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Politische Gewinner und Verlierer Merz, die Doppelspitze und Donald Trump - wer 2019 aufstieg und wer abstürzte


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Bei der CDU verhebt sich ein Einzelkämpfer (erneut), die Doppelspitze wird zum neuen Trend und in den USA erweist sich der Präsident als unbesiegbar. Für wen es 2019 aufwärts ging - und für wen steil bergab.

Mit großen Wahlereignissen konnte das Jahr 2019 nicht dienen, spannende politische Entwicklungen gab es trotzdem — national und international. Während in Finnland eine einzelne junge Frau an allen vorbei an die Spitze ihres Landes zieht, etabliert sich in Deutschland mehr denn je das Modell der Doppelspitze. Und Donald Trump kann sich ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl schon jetzt als Gewinner fühlen. Unser Überblick:  

Doppelspitzen, eine Finnin und Donald Trump - die Politik-Gewinner des Jahres:

Sanna Marin

Sanna Marin
Sanna Marin
© Alain Jocard / AFP

"Hallo zusammen, ich bin aufgeregt, hier zu sein." Mit diesen Worten stellte sich Sanna Marin jüngst beim EU-Gipfel ihren Kollegen und Kolleginnen vor – als Neuzugang in der Runde der europäischen Regierungschefs und als weltweit jüngste Ministerpräsidentin noch dazu. 34 Jahre ist Marin alt und wenn es ihr an etwas nicht mangelt, dann ist es sicheres und gewinnendes Auftreten. Außer Schweden werden nun alle skandinavischen Länder von Frauen regiert – was, wie so vieles in der Region, nicht so sehr ideologisch begründet ist, sondern an entspanntem Pragmatismus liegt.

Donald Trump

Donald Trump
Donald Trump
© Nicholas Kamm / AFP

Eigentlich ist die Rubrik Gewinner nicht die richtige für den US-Präsidenten. Aber angesichts dessen, was er alles hätte verlieren können in diesem Jahr und angesichts dessen, was er immer noch hat – den Posten des mächtigsten Mannes der Welt, ist er durchaus ein Gewinner. So sieht er sich ja ohnehin selbst. Vor einem Jahr untersuchte noch ein FBI-Team rund um Sonderermittler Bob Mueller mögliche Verbindungen nach Moskau von Trump und seinem Wahlkampfteam. Resultat: Sauber war das alles nicht, aber nicht schmutzig genug für eine Anklage. Jetzt untersucht die Opposition Trumps Rolle in der Ukraine-Affäre, es gibt sogar ein Amtsenthebungsverfahren. Doch dank seiner unbeirrbaren Parteifreunde im Senat wird "Teflon-Don" auch das überstehen. Und kann immunisiert gegen jede Art von Angriff in die kommende Wahl gehen.

Die Spitze der Grünen

Robert Habeck und Annalena Baerbock
Robert Habeck und Annalena Baerbock
© Guido Kirchner / DPA

"Dank Robert Habeck und seiner Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock schwimmen die Grünen auf der Erfolgswelle - nach dem besten Ergebnis aller Zeiten in Bayern stürzte sich der frühere Kinderbuchautor wie ein Rockstar von der Bühne in die Menge", das stand vor einem Jahr genau hier an gleicher Stelle. Der frühere Außenminister Joschka Fischer sagte im Frühling über sie: "Beide Parteichefs sind echte Rock'n'Roller." Und so drehen sie weiter auf. Fast überall im Land kommen die Grünen auf zweistellige Umfragewerte, und in Hamburg, wo im Februar gewählt wird, könnten sie stärkste Partei werden. Natürlich profitiert die Umwelt-Partei von der Angst vor dem Klimawandel, aber sie ist ebenso wählbar für Großstadt-Liberale, Speckgürtel-Konservative und frühere Sozialdemokraten vom Land. Habeck als Kanzlerkandidat? Mittlerweile ist selbst das kein Tabuthema mehr.

Die Spitze der SPD

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans
Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans
© John MacDougall / AFP

Um den Mangel an möglichen Nahles-Nachfolgern zu verwalten, hat die SPD ein ganzes halbes Jahr gebraucht. Herausgekommen sind die Basislieblinge Saskia Esken und Nobert Walter-Borjans, die die Partei mit einem Linkshauch wiederbeleben wollen. Doch eine Woche nach Amtsübernahme wird Esken mit Vorwürfen aus der Vergangenheit konfrontiert und die ersten Umfragen deuten darauf hin, dass die neue Spitze außerhalb der Sozialdemokratie noch sehr viel Überzeugungsarbeit wird leisten müssen.

Boris Johnson

Boris Johnson
Boris Johnson
© Lindsey Parnaby / AFP

Irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn mäandert der alte und neue britische Premierminister schon lange. Neu ist, dass er mit seinem Aberwitz ein beispielloses Wahlergebnis eingefahren hat. So stark wie jetzt war seine konservative Partei seit den 80er-Jahren nicht mehr. Was Johnson auch deshalb freuen dürfte, weil er zuletzt mit so gut wie jedem seiner Vorstöße gescheitert war. Das Votum der Briten ist aber auch ein Votum dafür, den Brexit nun endlich zu Ende zu bringen – womit der "Alleinherrscher" angesichts seiner absoluten Mehrheit keine Probleme haben dürfte. Ob damit der ganze Insel-Irrsinn vorbei ist, bleibt unklar. Denn sowohl die Nordiren als auch die Schotten werden und wollen den Ausstieg Großbritanniens aus der EU nicht einfach so hinnehmen. Gut möglich also, dass bald wieder der Wahnsinn um das "Genie" Boris Johnson herum tobt.


Wiederkehrer, eine Sozi und der Prinz - die Politik-Verlierer des Jahres:

Friedrich Merz

Friedrich Merz
Friedrich Merz
© Kay Nietfeld / DPA

Sein Comeback 2018 kam genauso überraschend, wie sein Zurück-auf-Los auf dem Parteitag Ende November. Spätestens da war klar, dass seine CDU ihn nur als "Teamspieler" (Kanzleramtschef Braun) duldet, aber nicht als Vortänzer. Und erst recht nicht als Ausbooter von Annegret-Kramp Karrenbauer. Gefühlt hatte ohnehin niemand auf die Rückkehr des Aufsichtsrats und Besitzers von zwei Flugzeugen gewartet – außer einer einigermaßen mittelgroßen Fraktion innerhalb der CDU, die seinen Namen weiterhin als Kanzlerkandidaten im Spiel hält. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Friedrich Merz noch Mal zum Sprung nach oben ansetzt. 

Andrea Nahles

Andrea Nahles
Andrea Nahles
© Bernd von Jutrczenka / DPA

"Sie hält sich vorerst nur deshalb im Amt, weil gute Alternativen Mangelware sind" – so war es an dieser Stelle vor einem Jahr zu lesen. Dennoch war am 2. Juni Schluss. Die SPD hatte soeben ein desaströses Ergebnis bei der Europawahl eingefahren, da gab Nahles auf, einige Monate später schied sie nach 21 Jahren auch aus dem Bundestag aus. "Die Geschichte 'Andrea Nahles als öffentliche Person' ist beendet", sagte sie in einem letzten Interview im Herbst. In der SPD-Zentrale in Berlin-Kreuzberg wird ihr nicht sonderlich nett gemeinter Beiname "Pippi Langstrumpf" wohl noch eine zeitlang durch die Flure geistern. 

Prinz Andrew

Prinz Andrew
Prinz Andrew
© Lillian Suwanrumpha / AFP

In der Netflix-Serie "The Crown" wird Prinzessin Margaret, die kleine Schwester von Queen Elisabeth, als schillerndes Irrlicht mit Hang zum Übermut gezeigt. Wie hätte sie auch anders werden können, als jemand, die ohne Aufgabe in einem goldenen Käfig aufwächst? Ganz ähnlich ergeht es offenbar ihrem Neffen Andrew, der Zweitgeborene der Königin. Das Leben des Herzogs von York bestand bislang eher aus einer Abfolge von (selbstverschuldeten) Pleiten, Pech und Pannen – stets abgefedert mit der Landung auf dem weichsten aller Kissen, dem der britischen Monarchie. Damit ist es nun vorbei. Nachdem bekannt wurde, dass er regelmäßiger Gast bei Jeffrey Epstein, dem Multimillionär und Betreiber eines Sexrings, war, entband ihn Mutter Elisabeth kurzerhand von allen offiziellen Aufgaben. Vom Top-Royal zum Privatier, das ist ziemlich selten in der Inselmonarchie. 

Recep Tayyip Erdogan

Politische Gewinner und Verlierer: Merz, die Doppelspitze und Donald Trump - wer 2019 aufstieg und wer abstürzte

Der türkische Präsident war noch nie ein Mann der leisen Töne. Zuletzt aber wirkte sein Lautsprech eher wie das Pfeifen im Walde. Nach gut 17 Jahren an der Spitze seines Landes erodiert die Unterstützung – und nicht zum ersten Mal ist es ein ehemaliger Getreuer, der ihm Konkurrenz macht: Ahmet Davutoglu, einst Ministerpräsident unter Erdogan und Chef der AKP, hat Anfang Dezember eine neue Partei gegründet. Sein Bündnis wolle sich gegen "autoritäre Tendenzen" wehren. Eine Anspielung auf Erdogan. Und mit dessen ehemaligem Wirtschafts- und Außenminister Ali Babacan kündigt bereits der nächste Ex-AKPler eine Parteineugründung an. All das könnte der Präsident noch verkraften, doch seit der Kommunalwahl im Frühling, bei der seine AKP in Istanbul nicht nur die erste, sondern auch die von Erdogan eingeforderte Nachwahl verloren hatte, scheint die Macht des 65-Jährigen endgültig zu bröckeln. Indiz für seine zunehmende Unsicherheit: "Jede Kritik und Empfehlung gilt ihm als Verrat und Feindseligkeit", wie Ahmet Davutoglu sagte. Zuletzt warf Erdogan dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron vor, eine "kranke Ideologie" zu verfolgen, weil dieser die Nato als hirntot bezeichnet hatte. "Lassen Sie erstmal Ihren Hirntod überprüfen", forderte Erdogan in Richtung Macron. Gewinner reden anders.


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