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Geplanter Börsengang: Ist Facebook 100 Milliarden wert?

Dass Facebook im Frühjahr nächsten Jahres an die Börse geht, gilt als ausgemacht. Aber wie sehr lohnt sich ein Aktienkauf? Viele Experten halten das soziale Netzwerk für überbewertet.

Von Ina Linden

Der Ruf des weltweit größten sozialen Netzwerkes könnte besser sein. Facebook gerät immer wieder ins Visier von Datenschützern - im Sommer hatte zuletzt der "Gefällt mir"-Button für Aufregung gesorgt, da das Plug-In Daten über den Besuch von Internetseiten speichert, ohne dass der Benutzer vorher gefragt wurde.

Dennoch hat der Internetgigant eine ähnliche Ausnahmestellung wie die Suchmaschine Google. Das Netzwerk hat nach eigenen Angaben weltweit 800 Millionen Nutzer und wächst seit Jahren rasant. Während der Markt in Nordamerika und Kanada als gesättigt gilt, will Facebook in Europa kräftig weiter wachsen. Und braucht dafür natürlich Geld. Das soll nun offenbar der Börsengang einspielen. Laut Informationen des "Wall Street Journals" sitzt Facebook-Chef Mark Zuckerberg in den Startlöchern und will zwischen April und Juni 2012 aufs Parkett stürmen und 10 Milliarden Euro einnehmen. Damit würde Zuckerberg den größten Börsengang eines IT-Unternehmens starten. Zum Vergleich: Den Rekord hält die Industrial und Agricultural Bank of China mit 22,9 Milliarden Dollar, Google sammelte im August 2004 rund 1,9 Milliarden Dollar ein. Wie das "Wall Street Journal" weiter schreibt, könne der Antrag bei der US-Börsenaufsicht könne noch in diesem Jahr gestellt werden, der 27-jährige Gründer habe aber noch nicht endgültig entschieden.

Aber wie viel ist Facebook wert? Da dass Unternehmen bisher über seine Geschäftszahlen schweigt, existieren nur Schätzungen. Und die könnten mit Zahlen zwischen 15 und 100 Milliarden Dollar kaum weiter auseinanderklaffen. Bereits im Juni war in einem Medienbericht die Zahl 100 Milliarden aufgetaucht - jetzt schreibt das "Wall Street Journal", Zuckerberg halte seine Firma für exakt so wertvoll. Analyst Marcus Silbe von Close Brothers Seydler Research hält die Zahl nach den bislang geschätzten Umsatz- und Gewinnzahlen für viel zu hoch: "Ein realistischer Wert liegt bei 20 bis 30 Milliarden Euro", so Silbe. "Dann hat man noch Luft nach oben für Investitionen", so der Analyst im Gespräch mit stern.de. Er glaubt nicht, dass Facebook das gigantische Wachstum der vergangenen Jahren fortführen kann. In Nordamerika und Kanada sei der Markt für neue Nutzer bereits gesättigt. Auf China könne man wegen der Zensur des Regimes nicht bauen. "Es ist fraglich, ob Facebook überhaupt auf eine Milliarde Nutzer kommt", so Silbe.

Analysten warnen vor der Facebook-Blase

Sollte Facebook tatsächlich viel weniger wert sein, droht eine Spekulationsblase. Die Züricher Wissenschaftler Peter Cauwels und Didier Sornette hatten den Wert des sozialen Netzwerkes bereits im Juni auf 15 bis 33 Millarden Dollar geschätzt und vor einer Blase gewarnt. Die Finanzmathematiker errechneten, dass sogar bei einem Sprung auf 2 Milliarden Nutzer der Wert lediglich 32,9 Milliarden Dollar betragen würde. Facebook-Investor Goldman Sachs hatte das Netzwerk im Januar auf 50 Millarden Dollar geschätzt.

Neben der Höhe der Bewertung sorgt auch der Zeitpunkt des Börsengangs für Uneinigkeit. Das Klima dafür könnte angesichts der schwachen US-Wirtschaft und der Schuldenkrise in Europa besser sein. Zudem zeigt die Entwicklung um die Schnäppchen-Website Groupon gerade, wie auch ein als Triumph gefeierter Börsengang für Investoren mies ausgehen kann. Die Groupon-Aktie ist seit gut einer Woche auf Talfahrt und verlor allein am Montag neun Prozent und liegt nun bei 15,24 Dollar. Eingestiegen waren Anleger Anfang November mit 20 Dollar. Auch für das amerikanische Karrierenetzwerk Linked in könnte es besser laufen. Der Preis für die Aktie fiel von zwischenzeitlich 90 auf 60 Dollar.

Lars Dannenberg, Analyst der Berenberg Bank, hält den Zeitpunkt dennoch für richtig. "Durch die 800 Millionen Nutzer hat Facebook die Grundlage geschaffen für Wachstum in alle Richtungen", so Dannenberg. "Da Facebook weiter waschen will, ist ein Börsengang eine logische Konsequenz, um dieses Wachstum zu finanzieren", sagt der Analyst.