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Internet-Start-Up: Vom Schweinestall zur Weltspitze

Wie sieht man aus, wenn man an die Weltspitze will? Ziemlich cool. Fridtjof, Christian und Matthias arbeiten hart, bieten Homepages für Jedermann an und nehmen den ganzen Web-2.0-Hype echt locker. Im Gespräch mit stern.de erklären die drei Ostfriesen, wie sie die Welle reiten.

Lüdingworth, ein kleines Dorf in Ostfriesland. Der Herbststurm treibt die Wolken über das moosbedeckte Dach des alten Hofes, bedrohlich streichen die Äste über das Dach. Alles schläft, nur im alten Schweinestall brennt noch Licht. Fridtjof Detzner und Christian Springub programmieren. Tagelang, nächtelang bauen sie Internetseiten für Bekannte und kleine Firmen aus der Region. Nebenbei gehen sie zur Schule.

Acht Jahre später sind die Jungs aus Lüdingworth nach Hamburg Bahrenfeld umgezogen und aus zwei sind drei geworden. Nach dem BWL-Studium kam Matthias Henze dazu. Zusammen sind sie "Jimdo". die Plattform auf der jeder, aber auch wirklich jeder innerhalb von Minuten seine eigene kostenlose Homepage zusammenbauen kann.

Mit dem Hype um Web 2.0 kam der zweite Schub der Start-Ups. Jimdo steht unmittelbar vor dem Einstieg von Großinvestoren und damit vor dem großen Durchbruch. Von der hektischen Nervosität des einstigen Börsenfiebers ist bei der neuen Generation der Beinahe-Millionäre nichts zu spüren. Auf dem Tisch steht Tüten-Zucker der Billigmarke. Alle warten auf Fridtjof, der ist noch zu Hause "in Cux" (Cuxhaven) der Wagen wollte nicht anspringen. Dafür kommt Christian pünktlich. "Will einer was von dem Brötchen haben?" Rhetorische Frage, Christian schiebt Brötchen und Hörnchen zu sich rüber und frühstückt erstmal, Matthias übernimmt das Gespräch. Die Espresso-Maschine im Büro ist hin, dafür gibt es Melitta-Plörre.

Matthias und Christian, ihr habt gleich zwei Firmen?

Matthias: Unser Konzept bei NorthClick ist die "einfache Pflege von Webseiten" für kleine Unternehmen. Unser Content Management System ist extrem einfach. Das ist die eigentliche Innovation. Das kann jeder pflegen, ohne zu einer Agentur zu gehen. Unsere erste Firma "NorthClick" richtet sich an Geschäftskunden, das vermieten wir für 29 Euro im Monat. Mit "Jimdo" verschenken wir im Grunde Webseiten. Jeder kann sich mit Jimdo kostenlos eine eigene Webseite gestalten.

Christian: NorthClick haben wir damals noch im Stall gegründet. Da war noch ein Schwein mit dabei.

Matthias: Wir haben alle früh angefangen. Fridtjof und Christian hatten schon die Agentur aus der Schulzeit. Ich habe nach dem Studium auf dem Bau und im Call-Center gearbeitet. So konnten wir uns über Wasser halten. Die Jungs haben ein halbes Jahr entwickelt und ich habe das Geschäftsmodell gemacht. Dann haben wir noch einen Wettbewerb gewonnen und 18.000 Euro bekommen. Das war unser Startkapital.

Das ist ja nicht viel Geld. Und damti kam der Erfolg?

Christian: Das dachten wir zumindest, damals hatten wir ja null Ahnung. Wir haben so geplant: Unser Produkt ist super, das braucht jeder. Also kauft das auch jeder. Und so sah unsere Kurve auch aus, nach zwei Jahren wären wir mehrfache Millionäre gewesen. Aber schnell war klar: "Mmmh, nur ein gutes Produkt reicht offenbar nicht."

Fridtjof: Das war eine harte Ernüchterungsphase. Wir haben die Ziele alle nicht erreicht, kein Stück. Damals mussten wir echt mit uns kämpfen.

Inzwischen habt ihr Kunden wie die CDU und den Bundesverband der Unternehmensberater. Wie habt ihr das hinbekommen?

Matthias: Da haben wir mächtig Stoff gegeben, um Kunden zu kriegen.

Christian: Bei der CDU ging das fast von allein, die haben uns eingeladen. Also haben wir schnell einen Anzug von Papa angezogen. Das war dann cool zu sehen, wie die keine Scheu davor gehabt haben, dass wir etwas anders aussehen.

Fridtjof: Unsere Kunden sehen meist streng nach Business aus. Zuerst hatten wir Angst, dass das bei uns mit dem Anzug immer mehr wird. War aber nicht. Jetzt ziehen wir fast nie Anzüge an.

NorthClick ist also eure Firma für Unternehmen. Und was macht Jimdo?

Matthias: Wir haben gesehen, unsere Software kann noch mehr, das wollten wir ausprobieren. Homepage-Baukästen gibt es vermutlich Tausende. Aber was es international gibt - da können wir locker mithalten.

Christian: Wir senken für Privatleute die Schwelle extrem ab, um deren Sachen individuell im Netz darzustellen. Bei uns bist du nicht an eine Einheitsstruktur gebunden - du kannst das machen, wie du willst. Die Bandbreite der Seiten ist riesig. Von der Zucker-Seite aus Berlin, ein Kanadier der über den Atlantik rudert und und und.

Fridtjof: Wir sind der perfekte Baukasten. Man kann seine ganze Inhalte an einen Ort ablegen, und das so gestalten, wie man will. Ob Reisebilder, Musik, dein Hobby - unsere Bandbreite ist enorm. Und das Coole ist: Die Seiten sehen alle anders aus! Wir machen jetzt ein paar Tools, damit man die Seiten miteinander verbinden kann. Aber das Community-Ding steht bei uns nicht im Vordergrund. Das Zentrale ist die eigene Seite.

Matthias: Du musst nur deinen Usernamen und deine Mailadresse angeben, dann kriegst du einen Link, und das ist dann deine eigene Jimdo-Seite. Die ist komplett fertig, mit Struktur und Bildern. Da ist ein Login-Button und dann kannst du da ran gehen. Beim Bearbeiten sieht die Seite genauso aus wie live - da ist keine Abstraktion nötig.

Fridtjof: Das ist ein Spieleffekt, das macht eben Spaß und nervt nicht. Du kannst auf dem Sofa sitzen und machst auf der linken Backe deine eigene Seite.

Ihr gebt die Software umsonst raus, wie rechnet sich das?

Matthias: Bei uns gibt es auch ein Bezahl-Paket für fünf Euro im Monat. Dann hat man kein "Jimdo"-Logo auf der Seite und keine Werbung, ein paar Features mehr und man bekommt seine eigene Domain. Das kostet 5 Euro im Monat.

Fridtjof: Webseiten fressen ja kaum Ressourcen, wenn man sein Handwerk versteht. Da geht ungeheuer etwas auf eine Maschine rauf, bevor die ächzt. Die Kosten pro Nutzer sind daher wahnsinnig gering. Durch die Effizienz unserer Software rechnen sich auch kleine Werbeeinahmen.

Matthias: Unsere Zahlen entwickeln sich schon im Schneeball-Effekt. Zuerst waren es 50 neue Nutzer am Tag, dann Hundert, jetzt sind es richtig viele. Wir haben inzwischen auch in China und Amerika Server stehen. Ende Juli sind wir in China gestartet, ende September in Frankreich.

Ihr macht kein Marketing und lebt von Mund-zu-Mund Propaganda. Wie funktioniert das in China?

Christian: Genau wissen wir das auch nicht, aber es funktioniert. Die ersten 10.000 User aus China hatten wir dort bereits 10 Wochen nach dem Start!

Nach eurem ersten Businessplan wärt ihr Millionäre. Ist es euer Ziel schnell reich zu werden?

Fridtjof: In erster Linie geht's darum, dass jeder Jimdo nutzt. Unser Slogan heißt "Pages to the People" und darum geht's auch. Wenn sich dann der wirtschaftliche Erfolg einstellt - ist doch super!

Christian: Wenn es wegen des Geldes wäre, dann wären wir bis jetzt schlecht gefahren. Ich glaube, wenn ich mal soviel verdiene, wie unsere Angestellten, dann ist alles in Ordnung.

Matthias: Wir haben ja auch fast nichts bekommen. Die ersten eineinhalb Jahre haben wir uns nichts ausgezahlt, jetzt bekommen wir ein besseres Studentengehalt. Bei dem Maßstab ist jeder Angestellte echt teuer!

Christian: Wir glauben an die Sache. Jimdo kann hochprofitabel werden. Klar, irgendwann will man mal 'ne Pause haben. Wir haben nach der Schule immer voll Gas gegeben, aber eine Weltreise wäre ja auch nicht schlecht.

Ihr sitzt die ganze Zeit am Rechner, seht aber nicht aus, wie der typische Nerd: wie ein Maulwurf mit Brille und Haarproblem. Fridtjof, du bist sogar Profi-Kitesurfer...

Fridtjof: Nein, leider nicht mehr wirklich. Ich fahre immer noch im Nash-Team. Ein paar Jahre lang war ich in den Top-Ten, aber durch die Arbeit konnte ich nicht mehr genug trainieren. Das war hart: Da bist du immer ganz vorne mit dabei und kaum hast du weniger trainiert, schon bist du im Vergleich nicht mehr so gut. Das war schon Sch****. Wenn du zur Arbeit fährst und siehst die Leute am Strand, das tut echt weh.

Ihr habt ja Angestellte. Wie viele seid ihr jetzt?

Matthias: Zehn sind den ganzen Tag da, dazu kommen Studis als 400-Euro-Kräfte.

Christian: Wir haben jetzt sogar einen Azubi! Fachinformatiker! Mann, der ist der Knaller. Martin ist echt der Held. Der ist so intelligent! Dem gibst du so ein Buch und du merkst richtig, wie er das in den Kopf reinzieht!

Eure Firma kann auch so existieren. Trotzdem wollt ihr Kapitalgeber aufnehmen. Wieso?

Matthias: Die bringen nicht nur Geld mit, sondern auch Wissen und Kontakte. Wir haben jetzt technisch einen Vorsprung vor allen anderen, aber nur mit zusätzlichem Geld und mehr Know-How können wir jetzt beim Wachstum gewaltig zulegen.

Fridtjof: Wir wollen das zusätzliche Kapital für die Entwicklung von Jimdo. Auf keinen Fall warten wir nämlich darauf, von einem ganz Großen aufgekauft zu werden. Klar, unser Geschäft funktioniert jetzt schon. Das würde sich auch aus sich heraus weiter entwickeln und wir sind auch mächtig stolz drauf. Aber mit dem zusätzlichen Kapital schaffen wir es jetzt ganz nach vorn. Mit unserem Produkt haben wir echt was in der Hand und wir wollen jetzt richtig Gas geben.

Interview: Gernot Kramper