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Finanzmärkte: "Ruhig wird es nie sein"

Die internationalen Börsen schlittern erneut ins Minus. Doch wie lange dauert die Kreditkrise noch an? Welche Auswirkungen hat sie auf die deutsche Wirtschaft? Im stern.de-Interview analysiert Finanzmarktexperte Manfred Jäger die Situation und verrät die Auswirkungen auf die Verbraucher.

Herr Jäger, wie bewerten Sie die aktuellen Kursstürze an den Börsen?
Das hat mich nicht weiter überrascht. Denn noch herrscht Verunsicherung über die Kreditkrise in den USA, in die ja unter anderem auch deutsche Banken verwickelt sind. Solange diese Unsicherheit besteht, wird es an den Börsen immer wieder zu Korrekturen kommen.

Die US-Notenbank hat kürzlich den Leitzins auf 4,5 Prozent gesenkt. Wollte die Fed damit nicht einen solchen Kurssturz verhindern?


Man hätte eigentlich vermuten können, dass die Zinssenkung den Märkten ruhigeres Fahrwasser bescheren würde. Aber noch sind nicht alle Schäden bekannt beziehungsweise verortet. Deswegen kann es Kursstürze in der Größenordnung von bis zu zwei Prozent immer wieder geben, bis diese Verunsicherung aus den Märkten verschwindet. Aber die Kreditkrise wird keinen Totalabsturz verursachen.

War die Zinssenkung das falsche Signal?


Nein, natürlich hat sie geholfen. Nur kann die US-Notenbank damit das eigentliche Problem nicht lösen. Denn niedrigere Zinsen alleine helfen den finanziell angeschlagenen Häuslebauern kaum, die Kredite zu bedienen. Vor uns liegt ein großer Berg schlechter Kredite, der abgearbeitet werden muss. Da helfen niedrigere Zinsen den Banken, deswegen haben wir auch keinen Totalzusammenbruch.

Warum trifft die Krise, die ja in den USA entstand, auch Deutschland, unter anderem etwa die IKB oder die SachsenLB?


Durch die stärkere Finanzglobalisierung haben wir nun eine internationale Krise. Viele deutsche Banken sind in den amerikanischen Märkten engagiert und umgekehrt. Das ist aber möglicherweise sogar der Grund, warum die Korrektur nicht noch stärker ist. Bei einem konzentrierteren Markt wäre der Schaden vielleicht noch schlimmer. So sind die Risiken breit gestreut.

Was bedeutet der Kursrutsch für die deutschen Märkte?
Die Aktienwerte hängen zusammen und bewegen sich regelmässig sehr ähnlich. Wenn Unternehmen an der Wall Street abgestraft werden, dann kann man sich ausrechnen, dass auch deutsche Unternehmen ähnliche Probleme haben und mit abgestraft werden. Sinkt der Börsenwert an der Wall Street, zieht auch der Dax nach, da die Finanzmärkte international verflochten sind.

Sind nur Finanztitel betroffen oder auch industrielle Unternehmen?


Das kann viele Werte betreffen und kann sich auch auf die Industrie auswirken. Denn wenn es dem Finanzsektor schlecht geht, besteht die Gefahr, dass die Kreditvergabe der Banken zögerlich ist.

Sind negative Auswirkungen auf das deutsche Wirtschaftswachstum zu erwarten?


Sicher. Die Prognosen werden nicht nur von uns nach unten revidiert.

Das heißt konkret?


Wir haben unsere Prognose für das reale Wachstum in 2008 von 2,2 auf 1,9 Prozent abgesenkt. Das hängt hauptsächlich mit der Finanzkrise zusammen. Die eigentliche Frage ist aber die: Werden deutsche Firmen Schwierigkeiten haben, ihr Engagement zu finanzieren? Wird es ein Problem bei der Finanzierung deutscher Unternehmen geben?

Wie lautet die Antwort?
Wir glauben, dass der Effekt relativ gering ausfallen wird. Die Banken leiden zwar, aber dies wird nicht dazu führen, dass die Bereitschaft, in solide deutsche Unternehmen zu finanzieren, sinkt. Wir sind deswegen nicht so pessimistisch. Es wird sicher bei den Banken zu Korrekturen kommen, von denen manche ihre Bilanz reparieren müssen. Wir glauben aber nicht, dass der Schaden nachhaltig sein wird.

Was hat die Krise für Auswirkungen auf die deutschen Verbraucher?


Die Auswirkungen werden moderat sein. Wir haben eine relativ gute wirtschaftliche Entwicklung, wenn auch mit einer Delle. Die Einkommen der Haushalte hätten sich ansonsten aber noch besser entwickelt.

Nach der Zinssenkung der Fed: Wird die EZB nun nachziehen?


Vorerst wird sie den Zins unverändert lassen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Zinsen bis in den Dezember unverändert bleiben.

Wie wirkt sich der hohe Ölpreis auf die wirtschaftliche Entwicklung aus?


In diesem Zusammenhang hilft uns ausnahmeweise der starke Euro etwas. Wir können das Öl etwas preiswerter einkaufen. Außerdem ist die Wirtschaft nicht mehr so stark abhängig vom Ölpreis.Bedrohlich wird es, wenn er immer weiter ansteigt. Viele Marktteilnehmer gehen aber davon aus, dass der Ölpreis zwar vorübergehend über 100 Dollar das Barrel steigt, aber nicht nachhaltig über 100 Dollar bleibt. Außerdem muss man beachten, warum der Ölpreis steigt. Die weltwirtschaftliche Lage ist gut und der Ölpreis steigt unter anderem, weil die Weltwirtschaft wächst. Der steigende Ölpreis ist eben auch eine Folge der guten weltwirtschaftlichen Entwicklung.

Können Sie ein Ende der Krise abschätzen?


Im Frühjahr nächsten Jahres wissen wir mehr. Dann werden nämlich nicht nur die Quartalsberichte, sondern zum Großteil auch die Jahresberichte fertig sein. Dann wird zwar dieses Thema ausgestanden sein, ruhig wird es am Finanzmarkt aber nie sein.

Interview: Alexander Zeuner