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Wahl in Großbritannien Johnson hat seinen Wahlkampf mit Lügen geführt – und ist damit durchgekommen

Daumen rauf: Boris Johnson und seine Lebensgefährtin Carrie Symonds
Daumen rauf: Boris Johnson und seine Lebensgefährtin Carrie Symonds
© Peter Summers / Getty Images
Boris Johnson hat einen Wahlkampf mit Slogans bestritten, die kaum das Niveau eines Discounter-Prospekts überstiegen haben. Egal. Es reichte, um die wichtigste Wahl Großbritanniens zu gewinnen.

Oh dear. Natürlich ist der Wahlsieg für Boris Johnson keine große Überraschung. Aber so hoch? So eindeutig? "Es ist so, als hätten die Truthähne für Weihnachten gestimmt", heißt es derzeit in England. Und es gibt andere, die sagen: "Dieses Wahlergebnis ist eher Jeremy Corbyns Niederlage, als dass es Boris Johnsons Sieg ist."

"Als hätten die Truthähne für Weihnachten gestimmt"

Was ist passiert? Rational ist es schwer zu begreifen. Obwohl man inzwischen überall in Großbritannien mehr oder minder weiß, dass Boris Johnsons Wahlkampf auf Slogans basierte, die kaum das Niveau eines Discounter-Prospekts überstiegen – sinngemäß: "Wir liefern einen Brexit, den Sie nur noch in den Ofen schieben müssen, dann ist er fertig" - es reichte offenbar, um eine Wahl zu entscheiden, die als eine der wichtigsten in Großbritannien galt. Und gilt. Denn was wird jetzt passieren? "Wir werden nicht den Brexit bekommen, den wir gewollt haben. Sondern den, den wir verdienen", fasst es ein Kommentator auf Twitter zusammen.

Das klingt fatalistisch. Und das ist es auch. Wieder und wieder hatte Boris Johnson schlicht darauf beharrt, den Brexit umzusetzen. Es reichte. Das reine Vorhaben an sich hat sich dabei längst verselbständigt. Es ging nicht mehr um die Grundideen, um eine ausgewogene Argumentation für das Für und Wider angesichts des Verbleibens in der EU. Nur noch um das Machen. Durchziehen. Get Brexit done.

Dass diese Position sich durchgesetzt hat, liegt nicht zuletzt an einer Opposition, die all dem nicht entschieden entgegengetreten ist. Die Labour Partei und ihr Anführer Jeremy Corbyn haben sich nicht klar zum Brexit positioniert und damit den Wählern keine Chance gegeben, über das abzustimmen, um was es eigentlich ging: ein zweites Referendum. Dafür sind sie abgestraft worden, selbst wenn sie andere wichtige Dinge thematisiert haben – an den Wählern ging es vorbei.

Was heißt das nun für Großbritannien?

Was heißt das nun für Großbritannien? Boris Johnson verspricht den Brexit zum 31. Januar. Einen fertigen Vertrag, den man nur noch kurz "in den Ofen schieben" müsse. Anders als seine Vorgängerin Theresa May kann Johnson dieses Vorhaben dank seiner Mehrheit im Unterhaus nun voranbringen. Der formale Austritt aus der EU kann besiegelt werden – der Rest bleibt Verhandlungssache mit der EU: "Get Brexit done" – das bedeutet auch in diesem Fall ein längerfristiges Verfahren.

Bis Ende 2020 kann bestenfalls das Abkommen über die Konditionen ratifiziert sein. Boris Johnson hat seinen Wahlkampf mit falschen Behauptungen geführt, teilweise mit Lügen und vor allem mit einer groben Vereinfachung der Sachverhalte. Geschadet hat es im nicht. Auch das gehört zu den Wahrheiten dieser Wahl.


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