Josef Ackermann Fix und ignorant


Die Zahlen sprechen für Josef Ackermann, die Gefühle gegen ihn: Er hat die Rendite der Deutschen Bank gesteigert und ihr Ansehen ramponiert. Bald muss er wohl erneut auf die Anklagebank. Er ist der Absteiger des Jahres - sein Abgang rückt näher.

Wer die Welt des Josef Ackermann verstehen will, braucht ein wenig Fantasie und darf nicht zu sensibel sein. Nehmen wir einmal Folgendes an: Sie hocken mit ein paar Freunden am Seeufer. Plötzlich bricht ein Bär durchs Unterholz. Alle springen auf und rennen weg. "Wer überleben will", sagt der Chef der Deutschen Bank, "muss zwar nicht unbedingt so schnell laufen können wie der Bär, aber bitte doch schneller als die Mitläufer." Denn der Langsamste findet ein unschönes Ende als Bärenfraß.

Ackermann ist überzeugt, dass es sich mit dem Wettbewerb in Zeiten der Globalisierung so verhält wie mit der Flucht vor dem Bären. Nur hat das in Deutschland leider keiner verstanden. Deshalb ist er der Buhmann - bloß weil er überflüssige Mitarbeiter eilig rausschmeißt, bevor der Wettbewerber angeschlichen kommt. Das ist ungerecht. Findet Ackermann.

Man kann es auch

anders sehen. So wie vermutlich die Mehrheit der Deutschen: Bären gibt es hierzulande nur im Zoo. Wer Rekordgewinne macht, hat eine soziale Verantwortung. Und wenn er dann trotzdem - wie Ackermann - Leute entlässt, verhält er sich "asozial", wie es Franz Müntefering nannte.

Josef Ackermann ist Schweizer. Verstanden hat er die Deutschen nie. Und sie ihn nicht. Deutschland, sagte er einmal, sei das einzige Land, in dem Manager, die Werte schaffen, vor Gericht gezerrt werden. Vergangene Woche entschied der Bundesgerichtshof, dass ihm dies ein zweites Mal bevorsteht: Sein Freispruch wegen der Verteilung von Millionenprämien nach der Mannesmann-Übernahme wurde aufgehoben. Unter den Topmanagern der Republik ist Ackermann der Absteiger des Jahres.

Selbst ein Aufsichtsrat der Bank sagt jetzt gegenüber dem stern: "Wenn es zur Wiederaufnahme des Verfahrens kommt, ist Schluss für ihn." Der Personalausschuss habe "längst begonnen, sich umzusehen". Nach einem Nachfolger werde national und international gesucht, in und außerhalb der Bank. Bereits im Mai hatte der stern als Erster über die Ablösung Ackermanns berichtet für den Fall, dass er erneut vor Gericht müsse.

Als möglicher Termin für den Rücktritt wird nun der 2. Februar gehandelt. Da wird die Bank ihre Zahlen für das Jahr 2005 verkünden - sie werden großartig sein. Vermutlich wird Ackermann sein Ziel erreicht haben: eine Rendite auf das eingesetzte Kapital von 25 Prozent. Als er 2002 seinen Job antrat, lag die Rendite bei mickrigen 4,4 Prozent. Dafür hatte die Bank fast 30.000 Mitarbeiter mehr. Ist das eine Erfolgsbilanz? Oder zeigt sich da, wie "Heuschrecken" - gierige Turbokapitalisten - unser Land kahl fressen?

Wie kein anderer

steht der 57-Jährige für den Siegeszug angelsächsischer Gepflogenheiten in der deutschen Wirtschaft. Ausgerechnet die Deutsche Bank, einst das Herzstück des westdeutschen Kuschelkapitalismus, wird zum Symbol für eine ruppigere Variante des Profitstrebens. Manche Kritiker halten die von Ackermann geformte Bank mittlerweile für einen riesigen Hedgefonds mit angehängtem Privatkundengeschäft. Die Zeitschrift "International Financing Review" zeichnete sie unter anderem als "Derivatives House of the Year" aus - also als besonders kreativen Erfinder von riskanten und komplizierten Anlagen.

Josef Ackermann ist mittelgroß und mittelschlank, ein Mann mit feinen Umgangsformen. Ein Reserveoffizier und Klavierspieler, der sogar singen kann. Das Problem ist nicht der Mann, sondern die Welt, in der er lebt: Groß geworden ist Joe, wie ihn Freunde und Kollegen nennen, als Investmentbanker in New York. Er verhält sich noch immer so, wie es unter den smarten Jungs an der Wall Street üblich ist - und hat nie verstanden, dass die deutsche Öffentlichkeit das als Affront empfinden muss. Er will es auch gar nicht. Er ist stolz darauf, in New York genauso zu reden wie in Frankfurt.

Die Sache mit den Entlassungen zum Beispiel. Wenn in einer südhessischen Filiale ein Mitarbeiter zu viel an Bord ist und nur Geld kostet, muss er gehen. Nichts, aber auch gar nichts hat das in Joes Welt damit zu tun, ob und wie viel Gewinn die Bank am anderen Ende der Welt macht. Oder die Millionen für Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser und Kollegen.

Als die Übernahmeschlacht geschlagen war, bekamen die alten Manager Millionen - so macht man das in Joes Welt. Riesenboni gehören da zum Alltag. Die Deutsche Bank hatte Jahre, in denen die 100 besten Investmentbanker mehr kassierten als alle Aktionäre. So what? Oder sein eigenes Gehalt von rund zehn Millionen Euro im Jahr. Ist das obszön? Natürlich aus der Sicht der rausgeschmissenen Mitarbeiter - aber nicht in Joes Welt. Da ist es eher mager. Dann die Sache mit dem Immobilienfonds: In Joes Welt wäre es geradezu absurd, den hunderttausenden Kleinsparern mit eigenem Geld zu Hilfe zu eilen, nur weil andere Banken in Deutschland das so gemacht haben. Oder weil die Anlage als sehr sicher angepriesen wurde. Ist sie ja auch. Über Jahrzehnte gab es nur Gewinne, jetzt halt mal Verluste. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sein Geld auf dem Postsparbuch lassen.

Stopp, stopp, stopp, möchte man rufen. Setzen, Joe. So geht das nicht in Deutschland. Als der Bundesgerichtshof vergangene Woche den Freispruch wegen der Mannesmann-Millionen aufhob, bescheinigte der Vorsitzende Richter Klaus Tolksdorf den Ackermännern dieser Republik, sie hätten "keinen ausreichenden Bezug mehr zu der Welt, in der wir leben". Richtiger wäre gewesen zu sagen: Ackermann & Co leben nicht mehr in unserer Welt. In dieser Welt darf ein wegen Untreue angeklagter Spitzenmanager nicht im Gerichtssaal die Finger zum Victory-Zeichen hochhalten. Da darf ein Vorstandschef seine Mitarbeiter nicht nur als Kostenstellen betrachten, deren Beseitigung den Gewinn steigert. Zumindest sollte er so viel Feingefühl haben, nicht die Profitmaximierung und Jobminimierung in einem Atemzug zu verkünden. In dieser Welt kommt es - wie im Fall der Immobilienfonds - nicht nur auf den Buchstaben der Anlagebestimmungen an, sondern auch auf das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauen.

Ackermann ist Jekyll und Hyde, gut und böse. Ein fixer Junge und ein unbelehrbarer Ignorant. Auf der Hauptversammlung im Mai, als die von Müntefering angestoßene "Heuschrecken"-Debatte tobte, versuchte er zu erklären, warum Massenentlassungen sozial sein können: "Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung sind nur im Einklang mit den Kräften des Marktes zu erreichen." Nur wenn die Bank im internationalen Vergleich profitabel sei, könne sie sichere Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen und dem Gemeinwohl dienen. Stimmt alles. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.

Ein Aufsichtsrat der Bank sagt dem stern, Ackermann sei "ein Glücksfall" für das Unternehmen. Er halte den Laden zusammen und vermittle zwischen den Interessen der mächtigen Londoner Investmentgurus und denen der Traditionsbanker in Deutschland. Aber er lässt auch durchblicken, dass Ackermann so nicht weitermachen kann: "Es kann nicht nur um Gewinnmaximierung gehen, es muss auch um Unternehmenskultur gehen."

Dazu gehört auch Fairness. Noch kurz vor der Schließung des Fonds stand auf der Homepage der Deutsche-Bank-Immobilientochter DB Real Estate: "Heute vertrauen über 400.000 Anleger auf Grundbesitz-Invest." Genau das ist das Problem: Die Leute vertrauen der Bank, statt das Leben als ständigen Kampf zu begreifen. Es sind eben nicht alle darauf vorbereitet, dass jeden Moment die Bärenhatz losgeht. Ihnen hätte die Bank sagen können, dass sich die Zeiten geändert haben und nun neue Regeln gelten. Wer das nicht akzeptieren wolle, könne aussteigen. Nur ist derart sanfte Pädagogik nicht nach dem Geschmack der Bank. Aufsichtsratschef Rolf-Ernst Breuer feierte die rabiate Fondsschließung folgerichtig als "Meilenstein auf dem Weg aus der Deutschland AG". Da klingt mit, dass den Deutschen die neue Spielart des Kapitalismus brutalstmöglich beigebracht werden solle, da sie sonst nichts begreifen.

Wettbewerb herrscht eben überall - selbst an der Spitze der Bank. Auch da muss man schneller sein als die anderen, sonst holt einen der Bär. Wenn es wirklich ernst wird, wie für Josef Ackermann in diesen Tagen, bleibt noch eine Alternative: dem gefährlich schnellen Nebenmann ein Bein stellen. Wie ein Bankkenner berichtet, ging es bei der Schieflage des Fonds gerade mal um 50 Millionen Euro. Ackermann habe die Schließung nur durchgesetzt, um den zuständigen Spitzenbanker Rainer Neske zu schwächen. Der gilt als aussichtsreicher Kandidat für seine Nachfolge.

Stefan Schmitz print

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