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Indonesien: Der Fluch des grünen Goldes

Es ist eine bittere Ironie: Indonesien opfert immer mehr Wälder, um Palmöl zu gewinnen, damit die reichen Länder ihr Ökogewissen beruhigen können. Das "grüne Gold" ist für die Indonesier ein wichtiges Nahrungsmittel. Doch auch wenn überall die Palmen wuchern - billiger wird das Fett nicht. Im Gegenteil.

Von Christina Schott

"Mir geht es gut hier", sagt Pak Suriansyah mit einem breiten Lächeln, "ich habe alles, was ich brauche." Zufrieden sitzt der 64-Jährige in seinem neuen Holzhaus unter Gummibäumen, deren Erträge ihm ein gutes Auskommen ermöglicht. Er lehnt an zwei großen Reissäcken - Ernte vom eigenen Feld. Seine Frau Minangsih bereitet das Essen zu: Cassava, Chili, Auberginen und Gurken wachsen im Garten, die Hühnerhorde unter dem Stelzenhaus liefert die Eier dazu und gelegentlich auch Fleisch. Ansonsten gibt es Fisch aus dem Fluss hinter dem Haus. "Eigentlich müssen wir nur Kaffee und Zucker kaufen", erklärt der vierfache Vater und Großvater.

Das Grundstück von Suriansyah wirkt wie ein Biotop. In seinem Dorf ist er der einzige, der noch selbst Land besitzt. Rund um seine sieben Hektar Land erstreckt sich eine endlose Plantagenlandschaft: Ölpalmen so weit das Auge reicht. 26.000 Hektar Land hat die Firma PT. Bumitama Gunajaya Agro im Bezirk Pundu in der indonesischen Provinz Zentralkalimantan bereits aufgekauft. Die Tochterfirma der malaysischen IOI Corporation produziert hier den Rohstoff für europäischen Biodiesel. Immer weiter fressen sich die Pflanzungen in das Innere von Borneo, der drittgrößten Insel der Welt.

Anbau wird auf Indonesien ausgeweitet

Der Palmölverbrauch hat sich in den letzten zehn Jahren weltweit etwa verdoppelt. Bislang wurde das billige Pflanzenöl vor allem in Margarine, Streichkäse, Seife und Lippenstiften weiterverarbeitet, doch seitdem die EU, die USA und nun auch China eine Quote für Biobrennstoffe festgelegt haben, ist der Markt geradezu explodiert. Um von dem rasant steigenden Bedarf zu profitieren, will die indonesische Regierung die Anbaufläche in diesem Jahr auf 8,4 Millionen Hektar ausweiten, das sind drei Millionen Hektar mehr als im Jahr 2004. Langfristig sind bereits 20 Millionen Hektar verplant - das entspricht einer Fläche fünfmal so groß wie die Schweiz.

Da die Plantagen auf der Insel Sumatra in absehbarer Zeit an ihre natürlichen Grenzen stoßen werden, konzentriert sich der Anbau jetzt auf Kalimantan, den indonesischen Teil von Borneo. Dazu müssen nicht nur die letzten großen Regenwälder Südostasiens weichen, sondern vielerorts auch der traditionelle Anbau von Reis, Cassava, Erdnüssen, Chili und anderen Nutzpflanzen. Reis, Zucker und Soja muss Indonesien bereits importieren, weil der eigene Anbau nicht ausreicht, um die 230 Millionen Einwohner zu versorgen. Die Preise für viele Grundnahrungsmittel sind dementsprechend gestiegen. Im Februar demonstrierten Zehntausende in Jakarta, weil die Preise für Soja sich in nur einem Monat verdoppelt hatten, für einen Großteil der Indonesier die wichtigste Proteinquelle. Weil die Landwirte in den USA, dem Hauptimporteur von Soja nach Indonesien, mittlerweile bessere Erträge mit Rohstoffen für Bioethanolen erzielen, ist der Anbau von Soja als Lebensmittel stark zurückgegangen und die Preise im vergangenen Jahr um 125 Prozent gestiegen.

Während die staatliche Logistikbehörde die Preise für Reis momentan noch künstlich stabil zu halten versucht, kostet das wichtigste Nahrungsmittel des Landes auf vielen lokalen Wochenmärkten bereits bis zu 25 Prozent mehr als im vergangenen Jahr: Kleinbauern verdienen besser, wenn sie ihre Ernte direkt verkaufen, als sie zu den ebenfalls niedrig gehaltenen, offiziellen Ankaufspreisen über den Staat vermarkten zu lassen.

Ironischerweise ist ausgerechnet der Preis von Pflanzenöl ebenfalls explodiert: Während Indonesien im vergangenen Jahr Malaysia als weltgrößten Palmölproduzenten abgelöst hat, ist es zugleich auch der zweitgrößte Verbraucher des "grünen Golds". Für einen Großteil der indonesischen Bevölkerung, von der etwa die Hälfte mit nur zwei Dollar am Tag auskommen muss, ist Fleisch unerschwinglich. Pflanzenöl ist daher oft die einzige Fettzufuhr in der täglichen Nahrung. Weil durch die ansteigende Nachfrage immer mehr des wertvollen Rohstoffs exportiert wird, ist der Preis für Bratöl im Inland im vergangenen Jahr um rund 50 Prozent gestiegen.

Exportsteuer soll Inlandverkauf wieder attraktiver machen

"Ist das nicht paradox?" fragt Julkifli, der in Zentralkalimantans Provinzhauptstadt einen Markstand betreibt. "Um uns herum sind überall Ölpalmen, aber die Raffinerien sind auf Java - und das meiste wird von dort exportiert. Bis der Rest wieder bei uns ankommt, ist das Öl so teuer, dass es sich bald kaum noch jemand leisten kann. Gerade erst hatte ich einen Kunden, der wieder gegangen ist, nachdem ich ihm die neuen Preise genannt habe."

Unter dem akuten Druck der aktuellen Nahrungsmittelkrise hat die indonesische Regierung nun eine Exportsteuer von 20 Prozent für Palmöl festgesetzt, um den Inlandsverkauf wieder attraktiver zu machen. Auch Qualitätsreis darf erst wieder exportiert werden, wenn die Vorräte für die eigene Bevölkerung ausreichend aufgefüllt sind. Und Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono hat angekündigt, dass sieben Millionen Hektar ungenutztes Land für die Lebensmittelproduktion kultiviert werden sollen. Wo diese zusätzliche Landmasse bei all den verplanten Gebieten für die Palmölproduktion herkommen soll, hat er allerdings nicht gesagt.

"In Zentralkalimantan, einem der wichtigsten Lebensräume der letzten Orang Utans, gibt es heute schon 1,2 Millionen Hektar Palmölplantagen, etwa die Hälfte gerade erst mit jungen Palmen bepflanzt", berichtet Nordin, Gründer der Umweltorganisation "Save Our Borneo". "Insgesamt sind in der Provinz bereits 4,5 Millionen Hektar Anbauflächen verplant, 70 Prozent davon auf Waldflächen."

Indonesien auf drittem Platz der Klimasünder

Nach einer Studie von Greenpeace hat Indonesien seit 1990 28 Millionen Hektar Regenwald zerstört - damit ist das Land Rekordhalter im Abholzen seiner Wälder. Auch das Umweltprogramm er Vereinten Nationen UNEP bestätigt, dass Palmölplantagen der Hauptgrund für die Waldzerstörung in Indonesien sind. Häufig werden durch Brandrodung die meterdicken Torfflöze unter den Wäldern angezündet. Dadurch werden jährlich allein in Indonesien 1,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freigesetzt - das entspricht dem Jahresausstoß von Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen. Waldbrände sind nach dem weltweiten Verkehr der zweitgrößte Klimakiller und haben Indonesien nach China und den USA auf den dritten Platz der Klimasünder katapultiert.

Der letzte Rest des Regenwalds von Pundu wurde 2006 zerstört - durch ein Feuer. "Ob da jemand nachgeholfen hat, ist eigentlich egal. Die Palmölplantagen hätten den Wald sowieso bald aufgefressen", meint Pak Suriansyah. "Der Preis für einen Hektar Land hat sich hier in den letzten 15 Jahren verdreißigfacht. Trotzdem will ich nicht verkaufen - von was sollen wir denn leben, wenn das Geld einmal aufgebraucht ist? Solange wir dieses Land haben, können wir uns selbst ernähren", erklärt der willensstarke Landwirt.

So viel Durchhaltevermögen hatten die Bewohner des Dorfs Lempasa im rund 200 Kilometer entfernten Bezirk Sembuluh nicht. Hier erstrecken sich mehr auf mehr als 100 Kilometern (280.000 Hektar) die Palmölplantagen der in Singapur ansässigen Wilmar Group. "Bevor die Ölpalmen kamen, haben wir hier vom Wald, vom Fluss und von unseren eigenen Pflanzungen gelebt. Heute bleibt uns nichts anderes übrig, als in den Plantagen zu arbeiten - für ein Fünftel unseres früheren Einkommens", berichtet Syahroni. Der Familienvater sitzt kettenrauchend in seiner Stelzenhütte am Ufer des Sembuluh-Sees. Sein bescheidenes Einkommen versucht er mit Fischfang aufzubessern, doch auch das wird immer schwieriger: "Die Hälfte der Fische, die wir aus dem See holen sind tot. Das kommt vom Dünger die die Plantagen in den See leiten", erzählt er. "Alles müssen wir jetzt teuer im Laden kaufen, selbst das Öl, das hier wächst."