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Folgen der Finanzkrise: Die Welt nach Lehman

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ist ein Wendepunkt - nicht nur für die Finanzbranche. Seit dem 15. September 2008 agiert der Staat mit neuem Selbstbewusstsein. Er greift ins Geschehen ein, garantiert Spareinlagen, stützt Institute, kappt Boni - allein der große Rahmen fehlt.

Von Sven Clausen und Tim Bartz

Der Song zur Pleite ist schnell gefunden: "It's the end of the world as we know it". Wer in den Tagen nach dem Lehman-Zusammenbruch im Internet nach Rat sucht oder in Blogs seiner Angst vor dem Untergang Ausdruck geben will, stößt rasch auf den R.E.M.-Klassiker.

Tatsächlich ist der 15. September 2008, der Tag der Lehman-Insolvenz, das Ende der schönen neuen Wachstumswelt ohne Inflation und irritierende Eingriffe des Staates. Ein Montag im Spätsommer, an dem die USA Merrill Lynch retten und an Lehman ein Exempel statuieren. Ein Datum, das sich in die Köpfe der Zeitzeugen eingebrannt hat. Das 9/11 der Wirtschaft.

Es ist der Tag, nach dem neu definiert wird, wie das Verhältnis von Staat und Markt aussehen soll. Zu offensichtlich ist, was zuvor falsch lief. Auf den Finanzmärkten ist der Staat längst jener Nachtwächter geworden, vor dem Ferdinand Lassalle im 19. Jahrhundert gewarnt hat. Eigentlich ist er nicht einmal das. Ein Türsteher höchstens, der sich voller Selbstgefallen mit seinen Gästen verbrüdert hat: Wer einmal drin ist im Finanzkasino und Stammgast, kann feiern, wie er will. Was schert uns der Croupier, der auf die Einhaltung der Spielregeln pocht?

Was Banker und Finanzmathematiker in der Ära des Laissez-faire angerichtet haben, sehen die Türsteher erst jetzt, als sie sich umdrehen und entdecken, was die Gäste angerichtet haben. Im Rausch entwickelten sie hochkomplexe Produkte. Kreditderivate zum Beispiel, vor denen der Investor Warren Buffett bereits 2002 warnte. Erfolglos, wie der 15. September 2008 zeigt.

Spätestens jetzt ist klar: Es wird Zeit, dass sich Grundlegendes ändert. Einer der Ersten, der dies erkennt, ist John Lipsky. Nicht weniger als die Neuordnung des Finanzsystems sagt der Vizechef des Internationalen Währungsfonds voraus. Und tatsächlich: Ohne die Lehman-Pleite hätten die vor sich hin dämmernden Türsteher vom Amt den Finanzmarkt nie so schnell gehandelt und den Schummersalon grell ausgeleuchtet, nie wären sie so tief bis in dessen letzte Winkel vorgedrungen.

Die Renaissance des Staates

Es ist das weitreichendste kulturelle Ergebnis der Lehman-Pleite: die Renaissance des Staates und seiner Institutionen, etwa der Notenbanken, die sich im Krisenmanagement extrem beweglich gezeigt haben. Das Schrumpfen der Banker von den "Masters of the Universe" zum "Part of the Universe". Die Wandlung des Staates vom willfährigen Türsteher zum Aufklärer und Aufräumer. Und die Erkenntnis: Der Staat kann das, zumindest national und wenn es um Noteinsätze geht.

Offen aber ist, wie weit die Staaten ein neues Gewaltmonopol auch auf internationaler Ebene schaffen und nutzen wollen. Die Suche nach Antworten folgt dem üblichen Schema: Aktionismus, die Debatte über neue Modelle, dann die Mühen der Praxis: Die Arbeit an Regulierungsdetails und neuen Leistungsanreizen, aufgepeppt mit Populismus.

Schon kurz nach dem Lehman-Schock ist Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy kaum zu bremsen und beruft einen Gipfel der führenden Wirtschaftsnationen ein, um die neue Weltfinanzarchitektur zu entwerfen. Und wohl auch, um den angelsächsischen Kapitalismus zu Grabe zu tragen.

Kasinokapitalismus ist out

Die Deutschen weiß Sarkozy zumindest dem Wort nach an seiner Seite. So preist die Sparbuchgarantie-Kanzlerin Angela Merkel im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Segnungen der sozialen Marktwirtschaft, die von der Welt übernommen werden sollten. Kasinokapitalismus ist jetzt out, die Vollkaskoversicherung ist in.

Im April schließlich trifft man sich in London - doch entschieden wird nichts. Seither bestimmt die Debatte die internationale Politik. Vielleicht passiert kommende Woche auf dem G20-Gipfel Entscheidendes. Vielleicht dauert es auch noch länger.

Die Welle rollt zwar, die Politik pocht auf ihre Gestaltungsmacht. Doch nach dem großen Wurf, dem "Grand Design" der neuen Aufsichtswelt sieht es nicht aus. Banken sollen ihre Kapitalspeicher vergrößern müssen, wenn sie riskant wirtschaften - eine Idee, die systemisch schon im Aufsichtsregime Basel II angelegt ist, das ausgerechnet die USA verhindern wollten. Die Bilanzierung soll weltweit vereinheitlicht werden, doch das hat noch nie geklappt. Und schärfere Grenzen für die Managerboni sollen her.

Am deutlichsten schimmert der neue Gestaltungswille der Politik und Notenbanker beim "Moral Hazard" durch: Wie kann verhindert werden, dass Banken so groß werden, dass der Staat sie retten muss, wenn er nicht das gesamte System gefährden will?

Beispiele in der Geschichte für staatlich befohlenes Schrumpfen von Konglomeraten gibt es: Standard Oil wurde 1911 auf Geheiß des Obersten Gerichtshofs zerschlagen. Aus der Telefonfirma AT&T entsprangen 1984 die sogenannten Baby Bells. Bei Finanzkonzernen ist die Sache komplexer, zu verzweigt sind die Geldströme, wie die Wochen nach der Lehman-Pleite zeigten. Und: Durch Übernahmen und Fusionen sind seit Beginn der Krise viele Banken, die "too big to fail" waren, noch viel größer geworden.

Vielleicht entscheidet sich an der Frage der Zwangsschrumpfung, ob Staaten willens sind, zu kooperieren und den Weltfinanzmarkt "weltzuregieren". Derzeit läuft die Politik Gefahr, in die Erholungsfalle zu tappen: Gefühlt läuft die Rezession gerade aus, die Banker verdienen wieder prächtig. 5,5 Mrd. $ Gewinn hat Goldman Sachs im ersten Halbjahr gemacht, die Boni pro Mitarbeiter könnten 2009 - rein rechnerisch - auf 770.000 $ steigen. Das wäre Rekordniveau.

Jenseits des vertrauten Geländes

Die Banken hoffen darauf, dass die Staaten bei der Aufsicht nicht zu streng sind - auch wenn ihre Chefs öffentlich anders reden. Nur wenn globale Regeln Spielräume lassen, können sie ihren Wettbewerbsvorteil nutzen. Denn nur sie verfügen über integrierte globalisierte Organisationen, nicht die Staaten. So lockt Aufsichtsarbitrage: Macht der eine Türsteher zu, öffnet sich nebenan schon der nächste Spielsalon. Es ist paradox; die Ökonomie der Politik macht internationale Koordination auf dem globalen Finanzmarkt so unwahrscheinlich. Das Krisenmanagement vor Ort honoriert der Wähler in jedem Fall. Das auf dem Weltmarkt nur vielleicht.

Die politischen Akteure haben zudem gelernt, wie anstrengend und riskant es ist, einzugreifen. Die Deutschen haben Commerzbank und Hypo Real Estate gerettet und ein Konjunkturpaket aufgelegt. Jetzt aber fehlt ein Plan, wie es weitergehen soll, die horrende Verschuldung verengt den Spielraum.

Zum Glück merken die politischen Akteure, dass sie ihr vertrautes Gelände verlassen haben. Sitzt das Misstrauen gegenüber Managern auch noch so tief, die Politik ist sich ihrer begrenzten Macht durchaus bewusst. Vielleicht ein guter Ausgangspunkt, um international einen Mittelweg zu finden zwischen Kasko und Kasino. Zwischen Regulierung, die den Markt erdrückt, und Aufsicht, die diesen Namen nicht verdient.

Den Beteiligten ist klar, dass sich auch nach Lehman wieder Blasen an Märkten bilden werden. Doch diesmal haben sie sich immerhin vorgenommen, wachsam zu sein.

FTD

Von:

Sven Clausen und Tim Bartz