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Türkei: Auf den Spuren von Ekrem Imamoglu, der Erdogan bei der nächsten Präsidentschaftswahl gefährlich werden könnte

Seine Anhänger lieben ihn. Er liebt die Demokratie. Der neue Bürgermeister von Istanbul sagt, seine Wahl sei erst der Anfang. Wer ist Ekrem Imamoglu?

Von Raphael Geiger

Türkei: Auf den Spuren von Bürgermeister Ekrem Imamoglu

"Alles wird sehr schön werden": Sein Wahlslogan prangt auf dem Bus, von dem Imamoglu zu den Massen spricht

Dieser Mann ist süchtig nach Menschen. Zwei Tage vor der Wahl, am Freitagabend, parkte sein Wahlkampfbus am Rand einer Hauptstraße. Ekrem Imamoglu machte eine Pause vor der nächsten Rede, der Verkehr zog an ihm vorbei, ein paar Passanten, vielleicht zehn, fünfzehn Menschen, blieben vor dem Bus stehen.

Kurze Zeit später sollte er wieder vor Tausenden sprechen. Er war gerade erst stundenlang durch Istanbul gefahren, hatte aus dem Busfenster heraus Kinder gedrückt und Frauen auf die Wangen geküsst, eine Rede am Bosporus-Ufer gehalten, seine Stimme heiser geschrien.

"Guten Morgen Istanbul"

Imamoglu hätte im klimatisierten Bus bleiben können, Wasser trinken, sich ausruhen. Aber auf einmal ging die Bustür auf, und er trat auf die Straße, in die schwülheiße Istanbuler Sommerluft. Jubel, Gedränge, jeder wollte ihn anfassen, jeder wollte ein Selfie. Und jeder kriegte eins.

Imamoglu sagt nie Nein. Wer ihn küssen will, bekommt Küsse, wer eine Frage hat, eine Antwort, und wer ihm nur in die Augen schauen will, dem schaut Imamoglu einen Moment lang in die Augen.

Eine Minute für den stern? "Yeah", sagte Imamoglu vor dem Bus. Warum sind Sie der richtige Mann für die Türkei? "The people, I love them", sagte er auf Englisch. "And they love me."

Imamoglu machte es vor, seine Fans machen es nach: Auf dem Eyüp-Sultan-Platz formen Anhängerinnen Hände zu Herzen

Imamoglu machte es vor, seine Fans machen es nach: Auf dem Eyüp-Sultan-Platz formen Anhängerinnen Hände zu Herzen

Ekrem Imamoglu, 49 Jahre alt, der neue Bürgermeister von Istanbul, ist schon jetzt viel mehr als das. Er hat die Wahl so klar gewonnen, dass Recep Tayyip Erdogan ihn fürchten muss. So einen Gegner hatte Erdogan noch nie. Imamoglu hat etwas an sich, was ihn bis ganz oben tragen könnte: Er ist ein Sieger. Die Türken nehmen ihm ab, dass er es ist, der den Präsidenten schlagen könnte. Wenn er bei der nächsten Wahl gegen ihn antritt, woran niemand mehr zweifelt.

"Guten Morgen Istanbul", begann die SMS, die alle Istanbuler im Dezember auf ihr Handy bekamen. "Ekrem Imamoglu, Bürgermeisterkandidat." Dann ein Link zu einer Website, die hieß: Wer ist Ekrem Imamoglu?

Ja, wer?

13.000 Stimmen Vorsprung

Sohn einer Familie vom Schwarzen Meer, die in den 80er Jahren nach Istanbul zog. Er war Bauunternehmer. Bürgermeister des Vororts Beylikdüzü, 40 Kilometer vom Zentrum entfernt. Mitglied der oppositionellen CHP, der Partei von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, die in den Erdogan-Jahren chronisch harmlos blieb.

Er kam von der Opposition, er hatte einen langen Nachnamen, wenn auch einen klingenden: Imamoglu, Sohn des Imams. Wenige trauten ihm zu, den AKP-Kandidaten zu schlagen, den Ex-Premierminister Binali Yildirim. Aber Imamoglu gewann knapp, mit rund 13.000 Stimmen Vorsprung, 17 Tage lang war er Bürgermeister. Bis Erdogan die Wahl annullieren ließ. Und Imamoglu damit ein Geschenk machte.

Er war jetzt ein Opfer. Einer, dem Unrecht geschehen war. Ein Underdog, der gegen die Mächtigen kämpfte, ein bisschen wie der junge Tayyip Erdogan.

Wo sein Bus steht, sammeln sich die Massen: Viele wollen Imamoglu berühren. Oder zumindest die Windschutzscheibe. Polizisten sorgen für Ordnung.

Wo sein Bus steht, sammeln sich die Massen: Viele wollen Imamoglu berühren. Oder zumindest die Windschutzscheibe. Polizisten sorgen für Ordnung.

Ein Auftritt in Eyüp vergangene Woche, einem der konservativsten Viertel der Stadt, wo für die Opposition nichts zu gewinnen war. Bisher. Aber auch hier füllte Imamoglu den Platz, das Publikum war gemischt: verhüllte Frauen neben anderen im Sommerkleid. Sie hielten Plakate hoch: "Du bist die Zukunft", oder: "Bruder Ekrem, Hoffnung der Türkei".

Sein Bus rollte in Schrittgeschwindigkeit durch die Menge, Polizisten mussten die Menschen wegdrängen, weil sie während der Fahrt die Frontscheibe berühren wollten, hinter der Imamoglu stand. Ein Einpeitscher schrie: "Ekrem Imamoglu kommt!" Die Leute sangen den Wahlkampfsong mit, der Refrain war sein Slogan: "Her sey çok güzel olacak" – alles wird sehr schön werden.

Leicht, optimistisch, verbindlich

Als er aufs Busdach stieg, war die Menge schon wie in Trance. "Die Liebe wird gewinnen", rief Imamoglu, er sagte das zweimal, dreimal, dann formte er die Hände zu einem Herzen, und im Publikum machten sie es ihm nach. "Alles wird sehr schön werden!", sagte er, immer wieder. Sein "Yes, we can". Es klingt leicht und optimistisch, auch verbindlich.

Irgendwann rief er nur noch: "Alles!" Und die Menge antwortete: "Wird sehr schön werden!" Plötzlich brüllte Imamoglu in den Chor hinein: "Oldu! Oldu! Oldu! Oldu!" Auf Deutsch: Es ist schon geworden. Schön geworden. Da fingen einige an zu weinen.

Der eigentlich eher ruhige Ekrem Imamoglu ist sein eigener Einpeitscher auf der Bühne, er legt sich in die Stimmung des Publikums, führt es durch die Rede, lässt keinen Moment Langeweile zu. In Eyüp sprach er viel über Allah. "Möge Gott ihnen Weisheit schenken", sagte er über seine Gegner. "Seht, ich bete sogar für sie." Anderswo zitierte er den Staatsgründer Atatürk, hier beruft er sich auf Fatih Sultan Mehmed, den osmanischen Eroberer von Istanbul: "Ein Führer erobert eine Stadt nicht nur, er gewinnt die Herzen ihrer Bewohner."

Wer ein Selfie möchte, bekommt eines. Wer geherzt werden will, bekommt Küsse auf die Wange: Der neue Bürgermeister hat keine Berührungsängste.

Wer ein Selfie möchte, bekommt eines. Wer geherzt werden will, bekommt Küsse auf die Wange: Der neue Bürgermeister hat keine Berührungsängste.

Die Menschen im Publikum bekamen kaum noch mit, was um sie herum passierte, sie starrten nur noch nach vorn, zu ihm, mit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Da war er, der Mann, den sie jahrelang herbeigesehnt hatten.

Ein großer Bruder, der sie in den Arm nimmt, sie tröstet, ihnen die Welt erklärt. Genau diese Rolle war es, die Erdogan bisher gespielt hat. Und nur er.

Einer, der ihnen ein Gefühl schenkt: Angstfreiheit.

Wie ist er der Mensch geworden, der er heute ist? Die Suche nach Antworten darauf führt nach Beylikdüzü, wo er bis heute wohnt. Dort leben Menschen, die ihn seit seiner Jugend kennen. Verwandte, Freunde, Parteikollegen.

Alles über Atatürk

Seine Familie führte in der Nähe von Trabzon am Schwarzen Meer einen Laden für Handwerksbedarf. Der Vater gehörte einer rechtskonservativen Partei an, die es heute nicht mehr gibt. Imamoglu selbst ging manchmal zu den Treffen von deren Jugendorganisation. Er besuchte die Koranschule und begleitete seine verhüllt gekleidete Mutter auf den Markt, wo sie Gemüse aus dem Garten verkauften. Als die Familie nach Istanbul zog, war Ekrem 17 und mit der Schule fertig. Er pendelte zwischen Istanbul und Zypern, wo er ein Wirtschaftsstudium anfing.

Imamoglus Biografie könnte die eines AKP-Politikers sein. Wenn er mit seinem Fußballverein trainierte, betete er manchmal hinter dem Tor. Sein Cousin Cemil erinnert sich, wie sie im Sommer zusammen im Laden des Vaters arbeiteten. Ekrem habe "immer nur über die Arbeit gesprochen", sagt Cemil. "Er schlug damals schon vor, einen Wohltätigkeitsverein zu gründen."

Er erinnert sich an Imamoglu als jemanden, der Jahre im Voraus plante. "Schon um 2000 wusste er, dass er mal als Bürgermeister kandidieren will." Der Vater gründete mit seinen Geschwistern ein Bauunternehmen, in das Ekrem später einstieg. Vorher machte er noch einen Köfte-Imbiss auf. "Er wollte einen Ort haben, um mit Geschäftsleuten in Kontakt zu kommen", sagt sein Cousin. "Denen verkaufte er dann beim Köfteessen seine Bauprojekte."

Aus allen Teilen der Bevölkerung: Büsra Buyukkiliç arbeitete als Wahlhelferin für Imamoglu. Die Abiturientin kommt aus einer AKP-Familie. 

Aus allen Teilen der Bevölkerung: Büsra Buyukkiliç arbeitete als Wahlhelferin für Imamoglu. Die Abiturientin kommt aus einer AKP-Familie. 

Imamoglu wurde ein Unternehmer, den man in Beylikdüzü kannte. Er spendete viel, engagierte sich im Vorstand des Fußballklubs. Er zeigte sich viel mit seiner Frau Dilek und ihren drei Kindern. Dilek, heißt es, sei politisch linker als er. Sie schrieb ihre Masterarbeit über ein feministisches Thema, aktuell promoviert sie. Laut ihrem Neffen war sie es, die ihn zur CHP brachte. Wenn du in die Politik gehst, soll sie gesagt haben, dann nur mit der CHP, sonst unterstütze ich dich nicht. Sein Cousin allerdings meint, er sei seiner Liebe zu Atatürk wegen eingetreten. "Ekrem sammelt sämtliche Bücher, die es über Atatürk gibt."

Beylikdüzü liegt weit weg vom Rathaus im Istanbuler Zentrum. Es ist eine Welt für sich, in der Imamoglu ungestört sein politisches Talent entdecken konnte. Auf dem Basar des Viertels stellt sich ein Gemüseverkäufer als Ferhat vor, er nimmt sein Handy heraus und sagt: "Schau! Das ist Herr Ekrem bei uns zu Hause, vor ein paar Jahren."

Ferhat hatte Imamoglu auf dem Markt kennengelernt, der gab ihm seine Karte. Als Ferhat seine Söhne beschneiden lassen wollte, aber kein Geld hatte, rief er Imamoglu an. Die Handynummer stand auf der Karte. "Er kam zu uns nach Hause", sagt Ferhat, "zusammen mit einem Arzt, der die Beschneidung durchführte."

Später, als Imamoglu in der Lokalpolitik anfing, trat Ferhat, der früher AKP gewählt hatte, zusammen mit seiner Familie in die CHP ein. Eine Partei, über die sie in seinen Kreisen früher sagten: Die sind nicht vom gleichen Blut.

Graswurzelbewegung

Imamoglu hat es geschafft, dass die Lager in der Türkei durchlässig geworden sind. Er spricht auch Menschen an, die immer Erdogan gewählt haben. In konservativ-religiösen Familien denken die Menschen auf einmal nach, ob der Kandidat der Opposition nicht der Bessere sei. Sie respektieren Imamoglu. Sie wissen, dass er betet und fastet, dass er kein Linker ist. Eher ein moderater Konservativer. Jemand, den sie gern als Schwiegersohn hätten.

Selbst Wähler, die der AKP noch treu bleiben, sehen Imamoglu nicht als Feind. Er löst keine Abscheu in ihnen aus, schon weil er Erdogan selten angreift. Und Erdogans Angriffe auf ihn laufen ins Leere, weil Imamoglu kein Feindbild abgibt.

Zum Gemüsehändler Ferhat Akin kam Imamoglu als Bezirksbürgermeister sogar nach Hause. Und bezahlte die Beschneidung seiner Söhne.

Zum Gemüsehändler Ferhat Akin kam Imamoglu als Bezirksbürgermeister sogar nach Hause. Und bezahlte die Beschneidung seiner Söhne.

Imamoglu begreift sich als Manager. Als einen Mann aus der Wirtschaft. Er übernahm den CHP-Ortsverein von Beylikdüzü, als die AKP den Bezirksbürgermeister stellte und sich ihrer Macht sicher war. Imamoglu stellte junge Leute ein, Schüler, Studenten. Er mietete ein neues Büro mit Rezeption und Rauchverbot. Sie sammelten Stichworte, die beschrieben, wie Imamoglu sich die Partei wünschte, etwa: transparent, frei von Vorurteilen, diszipliniert. Eine Graswurzelbewegung, die jeden Wähler einzeln ansprach.

Seine damalige Beraterin, Sirin Mine Kiliç, erzählt, wie er sich in die Politik stürzte: "Er arbeitete wie ein Bürgermeister, bevor er überhaupt Bürgermeister wurde." Zuerst besuchte er die konservativsten Viertel des Bezirks, wo die CHP vorher nie gewesen war. Damals wollte die CHP den Frauen das Kopftuch ausreden, Imamoglu umarmte die Frauen.

Verschwörungstheorien

Seine Helfer und er waren präsent im Viertel. Früh am Morgen standen sie an der Straße und boten Pendlern einen Tee und einen Sesamkringel an. Sie richteten in leer stehenden Häusern Gemeindezentren ein, die Familien für Hochzeiten und Beerdigungen gratis mieten konnten.

Imamoglu vervielfachte die Zahl der CHP-Mitglieder, er verwandelte den Ortsverein in eine Bewegung der guten Laune. Er gewann Frauen für die Partei, führte im Vorstand eine Quote: 50 Prozent. Und er tat, was er am besten konnte: mit jedem reden. Mit Mädchen in engen Jeans und solchen im schwarzen Schleier, mit Geschäftsleuten und Basarverkäufern, mit Rentnern und Studenten. Jeder bekam einen Moment mit ihm und seine Nummer. So entriss Imamoglu den Bezirk der AKP, wurde Bürgermeister. Fünf Jahre ist das her.

Seine Beraterin Kiliç beschreibt Imamoglu als einen auf Zahlen fokussierten Mann, der seine Arbeit "messen" möchte. "Er hört auf seine Leute", sagt sie. "Er sagt nie: Ich weiß." Was er tat, sei eine Revolution in der türkischen Politik: "Die funktionierte immer von oben nach unten. Ekrem macht Politik von unten nach oben."

Mit seiner Frau Dilek auf dem Weg zur Wahlurne am vergangenen Sonntag. Als Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit den Thema Frauen und Karriere.

Mit seiner Frau Dilek auf dem Weg zur Wahlurne am vergangenen Sonntag. Als Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit den Thema Frauen und Karriere.

Eine Abiturientin aus Beylikdüzü, Büsra, betrat in einem der letzten Wahlkämpfe ein CHP-Zelt. Aus Neugier. "Die Leute waren lustig und gut drauf", sagt sie. Einer aus Imamoglus Team lud sie in die Whatsapp-Gruppe der Partei ein. Büsra bekam Lust auf Politik.

Ihre Eltern wählten immer die AKP. "Meine Mutter hat nur AKP-Freundinnen", sagt sie. "Die schicken sich auf Facebook die ganzen Verschwörungstheorien." Wusstest du, fragte die Mutter neulich, dass Imamoglu Grieche ist? "Ich werde dann immer sarkastisch", sagt Büsra. "Sicher, Mama, habe ich geantwortet, die Griechen haben also die letzten Jahre Beylikdüzü regiert, ja?"

Büsra verbrachte ihre Abende in letzter Zeit an Bushaltestellen, wo sie Pendlern Imamoglu-Flyer in die Hand drückte. Sonntag war sie in einem Wahllokal und überwachte, dass die Ergebnisse korrekt eingetragen wurden, als eine von 100.000 Freiwilligen in der Stadt. Hätte Erdogan diese Wahl fälschen wollen, wäre es sofort aufgefallen.

Die Familie riet ihm ab

Imamoglus Cousin Cemil betreibt ein Restaurant ohne Alkohol, viele seiner Gäste sind deshalb Erdogan-Wähler. Manche fragen ihn: Warum ist Herr Ekrem eigentlich nicht in der AKP? Cemil erzählt, dass sie ihm in der Familie von der Kandidatur abgeraten hätten. "Wir sagten ihm: Das kannst du nicht gewinnen." Es ist der einzige Moment, in dem Cemil etwas Zweifelndes sagt. "Erdogan attackiert ihn jetzt. Ich hoffe, Ekrem hält diesen Druck aus, am Ende ist er auch nur ein Mensch."

Als die Wahlkommission Imamoglu seinen Sieg nahm, ließ sich sein Team für ihn einen neuen Titel einfallen: "gewählter Bürgermeister". Aus "Wo Imamoglu ist, ist eine Lösung" wurde: "Wo Imamoglu ist, ist Hoffnung". Vor der Wahl am 31. März hieß es: "Ende März beginnt der Frühling", jetzt: "Ende März begann der Frühling, am 23. Juni beginnt der Sommer."

Schlappe für Erdogan-Partei: Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu gewinnt Bürgermeisterwahl in Istanbul

Imamoglu besuchte Familien zu Hause zum Fastenbrechen, es war Ramadan. Er ging auf Märkte und sprach mit den Leuten, ohne eine Rede zu halten. Erdogan nannte er weiterhin "meinen gesegneten Präsidenten". Als er vor die Parteijugend trat, deutete er mit dem Zeigefinger auf sich selbst und rief: "Hier ist die Hoffnung!" Das rief er viermal, jedes Mal lauter, er schrie, er brüllte.

Erst jetzt, im zweiten Wahlkampf, wurde er zu dem Star, der er heute ist. Er steigerte sich selbst hinein in den Auftrag: das Unrecht nicht gewinnen lassen. Jetzt ging es nicht mehr um das Rathaus, sondern um die Demokratie. Istanbuler brachen für die Wahl ihren Urlaub ab. Sie spendeten Imamoglu so viel Geld, dass er die ganze Stadt plakatieren konnte. Er würde gewinnen, es war zu spüren. Der Oppositionskandidat war Favorit, in einem Land, in dem Menschen für Facebook-Kommentare ins Gefängnis kommen.

"Jetzt Istanbul. Als Nächstes die Türkei."

Tayyip Erdogan verbrachte den Wahlabend in der Villa des letzten osmanischen Sultans. Imamoglu fuhr nach Beylikdüzü, dort hielt er seine Siegesrede. Sprach von Liebe, Frieden, Respekt. Von Moral und Demokratie. Büsra, die Wahlkämpferin, rannte, damit sie es rechtzeitig schaffte. "Ein Feiertagsgefühl", sagt sie, "ich konnte mich kaum beherrschen. Erst haben wir Beylikdüzü gewonnen, jetzt Istanbul. Als Nächstes die Türkei." Büsra hatte auch persönlich etwas zu feiern: Ihr Vater hatte sich für Imamoglu entschieden. Wie 54 Prozent der Istanbuler an diesem Tag.

Ekrem Imamoglu, vor einem halben Jahr ein Lokalpolitiker, wird jetzt gefragt, ob er antreten wird bei der nächsten Präsidentschaftswahl, gegen Erdogan. Als er vor seinem parkenden Wahlkampfbus stand, gab er die Antwort.

"Dies ist der Anfang", sagte er.