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Generationswechsel: SAP kehrt zur Doppelspitze zurück

Der größte europäische Softwarekonzern SAP bereitet den Wechsel an der Spitze vor. Der Aufsichtsrat ernannte am Mittwoch Vertriebsvorstand und Vize-Vorstandschef Leo Apotheker zum neuen Co-Chef neben Henning Kagermann.

Europas führender Softwarekonzern startet mit einem Generationswechsel in die Zukunft und hat erstmals einen Nichtprogrammierer an der Unternehmensspitze. Die Softwareschmiede greift zum bewährten Modell der Doppelspitze und stellt Vorstandschef Henning Kagermann den bisherigen Vertriebsvorstand Léo Apotheker als gleichberechtigten Manager an die Seite. In den Vorstand ziehen nach dem Beschluss des Aufsichtsrates vom Mittwoch außerdem drei neue Köpfe ein. SAP wird in der Führung damit nicht nur deutlich internationaler. Das Unternehmen läutet auch einen kräftigen Generations- und Strukturwechsel ein.

Vorstand verjüngt sich

Einmal war SAP bereits damit gescheitert, einen Verjüngungskurs im Vorstand herbeizuführen. Technikvorstand Shai Agassi war jahrelang als Kronprinz von Henning Kagermann gehandelt worden. Als der Vertrag von Vordenker Kagermann im vergangenen Jahr jedoch entgegen der Erwartungen um 15 Monate verlängert wurde, schmiss der damals 38- jährige Hoffnungsträger mit jüdisch-iranischen Wurzeln entnervt das Handtuch. Den Fehler, hochqualifizierten Nachwuchs zu lange in der zweiten Reihe versauern zu lassen, wollte der Walldorfer Weltmarktführer für Unternehmenssoftware offenbar kein zweites Mal machen.

Mit der Amerikaner Bill McDermott, dem Dänen Jim Hagemann Snabe und dem Belgier Ernie Gunst rücken nun drei Manager in das siebenköpfige Spitzengremium, die allesamt in den 40ern sind. Der 46-jährige McDermott leitet aktuell die Geschäfte in Amerika und Asien und wird zum 1. Juli in die Fußstapfen von Apotheker als Vertriebsvorstand treten. Der 48-jährige Gunst zeichnet noch für Europa und Afrika und soll künftig für die Effizienz des operativen Geschäfts und der 42 Jahre alte Däne Snabe für die Technik- und Produktentwicklung sorgen.

Neuer starker Mann kommt nach Übergangszeit

Alle drei Manager stehen neben fachlichen Qualitäten auch dafür, nicht in regionalen oder fachlich engen Schranken zu denken. Auf die Frage nach seinem zentralen Aufenthaltsort antwortete beispielsweise Snabe, der bislang die Aktivitäten von rund 4000 SAP-Entwicklern an 32 Standorten koordiniert: "Wenn mich jemand fragt, wo mein Hauptstandort ist, antworte ich: Lufthansa Platz 28."

Diese Einstellung müsste ganz nach dem Geschmack des künftigen starken Manns auf der SAP-Kommandobrücke sein: Léo Apotheker soll nach einer Übergangszeit von einigen Monaten nach dem geplanten Ausscheiden Kagermanns im nächsten Jahr die Geschicke von SAP leiten. Seit 2002 sitzt das 54-jährige Sprachtalent, das fließend Niederländisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Hebräisch spricht, im Vorstand der Walldorfer Softwareschmiede.

Erster Nichtprogrammierer an der SAP-Spitze

Bislang ist der gebürtige Aachener für den Vertrieb zuständig. Künftig muss der bekennende Frankreich-Fan, der an der Hebrew University in Jerusalem internationale Beziehungen und Volkswirtschaft studierte, auch die technischen Innovationen und die Produktentwicklung im harten Kampf um Marktanteile mit dem erbitterten Konkurrenten Oracle vorantreiben.

Dass dem Kosmopolit damit als erstem Nichtprogrammierer an der Spitze von SAP in der rund 36-jährigen Firmengeschichte auch Skepsis entgegenschlägt, ist nicht verwunderlich. Als die Nachricht über den Vorstandswechsel durchsickerte, soll das vor allem bei den Entwicklern für leichtes Grummeln gesorgt haben. Vorsorglich versicherte Apotheker dann auch, dass er künftig nicht mehr seinen beruflichen Lebensmittel in Paris, sondern vor allem im badischen Walldorf haben wird. An der Börse sorgte die Nachricht ebenfalls für gemischte Gefühle. Die Aktie rutsche kurz nach der Präsentation der Doppelspitze leicht auf 31,37 Euro ab.

DPA/Reuters / DPA / Reuters