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HANDEL: Ikea setzt auf den Osten

Ginge es nach der Zahl der Astlöcher im IKEA-Regal »Ivar«, dem wackeligen Klassiker für den Hobbykeller, wäre der Produktionsstandort Russland schon heute Spitze.

»Das russische Holz ist viel gleichmäßiger gewachsen als das in Schweden«, schwärmt der Ikea-Generaldirektor für Russland, Lennart Dahlgren (59), in Moskau. Mit dem Bau von gigantischen Einkaufszentren in Moskau, der Eröffnung von Möbelhäusern bis nach Sibirien und einer intensiven Warenproduktion im Land hat der schwedische Möbelkonzern in Russland Großes vor.

Sensationeller Erfolg

Mehr als 600 Millionen Dollar sollen in den nächsten Jahren in Russland investiert werden. Das Startkapital kam bislang von Ikea-Deutschland. Die Projekte in der Zehn-Millionen-Metropole Moskau stellen schon heute bisherige Ikea-Rekorde in den Schatten. Die beiden bislang eröffneten Einrichtungshäuser vor den Toren der Stadt ziehen mehr Besucher an als jeder andere der weltweit 150 Ikea-Läden. Beim Umsatz können die Moskauer Filialen mit den bestlaufenden Häusern in Deutschland mithalten.

Jährlich vier Millionen Kunden

Jeweils vier Millionen Kunden drängeln sich pro Jahr durch die Gänge der Läden in Chimki und Tjoply Stan auf der Suche nach den Billy-Regalen, dem Poäng-Sessel und dem Wasserglas »Svalka«. Letzteres bedeutet im Russischen »Müllkippe« und sorgt für entsprechende Erheiterung bei den Kunden. »Unsere Produktnamen sind international gültig, die können wir nicht einfach ändern«, erklärt Dahlgren. Das ist in Russland auch gar nicht nötig, denn das Wasserglas »Müllkippe« verkauft sich sehr gut.

Bedarfsorientierter Einkauf

Im Gegensatz zu den Kunden in Deutschland, die Ikea auf der Suche nach etwas Neuem ansteuern, handelt der russische Käufer bedarfsorientiert. Er sucht das erste Bettsofa oder die ersten Stühle für seine neue oder renovierte Wohnung, berichtet Dahlgren.

Astronomischer Grundstückspreis

Ikea-Gründer Ingvar Kamprad träumte schon von einem Engagement in Russland, als Moskau noch die Hauptstadt der Sowjetunion war und im Kreml die Kommunisten saßen. Er sei bereit, auch zehn Jahre lang Geld in Russland zu verlieren, um sich den Markt zu sichern, sagte Kamprad im August in einem Zeitungsinterview. Der Anfang war hart. »Die Moskauer Stadtregierung forderte für Grundstücke fünf Mal höhere Preise als in New York«, erinnert sich Dahlgren. In den nächsten Jahren sollen in Moskau insgesamt fünf bis sechs Möbelhäuser stehen. Dann wäre der Umsatz allein in der russischen Hauptstadt höher als in allen Ikea-Möbelhäusern in Schweden zusammen.

Klotzen, nicht kleckern

Ikea will in Moskau klotzen, nicht kleckern. »Für Russland nur das Beste, was man sonst in London oder New York baut«, sagt Dahlgren, einst auch Ikea-Chef in Deutschland. Neben dem Möbelhaus in Tjoply Stan baut Ikea derzeit auf einer Fläche von 200.000 Quadratmetern eines der größten Einkaufszentren Europas. Im Innenstadtbereich soll das Filetstück entstehen, Ikeas größtes Möbelhaus überhaupt. Die Verhandlungen laufen noch, auf dem bestens gelegenen Gelände steht bislang noch eine Wäscherei der Präsidialverwaltung von Staatsoberhaupt Wladimir Putin.

Unternehmen in Familienbesitz

Geplant sind weitere Einrichtungshäuser unter anderem in den Wolgastädten Kasan und Nischni Nowgorod sowie in den sibirischen Millionenstädten Omsk und Nowosibirsk. Ursprünglich sollte St. Petersburg, Putins Heimatstadt, der zweite Standort in Russland werden. Doch die Verhandlungen mit den Behörden waren beschwerlich. Als finanzstarkes Unternehmen im Familienbesitz hat Ikea die Ausdauer, auch längere Durststrecken überstehen können, ohne sich dem Druck von profitorientierten Anteilseignern beugen zu müssen.

Hohe Einfuhrzölle

Sorgen bereiten dem Unternehmen die hohen Einfuhrzölle in Russland. »In der Regel 25 Prozent, bei manchen Waren bis zu 80 Prozent, das ist verrückt hoch«, sagt Dahlgren. Deshalb soll so schnell wie möglich der Anteil russischer Waren im Sortiment erhöht werden. »Russland verfügt über Holz, Öl für die Plastikherstellung sowie über Metall und hat damit alles, was wir brauchen«, betont Dahlgren.

Weniger Reklamationen bei russischer Ware

Möbel, Textilien, Gläser und Porzellan aus Russland stehen derzeit ganz oben auf der Wunschliste. Eine erste eigene Möbelfabrik bei Petersburg stellt bereits einfache Tische, Stühle und Regale her. Vor einigen Jahren kamen nur 0,5 Prozent aller weltweit verkauften Ikea-Produkte aus Russland. Dieser Anteil soll so bald wie möglich auf fünf Prozent steigen. Bislang haben die Manager sehr gute Erfahrungen mit ihren russischen Partnern gemacht. »Bei russischen Warenlieferungen gibt es weniger Reklamationen als sonst in der Welt«, betont Dahlgren.

Stefan Voß