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Lobbyismus Fragwürdige Industrie-Connection in Schadstoffkommission

In einer offiziellen Kommission, die Grenzwerte für Schadstoffe am Arbeitsplatz vorschlägt (Symbolbild), hat es den Verdacht auf fragwürdige Verbindungen zur Industrie gegeben
In einer offiziellen Kommission, die Grenzwerte für Schadstoffe am Arbeitsplatz vorschlägt (Symbolbild), hat es den Verdacht auf fragwürdige Verbindungen zur Industrie gegeben
© Mediaphotos / Getty Images
Zweifelhafte Verbindung: Die leitende Mitarbeiterin einer offiziellen Kommission, die Grenzwerte für Schadstoffe am Arbeitsplatz vorschlägt, betrieb eine Beratungsfirma für Industriekunden.

Im Gefolge der Diskussion über die Affenversuche der deutschen Autoindustrie kommen jetzt neue Informationen über die Verflechtung zwischen Wissenschaft und Industrie ans Licht. Im Mittelpunkt der Debatte steht der umstrittene Toxikologe Helmut Greim. Der 81-Jährige war der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des von den großen deutschen Autokonzernen getragenen Vereins EUGT, der die Abgastests an Javaneraffen in Auftrag gegeben hatte.

Jahrelang war der Professor auch Vorsitzender einer Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die gesundheitsschädliche Stoffe untersucht und Vorschläge für die "maximale Arbeitsplatz-Konzentration" macht – daher auch MAK-Kommission genannt. Die DFG wird vom Steuerzahler finanziert. Und auch die MAK-Kommission hat eine offizielle Funktion, denn ihre Empfehlungen können zu offiziellen Grenzwerten in der Gefahrstoffverordnung führen.

Als Greim im Frühjahr 2007 den Vorsitz der Kommission abgab, blieb seine Frau Heidrun – ebenfalls Wissenschaftlerin - Leiterin des Sekretariats dieser Kommission. Als solche ist sie an den inhaltlichen Arbeiten der Einrichtung beteiligt. Im Sommmer 2007 stieg Heidrun Greim nach Recherchen des stern außerdem als Teilhaberin und Mit-Geschäftsführerin bei der Firma einer Kollegin ein. Die Eurotoxis GmbH in Hannover bot Kunden "Beratung in toxikologischen Fragen" an, etwa für Chemikalien, Kosmetika und Arzneimittel. Diese Dienstleistungen bot die Firma ausweislich ihrer – inzwischen vom Netz genommenen – Website ausdrücklich auch für zahlende Interessenten aus der Industrie an. Erst nachdem Anfang 2016 ein anonymer Hinweisgeber die DFG auf diesen potentiellen Interessenkonflikt hinwies, stieg Heidrun Greim bei der Firma wieder aus. Das Unternehmen hat sich inzwischen aufgelöst.

Thematik in ihrer Tragweite unterschätzt

Die DFG räumte jetzt gegenüber dem stern ein, dass man während mehrerer Jahre von der Doppelrolle der Sekretariatsmitarbeiterinnen wusste, aber "die Thematik" damals "in ihrer Tragweite unterschätzt" habe. Eine Prüfung im Jahr 2016 lieferte angeblich "keine Anhaltspunkte", "dass einzelne MAK Werte seitens industrieller oder sonstiger Auftraggeber beeinflusst worden sein könnten". Jetzt hat die Forschungsgemeinschaft "auch aus altersbedingten Gründen" eine "zeitnahe Suche" nach einem Nachfolger für die 66-Jährige angeregt.

Ihr Arbeitgeber ist nämlich gar nicht die DFG, sondern das Institut in Karlsruhe, an dem auch die Vorsitzende der Kommission arbeitet, die Toxikologin Andrea Hartwig. Sie wusste laut DFG von Anfang an von der Doppelrolle ihrer Mitarbeiterin. Hartwig bestätigte auf Anfrage, dass sie seinerzeit die Nebentätigkeit bei Eurotoxis genehmigt habe, dies "unter der Prämisse, dass diese Nebentätigkeit inhaltlich deutlich von ihrer Haupttätigkeit im MAK-Kommissionssekretariat abgetrennt war und sie auch der DFG bekannt war". Die DFG wiederum will erst 2011 von der Nebentätigkeit erfahren haben, also vier Jahre nach ihrem Beginn. Im Jahr 2016 kam dann auch Hartwig nach eigenen Angaben zu einer "Neubewertung" der Konstellation.

Seit April 2017 gilt ausdrücklich ein Kodex der MAK-Komission, wonach "aufgrund der inhaltlichen Nähe der Aufgaben der Kommission zu den Aufgaben verschiedener Interessensverbände mit Bezug zu Arbeitsschutzthemen und der wirtschaftlichen Relevanz vieler Empfehlungen zu Recht ein besonders hohes öffentliches Interesse an der Arbeit der Kommission besteht und daher auch der bloße Anschein von Einflussnahme aufgrund von Interessenkonflikten die Glaubwürdigkeit der Arbeit der Kommission beschädigen kann".

Auch Heidrun Greim bestätigte dem stern, dass ihre Tätigkeit für die Beratungsfirma offiziell genehmigt war. Laut ihrer Schilderung hatte sie sich dann "aus persönlichen Gründen" im Jahr 2016 von der Firma Eurotoxis getrennt. Die Namen der Kunden des Unternehmens dürfe sie nicht weitergeben. Unter ihnen seien aber weder Automobilhersteller wie VW, Audi, Daimler und BMW gewesen, noch der Chemieriese Monsanto, für den ihr Mann ebenfalls bereits gearbeitet hat. "Wir haben strikt darauf geachtet, dass keine Interessenskonflikte entstehen können", sagte Heidrun Greim.

Toxikologe galt als industrienah

Helmut Greim galt seit Jahren als industrienah. Dennoch hatte ihm Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) noch vor zweieinhalb Jahren das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland überreicht. Sie hatte die Ehrung laut Bundespräsidialamt damals auch initiiert. Heute würde sie das offenkundig nicht mehr tun - und scheint es zu bedauern, dass man ein solches Verdienstkreuz nicht einfach so wieder aberkennen kann. Seit die Stickoxid-Tests mit Affen und Menschen bekannt sind, lässt die Ministerin jedenfalls "prüfen", so ihr Sprecher, "wie wir uns zu dieser Auszeichnung positionieren werden". Hendricks' Staatssekretär Jochen Flasbarth bat Greim bereits vergangene Woche per Brief um "Auskunft darüber, ob und inwieweit Sie als Leiter des Forschungsbeirats der EUGT in die Konzeption und Durchführung der Studien einbezogen waren".

"Es wird Zeit, dass Herr Greim aus dem Kreis der Bundesverdienstkreuzträger entfernt wird", forderte der Grünen-Abgeordnete Oliver Krischer.

Die Gasversuche der Autoindustrie an Affen und Menschen machen mich wütend! Und zwar völlig abseits der Diskussion, die jetzt geführt wird, über die Ethik der Wissenschaft sozusagen. Das hat ja noch einen ganz anderen historischen Hintergrund bei uns in Deutschland. In Gaswagen wurden die ersten Juden in den 40er Jahren vergast, als es noch keine Gaskammern gab. Da wurden nämlich Juden in geschlossenen Lkw eingesperrt, die Türen luftdicht abgeschlossen und dann wurden die Dieselabgase der Lkw hinten reingeleitet. Und diese Wagen fuhren so lange durch Ostpolen, bis die Menschen tot waren. Das müsste in diesem Land eigentlich bekannt sein! So viel Geschichtsbewusstsein müsste es hier geben! Und dass es in den Wissenschaftler-Teams - alles, oder überwiegend studierte Menschen - und in den Autokonzernen, diejenigen, die davon wussten, offenbar nicht einen einzigen gab, dem dieser klare, erschreckende Zusammenhang vor Augen stand, das ist eigentlich unglaublich! Das ist für mich die eigentliche Gas-Schande.
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