Fiat-Chef Agnelli Mit Grandezza in den Untergang


Er war Fiat, und Fiat war Italien. Doch das Lebenswerk des Giovanni Agnelli steht kurz vor der Zerstörung. Amerikaner wollen seinen maroden Autokonzern schlucken, den Patriarchen zerfrisst der Krebs.

Ganz klar: Wenn Fiat den Bach runtergeht, und es sieht verdammt danach aus, verliert Italien ein Stück seines Herzens. Auch klar: Wenn General Motor in Turin das Steuer übernimmt, und das ist wohl unausweichlich, dann wird das Herz aufhören zu schlagen und stattdessen eine Rechenmaschine angeworfen.

Was fühlt der

"Mann mit den Marmoraugen" angesichts dieses Scherbenhaufens? Hilflos muss er mit ansehen, wie langsam, aber unerbittlich sein Leben und sein Lebenswerk zerbröckeln. Denn seit die Krebsmetastasen Giovanni ("Gianni") Agnellis Knochen Stück für Stück auffressen und sein Gesicht, das seine Bewunderer als das "eines Königs, eines Kondottieres oder eines Julius Cäsar" beschreiben, aufquoll unter den Schlägen einer radikalen Chemotherapie, geht es bergab. Und, als würde es nicht so schon reichen, erklärte ihm sein Bruder Umberto, in aller Augen nur sein kleiner Bruder, am Krankenbett zunehmend unverblümt Fiats Ausverkauf.

Gianni gab darauf wahrscheinlich nie eine Antwort. Getreu seiner Maxime: "Leute, die ihre Gefühle zur Schau stellen, mag ich nicht. Das scheint mir stillos. Alles hängt davon ab, wie viel Selbstdisziplin man aufbringt." Der Schwerstkranke hat davon noch ein erstaunliches Maß zur Verfügung. Der Avvocato, der Rechtsanwalt, wie ihn ganz Italien wegen seines Jurastudiums vertraulich-respektvoll nennt, zuckte - zumindest öffentlich - nicht mit der Wimper, als das Schicksal 1997 seine Pläne, das eigene Haus zu bestellen, gnadenlos durchkreuzte. Zwei Jahre zuvor war Giovannino, der damals erst 31-jährige Sohn Umbertos, vom Familienoberhaupt offiziell zu seinem Nachfolger erklärt worden. Und gerade hatte sich der Youngster als Chef der zum Fiat-Imperium zählenden Firma Piaggio (Vespa) die Sporen eines echten Agnelli verdient, da teilte Giovannino der Welt mit, dass er an einer besonders seltenen und heimtückischen Art von Darmkrebs leide. "Die Behandlung wird langwierig sein. Aber bis zum Ende des Sommers werde ich es geschafft haben." Er irrte sich tragisch. Die Chemotherapie schlug nicht an. Im Dezember war der Hoffnungsträger tot.

Drei Jahre später

hörte sich der inzwischen 79-jährige Patriarch auf einer Autobahnbrücke im Süden von Turin mit versteinerter Miene den Bericht eines Polizisten über den Selbstmord seines einzigen Sohns Edoardo an. Der 46-Jährige lag mit zerschmetterten Gliedern in der Tiefe. Er war am frühen Morgen von zu Hause weggefahren, hatte mitten auf der Brücke gestoppt, die Brüstung überklettert und sich fallen lassen. Als ein Straßenarbeiter Edoardos leeren Fiat Croma entdeckte, lief der Motor noch. Auf dem Handy des Agnelli-Sohns war als letzter Anruf die Nummer seines Vaters gespeichert. Angeblich hat der später geweint. Angeblich. Anders als für den Vater Agnelli war Edoardos Freitod für den Konzernherrn Agnelli kein Verlust mehr. Vom Avvocato als weich und lebensunfähig im Sinn seiner eigenen Disziplin-Philosophie angesehen, hatte Gianni Agnelli seinen Sohn schon lange von der Liste potenzieller Nachfolger gestrichen. Hing Edoardo doch fernöstlichen Heilslehren an, zog sich Rauschgift aller Art rein und schwärmte, Todsünde im Hause Fiat, davon, dass da, "wo heute Autos produziert werden, einmal Blumen blühen" könnten. Kein Agnelli comme il faut.

Ein Agnelli, so wie ihn sich der Avvocato vorstellt, also einer wie er selbst, zeigt stets Haltung, eine gewisse Nonchalance - und nie sein wahres Gesicht. "Keinesfalls den Eindruck zu machen, dass man sich plagen muss, ist eine Frage des guten Benehmens. So zu wirken, als schleppe man eine schwere Last mit sich rum, taugt nur für die unterentwickelte Dritte Welt." Selbst engste Freunde rätseln bis heute, was eigentlich hinter der Fassade des einstigen Partylöwen und späteren Konzernherrn steckt. Der Schriftsteller Cesare Garboli: "Agnelli hat sich selbst ausgelöscht, sein eigenes Ich zugunsten der Form." Und weil er sich stets meisterhaft selbst inszenierte, zumindest solange es ihm noch gut ging, reichte die glänzende Fassade, um Gianni Agnelli zur Legende werden zu lassen.

Nicht, dass

es über den Avvocato keine gesicherten Daten gäbe: 1921 als zweitältestes von sieben Geschwistern geboren, Panzeroffizier mit Tapferkeitsorden im Zweiten Weltkrieg, Fiat-Erbe seit je und Fiat-Chef seit 1966. Verheiratet mit der neapolitanischen Prinzessin Marella Caracciolo, ein Sohn, Edoardo, und eine Tochter, Margherita. Liebt Fußball, Segeln, Antiquitäten. Konzernumsatz im Jahr 2001: 58 Milliarden Euro. Doch der Stoff, aus dem Legenden sind, wuchert zwischen diesen dürren Zeilen. Geschichten wie diese aus seiner Junggesellenzeit (verbürgt): Die Geliebte kommt zu früh nach Hause und ertappt Gianni in flagranti mit einer Blondine. Feuer unterm Dach. Agnelli packt das ansehnliche Corpus Delicti in den Ferrari, um es heimzuschaffen. Ein wenig außer Fassung, knallt er gegen fünf Uhr morgens auf einer Küstenstraße der Côte d'Azur gegen einen Lastwagen, der Gefrierfleisch geladen hat. Totalschaden am Auto und an Agnellis rechtem Bein (die Dame bleibt zum Glück unverletzt.) Doch trotz zersplittertem Fußknochen bescheidet Agnelli die Feuerwehr und die Schaulustigen als Erstes: "Kein Wort an die Presse über die Dame." Seither hinkt der Avvocato und musste Schuhe mit einer stützenden Halbprothese tragen, weil er viele Jahre zu eitel war, am Stock zu gehen.

Oder diese

als Familienvater (unverbürgt): Söhnchen Edoardo sitzt traurig zu Hause in der Villa und wartet, bis Papi kommt. Die Tür geht auf, der Senior tritt ein, elegant wie immer. Edoardo reckt ihm die Ärmchen entgegen: "Papi, Papi!" Der geht auf seinen Sohn zu, an ihm vorbei und liebkost erst mal den edlen Husky. Oder die aus der großen Welt (verbürgt): Beim Moskaubesuch einer italienischen Delegation in den sechziger Jahren drängen sich die politischen Würdenträger, dem damals allmächtigen Chruschtschow die Hand zu schütteln. Doch der geht schnurstracks auf Agnelli zu, der in der zweiten Reihe steht, und nimmt ihn am Arm: "Ich rede mit Ihnen, weil Sie Macht haben und immer haben werden. Die da kommen und gehen." Wer seine Duftmarken so setzt, braucht sich um Nachahmer nicht zu sorgen - Generationen aufstiegshungriger Italiener orientierten sich an den Ticks des Königs von Turin. Sie trugen wie er die Rolex über der Hemdmanschette oder ließen die Krawatte lässig aus dem Jackett baumeln. "Ich hoffe nur, dass Agnelli nicht auf einmal sein Schwänzchen aus der Hose hängen lässt", scherzte der Komiker Roberto Benigni einmal, "sonst läuft noch in Kürze ganz Italien so rum."

Genauso bewunderten

könner, die Künstler am Ball. Der Gedanke an Juve sei das Einzige, was ihn bei delikaten Verhandlungen die Konzentration rauben könne, bekannte der Avvocato einmal. Es muss den greisen Fan sehr geschmerzt haben, dass Juventus 2001 gezwungen war, den genialen Zidane an die Geldprotze von Real Madrid zu verkaufen - weil bei Fiat die Geschäfte nicht mehr so liefen wie einst. Lange Jahre saß fast bei jedem Juve-Heimspiel an Giannis Seite eine attraktive Blondine. Nicht immer dieselbe. Und nie seine Frau Marella. Unter den Fotos in der Zeitung stand dann: "Der Avvocato, daneben eine Freundin." Oder nur: "Der Avvocato." Die italienische Presse weiß eben, was sich gehört. Und wem was gehört: Denn ganz nebenbei besitzen die Agnellis die einflussreiche Tageszeitung "La Stampa".

"Ich war immer ein treu sorgender Ehemann", sagte der Patriarch einmal in einem Interview. "Aber zu behaupten, ich sei immer ein treuer Ehemann gewesen, wäre eine Lüge. Mein ganzes Leben hat mir alles gefallen, was schön ist. Und eine schöne Frau ist die höchste Form der Schönheit." Gattin Marella, für ihre Eleganz und ihren Schwanenhals gleichermaßen berühmt, hat sich nach anfänglichen Eifersuchtsanfällen mit Giannis Streben nach Schönheit abgefunden. "Ich wusste, dass er immer wieder zurückkommen würde", sagt sie heute. "Wie hieß die Gattin von Odysseus? Penelope? Mir ging es wie ihr. Ich wartete und wartete. Aber dann war er wieder da." Dass seine Seitensprünge nichts weiter als das waren, daran ließ Agnelli nie einen Zweifel. So pflegte er bei Abenteuern in fremden Betten neben der Schlafzimmertür ein Aktenköfferchen abzustellen, das diskret, aber unübersehbar signalisierte: Erst das Vergnügen, aber nur kurz, und dann wieder an die Arbeit! "Liebe", so hat er als junger Mann seiner Schwester anvertraut, sei etwas für "Oberkellner".

Das Arrangement

half, die Ehe zu einem der wenigen Dinge in Agnellis Leben zu machen, bei denen er bis heute Dauer und Beständigkeit erträgt. Ansonsten fürchtet er nichts so sehr wie Gleichförmigkeit und Routine. Als er noch konnte, war "Gianni der rastloseste Mensch, den ich kenne", sagt ein alter Bekannter. "Immer unterwegs. Immer auf der Suche nach Neuem. Immer auf der Flucht vor der Langeweile." Berüchtigt sein Telefonate-Hagel am frühen Morgen ab 5.30 Uhr, wenn er bevorzugt seine engsten Mitarbeiter und die armen Trainer von Juventus aus dem Schlaf riss. Schaut er sich Filme in seinem Privatkino an, schaltet er meist bereits nach einer halben Stunde ab: "Den Rest kann ich mir dann schon zusammenreimen." Manchmal ließ er sich nur für eine Stunde mit dem Helikopter zum Skifahren von Turin aus in die Alpen bringen. Um dann gleich weiterzufliegen ans Meer und noch ein bisschen zu segeln auf einer seiner Hochseeyachten. Oder er jettete schnell mal mit der Concorde nach New York, um eine Zurbarán-Ausstellung zu sehen, und war am nächsten Morgen schon wieder zurück.

Ist Agnellis

frenetischer Aktivismus nichts weiter als Horror Vacui, Flucht vor der Leere? Vor der unabänderlichen Unnahbarkeit, die der ungekrönte König von Turin und Italien gegenüber dem Rest der Menscheit verspürte? Der Preis, den er dafür bezahlen musste, dass Agnelli Fiat war und Fiat Italien? Die Fiat Group hat weltweit rund 200.000 Beschäftigte, davon 55.000 im Autosektor. Ein Beinahemonopol seiner Automobile auf Italiens Straßen zu Agnellis und Fiats besten Zeiten, eine politische Statur, welche die munter wechselnden Ministerpräsidenten des Landes bei weitem überragt.

Und jetzt

ist alles kaputt. Die Zeitungen jaulen schlagzeilend und die Gewerkschaften ebenso. Zum Beispiel Savino Pezzotta, Chef der christlichen Gewerkschaft CISL: "Fiat muss italienisch bleiben. Man kann nicht sanieren, um dann zu verkaufen. Jetzt müssen die Aktionäre ran." Oder die bitteren Worte beim Treffen des Fiat-Managements mit dem Regierungschef Silvio Berlusconi. Der Premier sagte den Herren ins Gesicht, dass man schon über eine staatliche Beteiligung (inzwischen vom Tisch) reden könne. Sie aber müssten vorher den Konzern verlassen. Und dann auch noch dies: Die Präsentation des Fiat Stilo fiel ausgerechnet in die Zeit des Desasters in New York, in den September 2001.

Die absolute Herrschaft über den Fiat-Konzern entglitt Giovanni Agnelli erst langsam, dann immer schneller. Als er es bemerkte, bestimmte er den Mann, der ihn beerben sollte, den zweiten nach dem unglücklichen Neffen Giovanni. Es ist sein 26-jähriger Enkel John Elkann, der Sohn von Agnellis Tochter Margherita aus erster Ehe. "Blass, schmächtig, mit ängstlichen braunen Augen", charakterisierte ihn der "Spiegel". Nicht gerade die Twen-Ausgabe des Avvocato. Und noch nicht bereit zu führen. So zog Giannis Bruder Umberto, bis dato stets im überlebensgroßen Schatten des Avvocato, immer ungenierter die Strippen, als der ältere Agnelli mit seinem Krebs kämpfte. Für Gianni zog er in die falsche Richtung. Denn er wollte das Undenkbare tun: aus dem Autogeschäft aussteigen, das Fiat groß gemacht hat. Und mit den anderen, einträglicheren Sparten des Konzerns weiterleben. Überleben.

Im Juni

sägte Umberto den langjährigen Konzernchef Paolo Cantarella ab, einen Praktiker und Vertrauten von Gianni, und drückte als Nachfolger den Juristen Gabriele Galateri durch. Doch der hielt sich gerade mal ein halbes Jahr. Groß ist inzwischen das Durcheinander und völlig unklar, was der Agnelli-Clan eigentlich will. Mitte Dezember 2002 bestieg Alessandro Barberis den Fiat-Thron, ein langjähriger Generaldirektor des Hauses. Agnellis häufig unglückliche Hand bei der Berufung der Spitzenmanager hatte bittere Folgen: Mit den Autos ging es bei Fiat in den vergangenen zehn Jahren unaufhaltsam abwärts, weil sich die Herren für die falsche Modellpolitik entschieden haben. Fiat, einst das Synonym für die fahrenden Hutschachteln, hatte viel zu spät auf den Trend zu Minis reagiert. Fast kampflos wurde dieses Segment Smart und dem Nissan Micra überlassen. So sackte der Marktanteil in Europa um ein Drittel ab. Und zu Hause in Italien fiel er von fast 60 Prozent auf knapp 32.2001 fuhr Fiat einen saftigen Verlust von mehr als 500 Millionen Euro ein, im vorigen Jahr geschätzte eine Milliarde Euro Miese.

Umberto Agnelli

hatte das Undenkbare nicht nur gedacht, es sogar gewagt, offen auszusprechen: "Heute ist das Autogeschäft strategisch, aber was heute strategisch ist, muss nicht strategisch bleiben." Derlei Ketzerei ließen den Patriarchen, den der Rest des Imperiums - Kaufhausketten, Zeitungen, Maschinenfabriken und Bankbeteiligungen - nie sonderlich interessiert hatte, die letzten Kräfte mobilisieren. "Solange ich lebe, baut Fiat italienische Autos", befand der Avvocato schneidend. Da hat er sich getäuscht. Fiat wird bald amerikanisch.

Teja Fiedler, Mitarbeit: Luisa Brandl print

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