeit ist hoch. Die Beschäftigten sind wütend darüber, dass sie die längeren Ladenöffnungszeiten aus ihren ohnehin schon schmalen Geldbeuteln finanzieren sollen – und das angesichts magerer Einkommenserhöhungen in den vergangenen Jahren. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass der durch die Streiks entstehende Druck noch zu einer Einigung führt.

Sie erwarten ein neues Angebot der Arbeitgeber?

Ich hoffe wie gesagt sehr, dass die massiven Streiks jetzt in der Vorweihnachtszeit zu einem ordentlichen Angebot führen, über das wir ernsthaft verhandeln können.

Sie sind mit einer Lohnforderung von 4,5 bis 6,5 Prozent in die Verhandlungen gegangen. Ist das angesichts des harten Wettbewerbs in der Branche nicht ein wenig zu viel?

Die geringen Margen sind ein Problem, das nicht die Beschäftigten, sondern die Vorstände zu verantworten haben. In Deutschland gibt es pro Kopf vier Mal so viel Verkaufsfläche wie in Frankreich oder den USA. Wer hat hier die Weichen so falsch gestellt? Wieso sind andere große Unternehmen in anderen Ländern so viel klüger?

Eine geringere Verkaufsfläche könnte auch weniger Beschäftigung bedeuten.

Das heißt es überhaupt nicht. In den vergangenen Jahren ist die Verkaufsfläche pro Beschäftigten rasant gestiegen. Es ist keineswegs so, dass größere Flächen die Einstellung neuer Mitarbeiter zur Folge gehabt hätte. Die Struktur der Beschäftigung hat sich viel mehr noch weiter in Richtung Teilzeit und geringer Beschäftigung verschoben. Werden Flächen stillgelegt, würde dies dem Service und der Qualität und damit den Verbrauchern zu Gute kommen. Hinzu kommt ein Preiswettbewerb, den es so in keinem anderen Land gibt. Die "Geiz-ist-Geil"-Mentalität ist ein Schuss in den Ofen gewesen.

Die Beschäftigten sollen die Zeche für eine verfehlte Unternehmens- und Branchenpolitik zahlen - und das schon seit Jahren. Jeder Cent, der nicht in eine - längst fällige - Lohnerhöhung fließt, führt dazu, dass der Wettbewerb noch verrückter wird: Das Geld wandert nur in neue Preisschlachten und ähnlichen Unfug.

Die Vorstellungen von Ihnen und den Arbeitgeber liegen aber noch sehr weit auseinander.

Das kann man wohl sagen. Es ist den Arbeitgebern klar, dass wir nicht ernsthaft über 1,7 Prozent mehr Geld minus die von ihnen gewollte Streichung der Spät- und Wochenendarbeitszuschläge verhandeln können. Die Margen liegen in diesem Jahr ganz woanders. Wir werden zu keinem Ergebnis kommen, wenn den Beschäftigten im Einzelhandel eine Lohnsenkung droht.

Eine Streichung der Zuschläge - wie von Arbeitgeberseite gefordert - ist für sie vollkommen ausgeschlossen? Es wird keinen Abschluss bei einer Kürzung der Zuschläge geben.

Sie rufen seit Wochen zu Warnstreiks auf. Bisher haben die Kunden von den Arbeitsniederlegungen aber noch nicht viel mitbekommen.

Allein am vergangenen Dienstag haben 4000 Beschäftigte in der Stauffenbergstraße in Berlin gestreikt. Es ist einfach so, dass nur wenig Menschen in den einzelnen Verkaufsstellen arbeiten. Selbst wenn wir alle aus Berlin und Brandenburg zusammenholen, kommen da keine Massen zusammen. Aber trotzdem: In den vergangenen Monaten haben insgesamt 100.000 Beschäftigte gestreikt.

Wirklich gestört hat dies die Arbeitgeber aber nicht.

Die Arbeitgeber setzen mit Hilfe von Zeitarbeitsfirmen Streikbrecher ein. Die können sich meist nicht wehren, weil sie Angst haben, rausgeschmissen zu werden. Und sie müssen für extrem wenig Geld arbeiten.

Wir haben auch deshalb überlegt, unsere Präsenz vor den Eingängen zu verstärken und die Kunden noch besser zu informieren.

Droht Verdi im Einzelhandel angesichts der rasant steigenden Zahl von Zeitarbeitern in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen?

Im Gegenteil: Die Beteiligung an den Streiks war noch nie so hoch wie in dieser Tarifrunde und genau deswegen zeigen unsere Aktionen auch Wirkung sonst wäre auch keine Bewegung bei den Arbeitgebern spürbar.

Verdi will auch einen Mindestlohn für die Branche in Höhe von 1500 Euro durchsetzen.

Ja, wir wollen einen branchenbezogenen Mindestlohn. Dieser Punkt ist aber nicht Kern der derzeitigen Tarifverhandlungen.

In der Großen Koalition hat der Mindestlohn nicht mehr höchste Priorität.

Wenn ich mit die Geschichte des Postmindestlohns anschaue, zweifle ich in der Tat, ob die große Koalition ihre Prioritäten richtig setzt. Deswegen werden wir den Druck auch nicht verringern, sondern noch erhöhen und deutlich machen, dass es weder zum Postmindestlohn noch zu anderen branchenbezogenen Mindestlöhnen und letztlich zum allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn eine Alternative gibt. Arbeit darf nicht arm machen, davon sind nicht nur wir, davon ist eine große Mehrheit in der Bevölkerung überzeugt. Dem entsprechend muss die Regierung endlich handeln.

Interview: Marcus Gatzke