Josef Ackermann V wie Victory


Josef Ackermann gilt vielen als Inbegriff des profitgierigen Managers. Doch bei kaum einem Wirtschaftsführer klaffen Image und Realität so weit auseinander wie beim Chef der Deutschen Bank. Wie gut er seinen Job beherrscht, hat er im abgelaufenen Jahr erneut bewiesen.
Von Mathias Schlosser

Passender hätte es nicht sein können: An seinem 60. Geburtstag hat Josef Ackermann die Bilanz der Deutschen Bank präsentiert und wieder alle eines Besseres belehrt. Das Kreditinstitut hat die Krise in den USA ohne weitere Abschreibungen gut überstanden und ein Rekordergebnis für das vergangene Jahr vorgelegt.

In der vergangenen Woche hatte an der Börse noch ein Gerücht die Runde gemacht: Eine Gewinnwarnung stehe an. Es könnten mehr als die bereits bekannten 2,2 Milliarden Euro sein, die die Bank im dritten Quartal durch die US-Hypothekenkrise verloren hat. Dass Josef Ackermann in den vergangenen Wochen stets erklärt hat, mit dieser Zahl sei "volle Transparenz" hergestellt, schienen ihm viele nicht zu glauben. Der Kurs der Aktie gab deutlich nach.

Dabei ist auf das Wort eines Josef Ackermanns eigentlich Verlass. Rechtschaffenheit gehört zu seinen obersten Tugenden. "Der Vorwurf, dass ich nicht ehrbar bin, würde mich mehr treffen als der Vorwurf, ich hätte das Unternehmen nicht erfolgreich geführt", sagte er einmal. Und Ackermanns Schweizer Landsmann Reto Franconi - seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG - bestätigt: "Was Ackermann verspricht, das hält er auch."

V wie Victory

Doch das negative Image klebt wie Pech an Josef Ackermann. Vielleicht liegt es daran, dass sein Gehalt von über zehn Millionen Euro Jahr für Jahr in den Zeitungen diskutiert wird. Vielleicht liegt es aber auch an jenem verhängnisvollen Moment, als sich "Low-key-Joe", so wird er von amerikanischen Kollegen beschrieben, wieder einmal besonders zwanglos gab: Es ist der 21. Januar 2004 und Josef Ackermann wartet im Düsseldorfer Landgericht auf den Beginn des Mannesmann-Prozess. Weil die Richterin sich verspätet, stehen er und die anderen prominenten Angeklagten 40 Minuten lang im Sitzungssaal, umringt von Fotografen. Sitzen und Akten studieren will er in dieser Situation nicht.

Stattdessen imitiert Deutschlands führender Banker Michael Jackson, der seinerzeit in den USA ebenfalls angeklagt ist, grinst und spreizt wie der Popstar die Finger zum Victory-V. Es blitzt hundertfach und die harmlose Blödelei wird zum Inbegriff der Überheblichkeit. Tragisch ist, dass Josef Ackermann genau dieses Image der Deutschen Bank eigentlich beseitigen wollte, als er im Jahr 2002 Sprecher des Vorstands wurde. Mit ihm zog ein neuer Stil in Deutschlands größte Bank ein.

"Weichei aus der Schweiz"

Ackermann unterschied sich diametral von seinen Vorgängern, dem polternden Hilmar Kopper und dem eitlen Rolf Breuer. Mit seiner ruhigen Art wirkte er zunächst nicht gerade wie das neue Alpha-Tier der deutschen Wirtschaft und so mancher in der Frankfurter Bankenszene prophezeite dem "Weichei aus der Schweiz" eine kurze Karriere an der Spitze der Deutschen Bank. Ein Schöngeist, der Museen liebt und ausgebildeter Tenor ist, das könne auf Dauer nicht gut gehen.

Doch Josef Ackermann belehrte seine Kritiker eines Besseren. Vielleicht tritt er nicht so dominant auf wie seine Vorgänger, an Ehrgeiz übertrifft er sie allemal. Wo immer er Station machte, hinterließ er Spuren seines scheinbar bedingungslosen Strebens nach Verbesserung, dem auch die eine oder andere Bankerkarriere und beinahe sogar die eigene zum Opfer fiel: Nur vier Jahre nachdem er 1977 seine Laufbahn als Trainee bei der Schweizerischen Kreditanstalt begonnen hatte, führte er eine Abteilung mit 300 Mitarbeitern.

Kurz darauf hatte er nur noch Rainer Gut vor sich, die Legende an der Spitze der Credit Suisse. Gut wurde zum großen Mentor von Josef Ackermann. "Max und Moritz" hießen die beiden in Schweizer Bankkreisen und es schien ausgemacht, dass Ackermann den Patriarchen beerben wird. Doch Mitte der 90er Jahre zeigte er allzu deutlich, dass er den Posten von Gut will und wurde prompt entmachtet.

Lange arbeitslos blieb der Spitzenbanker freilich nicht: Hilmar Kopper holte ihn 1996 in den Vorstand der Deutschen Bank. Dort entwickelte er das Investmentbanking zur Blüte und bescherte seinem neuen Arbeitgeber in den Folgejahren reichlich Profit. Der Preis dafür war eine völlig neue Deutsche Bank. Zunächst musste Rolf Breuer mehr oder minder freiwillig die Segel streichen, dann faktisch der ganze Vorstand. Denn Ackermann installierte mit dem so genannten "Group Executive Committee" ein Gremium, das annähernd so wichtig ist wie der Vorstand, in dem aber vor allem die Investmentbanker das Sagen haben.

Tun, was getan werden muss

Unter Josef Ackermann wurde die Deutsche Bank auch zum Global Player, der nur noch 25 Prozent seines Geschäfts in Deutschland abwickelt. Der Vorstandssprecher kann das lange und geduldig begründen, doch in der Öffentlichkeit gilt er als einer, der zu Gunsten des Profits auch deutsche Heiligtümer auf dem Altar der Globalisierung opfert. Tatsächlich klaffen auch hier Image und Realität auseinander. Denn unter Ackermann intervenierte die Deutsche Bank häufiger als früher, wenn es darum ging, den Standort Deutschland zu festigen, so bei EADS, der Berliner Bank oder der Deutschen Börse AG.

Für Josef Ackermann gehören solche Dinge zum Tagesgeschäft, für das man sich nicht feiern lässt. Ohne großes Brimborium tut er eben, was getan werden muss. Und was getan werden muss, das sagen ihm vor allem Kennziffern und Marktdaten, weniger die Menschen, die dahinter stehen. Dass er dafür in Deutschland nicht geliebt wird, hat er mittlerweile erkannt - und nimmt es hin.

Überhaupt ist die Gelassenheit wohl die größte Tugend von Josef Ackermann. Und mit dieser Gelassenheit wird er auch versuchen, die aktuelle Subprime-Krise zu überwinden. Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen, nicht einmal große öffentliche Auftritte, die ihm eigentlich ein Gräuel sind. So erklärte er den Deutschen im Herbst bei Sandra Maischberger die Zusammenhänge der Turbulenzen und wurde im Januar nicht müde, in verschiedenen Interviews die Spätfolgen für die Weltwirtschaft darzulegen und die Banken zur Vorsicht zu mahnen. Danach rätselten alle, ob der Investmentbanker Ackermann der Feuerwehrmann oder der Zündler ist. Mit den Zahlen für abgelaufene Jahr hat er es allen Zweiflern aber wieder bewiesen.


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