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Entlassung von Siemens-Chef Löscher: "Zehn Milliarden Euro vergeigt"

Er war der Held, der mit der Siemens-Korruptionsaffäre aufräumte. Dann aber unterliefen Peter Löscher Pannen in Serie. Nun muss er gehen - und die Kritik an seinem Mentor Cromme wird lauter.

Nach einer Serie von Misserfolgen verliert Siemens-Chef Peter Löscher seinen Job. Die Mitglieder des Aufsichtsrats entschieden sich in Krisensitzungen am Samstag, den Manager vorzeitig abzuberufen. "Der Aufsichtsrat der Siemens AG wird in seiner Sitzung am 31. Juli 2013 über das vorzeitige Ausscheiden des Vorstandsvorsitzenden beschließen", teilte das Unternehmen mit. "Zudem wird er über die Ernennung eines Vorstandsmitglieds zum Vorstandsvorsitzenden beschließen."

Unternehmenskreisen zufolge hat sich die Mehrheit der Aufseher dafür ausgesprochen, den ehrgeizigen Finanzchef Joe Kaeser als Vorstandsvorsitzenden zu installieren. Offen ist noch, ob Löscher einer Trennung zustimmt oder sich feuern lässt. Sein Vertrag läuft noch bis 2017, er kann bei einer einvernehmlichen Trennung mit Leistungen in Höhe von rund neun Millionen Euro rechnen. Noch am Samstag hatte der Österreicher in einem Zeitungsinterview gesagt, er wolle um seinen Job kämpfen.

Ein Interview, das nichts mehr half

Löscher hatte am Donnerstag überraschend die Renditeprognose für 2014 gekippt und sich damit den Zorn des Kapitalmarkts zugezogen. Der Spitzenmanager stand auch wegen vorangegangenen Misserfolgen unter Druck. Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hatte sich Löscher zuletzt noch kampfeslustig gegeben. "Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art, aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen". Gerade jetzt sei bei Siemens "der Kapitän" mehr gefragt denn je.

Doch zu diesem Zeitpunkt war schon nichts mehr zu retten - zu lang ist die Liste der Pannen und ökonomischen Missgriffe während Löschers Amtszeit. Es begann mit dem überteuerten Einkauf des Labordiagnostikgeschäfts und hörte mit der überhasteten und kostpieligen Trennung vom französischen Atom-Partner Areva noch lange nicht auf. Immer wieder verhagelten technische Pannen die Siemens-Bilanz. Anschlüsse von Windparks in der Nordsee bekamen die Münchner nicht hin. Den von Löscher hoch und heilig versprochenen Liefertermin für neue ICE-Züge an die Deutsche Bahn verfehlt der Konzern um mehr als ein Jahr. In den USA brachen Windturbinen auseinander, die Reparatur schlägt mit gut 100 Millionen Euro zu Buche. Auch mit Übernahmen hatte Löscher wenig Glück. Das zusammengekaufte Solargeschäft erwies sich nach nur wenigen Jahren als Totalausfall, der verlustreiche Zweig wurde geschlossen.

Rivalen hängten Siemens ab

Unterdessen zogen die Rivalen davon. Löscher hatte vollmundig angekündigt, Siemens werde schneller als seine Konkurrenten ABB, GE oder Philips wachsen. Doch das Gegenteil trat ein. Allen voran die Schweizer ABB ging ausgiebig auf Einkaufstour und setzte sich in Sachen Wachstum und Rendite immer stärker von den Bayern ab.

Anfangs als Aufräumer in der Schmiergeldaffäre gefeiert, wuchs in letzter Zeit unter Aktionären und Analysten das Missfallen an Löscher. "In den letzten 18 Monaten ist die Entwicklung einfach nur noch enttäuschend", hatte Fondsmanager Henning Gebhardt von der DWS auf der Hauptversammlung geklagt. Privataktionär Hans-Martin Buhlmann rechnete für Löschers Amtszeit vor: "Zehn Milliarden Euro Aktionärsgeld wurden vergeigt."

Schicksalsgemeinschaft mit Cromme

Vor dem Aktionärstreffen hatte sich der umstrittene Aufsichtsratschef Gerhard Cromme noch hinter seinen Zögling gestellt. Die beiden verbindet an der Siemens-Spitze eine Schicksalsgemeinschaft. Nach dem Abgang von Klaus Kleinfeld lotste Cromme 2007 den seinerzeit weitgehend unbekannten Löscher vom US-Pharmakonzern Merck an die Isar. Als unbelasteter Außenstehender sollte er mit der Korruption aufräumen. Doch viele Mitarbeiter und Manager berichten, Löscher sei in dem weit verzweigten Konzern nie wirklich angekommen, kenne sich bis heute zu wenig aus. Als heimlicher Siemens-Chef galt vielen der ausgekochte Finanzvorstand Kaeser, der auf Analystenveranstaltungen mit Detailwissen glänzt, während Löscher sich meist auf wenige strategische Aussagen beschränkte.

Jens Hack/Reuters / Reuters