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Was bringt die Zwei-Personen-Regel?: "Der Pilot bleibt die Schwachstelle"

Als Reaktion auf das Unglück führen deutsche Fluggesellschaften die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein. Ob das hilft? Flugzeugabsturz-Experte Jan Richter bezweifelt das.

Ein Germanwings-Pilot überwacht das Boarding

Ein Germanwings-Pilot überwacht das Boarding

Nachdem Copilot Andreas L. die Cockpit-Tür verriegelt hatte, lag das Schicksal der Germanwings-Maschine ganz in seiner Hand. Niemand kam mehr ins Cockpit, niemand konnte verhindern, dass er die Maschine in den Berg steuerte. Damit sich so ein Fall nicht wiederholt, haben die deutschen Fluggesellschaften angekündigt, eine Zwei-Personen-Regel einzuführen: Verlässt ein Pilot das Cockpit, muss ein anderes autorisiertes Crewmitglied die Stellung halten.

Aber bringt das wirklich mehr Sicherheit? Oder ist das lediglich ein Schnellschuss um die Passagiere zu beruhigen? "Für den Passagier und Laien ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass da noch einer mehr vorne sitzt im Cockpit. Ob das ein Flugzeug wirklich retten kann, wenn einer zu allem entschlossen ist, bezweifle ich", sagt Flugunfallexperte Jan-Arwed Richter. Sein Flugdatenunternehmen Jacdec hat in den vergangenen Jahren mehr als 30.000 Zwischenfälle in der Luft ausgewertet. Sein Fazit lautet verkürzt gesagt: Je weniger die Piloten im Flugzeug zu sagen haben, desto besser.

Den Faktor Mensch reduzieren

Den Schlüssel für mehr Flugsicherheit sieht Richter langfristig darin, den Faktor Mensch immer weiter zu reduzieren. "Der Trend bei den Flugzeugherstellern ist, dass den Piloten immer mehr Entscheidungen vom Computer abgenommen werden - und das aus gutem Grund." So waren beispielsweise beim Absturz der Air France 447 im Jahr 2009, bei dem 228 Insassen ums Leben kamen, Pilotenfehler die Hauptursache.

Für Flugdatensammler Richter ist der Fall symptomatisch: "Wenn man sich Flugzeugunfälle über einen langen Zeitraum ansieht, beobachtet man ziemlich klar: Früher - in den 60er und 70er Jahren - war meistens die Technik hauptverantwortlich für Flugzeugunfälle, mittlerweile läuft es meistens auf den Menschen hinaus. Der Pilot bleibt die Schwachstelle."

In Zukunft ganz ohne Piloten fliegen

Unterm Strich ist das Fliegen heute viel sicherer als früher. Einer Airbus-Studie zufolge kamen 1962 auf eine Millionen Flüge noch 13 Flugunfälle, 1983 waren es 2,3 und 2014 nur noch 0,5 Unfälle je eine Million Flüge. Soviel Sicherheit gibt es bei keinem anderen Verkehrsmittel. Und natürlich liegt diese positive Entwicklung nicht nur an verbesserter Technik, sondern auch an der hervorragenden #link;http://www.stern.de/panorama/lufthansa-flugschueler-klagen-ueber-einstellungspolitik-und-lange-wartezeiten-2183311.html;Ausbildung von Piloten. #

Dennoch: Das Restrisiko, das bleibt, liegt vor allem auf der menschlichen Seite. Laut einer Studie des Luftfahrtversicherers AGCS aus dem Dezember 2014 sind etwa 70 Prozent aller tödlichen Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Auf lange Sicht gesehen dürfte die Frage daher nicht lauten, ob ein, zwei oder drei Piloten im Cockpit anwesend sein sollen. Sondern, ob wir nicht ganz auf Piloten verzichten können. Jan-Arwed Richter: "Wenn wir irgendwann so weit sind, dass der Computer in jeder Situation immer das Richtige tut, und das schneller als der Mensch, dann sollten wir ohne Piloten fliegen."

Daniel Bakir